Porträt der Woche

»Ich bleibe Pädagogin«

Malen, basteln, spielen: Zu Hause bereitet sich Raisa Pazovskaya auf ihre Arbeit vor. Foto: Christian Rudnik

Mein Mann steht früh auf. Viel früher als ich. Da ist es gerade mal sechs Uhr. Alles ist noch ruhig. Ein paar Menschen machen sich auf zur Arbeit. Wenige Schritte von uns entfernt führt eine schmale Betonbrücke über die Straße, und schon kann man in den Bus einsteigen. Ein paar Haltestellen, und wir sind am U-Bahnhof, von da ist es nicht weit ins Zentrum.

Die Stadt brauche ich für meine Ideen. Manchmal fahre ich einfach los und sehe mir die Auslagen in den Schaufenstern an, oder ich blättere in den Büchern der Buchhandlungen. Wir wohnen gut. Es gibt zwar viel Beton, aber auch viel Grün. Die Blütenblätter unter dem Baum am Eingang zeigen, dass der Hausmeister für ein paar Tage nicht da ist. Hier ist alles in Ordnung.

Im Türrahmen zu meiner kleinen Küche hängt ganz oben ein Barren. Während ich morgens noch im Bett liege, macht mein Mann seine Gymnastik. Abends ist es genau umgekehrt: Mein Mann ist längst im Bett, und ich sehe fern – je später der Abend, umso besser das Programm. Ich mag Talkrunden und interessiere mich für Sendungen, die Lebenslinien von Menschen nachgehen.

belarus Ich wurde 1950 in Weißrussland geboren, in Mogilev. Das ist eine Stadt voller Kultur. Sie hat sehr unter dem Krieg gelitten, viel wurde zerstört, aber wie wunderbar hat man ihr Zentrum in den vergangenen Jahren wieder aufgebaut! Wir haben uns das angesehen und gestaunt. Auch die Straße, in der ich als Kind gewohnt habe, ist erneuert – mit Pflastersteinen und hübschen Cafés. Heute hat sie zwei Namen: »Leninstraße« und »Gartenstraße«. Früher ist der Zar gern nach Mogilev gekommen. Er hatte dort seine Sommerresidenz. Am Abend ging er ins Theater. Und wer hat dort das Orchester dirigiert? Mein Urgroßvater!

Meine Mutter wollte, dass ich Geigerin werde. Ich habe früh begonnen, dieses Instrument zu lernen, aber irgendwann entdeckte ich meine Leidenschaft für Chemie. Das lag an einer guten Lehrerin. Es muss in der achten Klasse gewesen sein, da machte mir die Lehrerin den Vorschlag, jeden Abend zu ihr zu kommen und mich auf die Chemie-Olympiade vorzubereiten. Das habe ich gemacht – und gewonnen! Ich erkannte, wie wichtig gute Lehrer sind. Daraus wurde mein Beruf: Ich bin eine leidenschaftliche Pädagogin.

Theater Als wir im Jahr 2000 nach München kamen – ich, mein Mann und mein Sohn –, zogen wir erst einmal ins Wohnheim. Ich habe die Kinder dort beobachtet und gemerkt, wie viel Aggressivität in ihnen steckt. Sie hatten es nicht leicht. Ich habe nachgedacht und bin zur Leiterin des Wohnheims gegangen. Die hat mir den Schlüssel zum Saal gegeben, und mein Mann und ich haben angefangen, die Kinder dort zusammenzubringen. Unser Plan war es, mit ihnen ein Theaterstück und ein Konzert aufzuführen. Jeden Tag haben wir geprobt, und vor jeder Probe gab es Streit, manchmal sogar Schlägereien. Die Kinder waren so wild. Wir mussten sie erst einmal beruhigen. Aber schließlich haben wir es geschafft, und die Aufführung war ein Erfolg.

Danach ist die Sozialpädagogin des Wohnheims zu mir gekommen und hat mich gefragt, ob ich mit ihr zusammen ein dreiwöchiges Daycamp für die Kinder organisieren wolle. »Ja, gerne«, sagte ich und habe das zusammen mit meinem Mann in die Hand genommen. Danach wurde ich ins Jugendzentrum eingeladen. So ist mein erster Kontakt zur Gemeinde entstanden. Das Jugendzentrum hat mich nach Bad Sobernheim geschickt, wo ich in Seminaren viel über das Judentum erfahren habe. Ich bin immer wieder dorthin gefahren, inzwischen vielleicht sieben Mal. Ich lerne und gebe das Gelernte weiter.

Dann bekam ich von der Gemeinde eine Stelle, die hieß »Willkommensservice«. Ich kümmerte mich um die Zuwanderer, die auf fünf oder sechs Wohnheime verteilt waren. Ich lernte die Familien kennen, habe die Kinder begleitet, ihnen vom Judentum erzählt, sie zum Sonntagsprogramm ins Jugendzentrum gebracht, Nachhilfe und Deutschkurse organisiert. Das war eine gute Sache, und jetzt sehe ich die Kinder heranwachsen.

Seit 2005 gibt es so gut wie keine Zuwanderer mehr, und meine Stelle wurde gestrichen. Jetzt arbeite ich ehrenamtlich fürs Jugendzentrum. Ich mache meine Dienste am Informationspunkt und helfe, wo ich kann. Donnerstags leite ich eine kreative Runde für demenzkranke Menschen in unserem Seniorenheim.

»Keschet« Alle zwei Wochen, immer sonntags, bin ich für meine Gruppe »Keschet« da. Das ist Hebräisch und heißt Regenbogen. Da treffen sich geistig behinderte Erwachsene. Sie kommen mit ihren Eltern. Wir singen und spielen zusammen, machen Ausflüge, malen und basteln.

Ich finde Pädagogik ein ungemein interessantes Feld und lese noch immer in den Schriften wichtiger Theoretiker. Ich denke, das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler ist sehr wichtig. Es sollte eng sein. Früher sind meine Schüler immer auch zu mir nach Hause gekommen oder ich zu ihnen. Man hat sich füreinander interessiert, der Lehrer war geachtet, die Schüler haben ihm ab und zu Geschenke gemacht. Als ich mein Land verlassen habe, übergaben mir meine Schüler zum Abschied kleine christliche Heiligenfiguren – sie wussten ja nicht, dass ich Jüdin bin.

Lenin Wenn ich an meine Anfänge als Lehrerin zurückdenke, muss ich lachen. Wir lebten mittlerweile in Moskau, wo mein Mann als Steinmetz arbeitete, und ich hatte schon einen dreijährigen Sohn. Ich stand also mit meinem Kleinen in der langen Schlange vor dem Schulamt. Anfang der 70er-Jahre sind aus demografischen Gründen viele Schulen in Russland geschlossen worden. Ohne allzu viel Hoffnung auf eine Stelle hielt ich mein Diplom in der Hand und wartete. Wir wurden ins Zimmer gerufen. Da zeigt mein Kleiner auf das Bild, das über der Schulamtsleiterin hing, und ruft: »Das ist ja Lenin!« Und ich hatte meine Stelle.

An Benachteiligungen im Beruf aufgrund meiner jüdischen Herkunft kann ich mich nicht erinnern. Doch ein Erlebnis, das ich als Kind hatte, schmerzt mich bis heute: Meine Mutter hatte mich zum Laden geschickt, um saure Sahne zu kaufen. Ich gehe also mit dem Glas durch die Straßen, und plötzlich kommen fremde Kinder und beleidigen und schlagen mich. Ich renne nach Hause, überall mit Sahne beschmiert. »Mama, warum haben die das getan?«, frage ich. Da hat mir meine Mutter erzählt, dass wir Juden sind, sie berichtete auch vom Holocaust und was mit meiner Familie passiert ist. Die Verwandten, die ich kannte, waren also Überlebende. Und dann sagte sie: »Mädchen, du musst in deinem Leben immer ein bisschen besser sein als die anderen.« Ich war damals fünf Jahre alt.

Ich erinnere mich auch noch an meinen Großvater. Er hatte in seinem Haus eine Betstube, obwohl das verboten war. Von meinen Großeltern habe ich jüdische Tradition erfahren – ohne zu wissen, dass ich Jüdin bin.

Es sind so viele Jahre vergangen. Meine Mutter lebt hier im Seniorenheim, und mittlerweile bin ich selbst Großmutter eines kleinen fünfjährigen Mädchens. Mein Sohn wohnt mit seiner Frau nicht allzu weit von München entfernt, wo er als Arzt arbeitet. Und wenn unsere Enkelin zu Besuch kommt, dann bereite ich mich sorgfältig darauf vor. »Oma, was machen wir, wenn ich zu dir komme?«, fragt sie am Telefon. Ich bin und bleibe eine Pädagogin.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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