Porträt der Woche

»Ich bin Sächsin«

»Ich werde oft gefragt, wie wir als Juden in der DDR gelebt haben«: Renate Aris (79) Foto: André Koch

Gerade habe ich wieder eine längere Israelreise hinter mir, ich bin noch voller Eindrücke: Ich habe die Zeit bei meinen Verwandten in Modi’in genossen, mit ihnen gefeiert und Freunde in Kiriat Bialik besucht. Auch hat es mich wieder für ein paar Tage nach Jerusalem gezogen: Jedes Mal entdecke ich dort Neues und Aufregendes. Wäre ich 25 Jahre jünger, würde ich wohl meinen Wohnsitz nach Israel verlegen. Aber eigentlich bin ich durch und durch Sächsin.

Mit meinem Bruder Heinz-Joachim, der in Dresden lebt und dort bis vor Kurzem Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde war, telefoniere ich oft. Vor 25 Jahren hätten wir uns wahrscheinlich gar nicht träumen lassen, dass uns im jüdischen Umfeld noch einmal so viele Aufgaben zuwachsen. Aber es hat für mich nie die Frage gegeben, die Gemeinde zu verlassen. Das hätte sich von selbst verboten, nach all dem, was wir, unsere Verwandten und Freunde während der Nazizeit erlebt haben.

DDR Wir waren nie sonderlich religiös, aber der Gottesdienstbesuch und das gemeinsame Begehen der jüdischen Feiertage in Dresden, Karl-Marx-Stadt oder manchmal auch in Leipzig waren ein absolutes Muss. Nicht durch äußeren Zwang, ganz im Gegenteil. Dass wir am Ende der DDR in den drei Städten noch aktive Gemeinden hatten, wie klein auch immer, war schon ein großes Wunder.

Und dann kam das zweite Wunder: das unerwartete Wachstum durch die Zuwanderer aus der früheren Sowjetunion. In Chemnitz waren wir 1989 nur noch zwölf Mitglieder, und keiner war jünger als 50. Das war ein Kraftakt, in eine so kleine Gemeinde Neuankömmlinge zu integrieren! Die haben unser bescheidenes Gemeindeleben verändert. Manchmal gibt es noch heute Missverständnisse und Sprachprobleme. Doch vieles ist neu entstanden und gewachsen, und es ist eine Freude, das zu erleben.

Heute haben wir Leute in allen Altersgruppen, und es gibt neue Vereine: einen Chor, eine Tanzgruppe, Bikkur Cholim, eine Chewra Kadischa und auch einen Frauenverein. Der ist so etwas wie mein »Baby«. Ich habe ihn 1999 vor allem gemeinsam mit Zuwanderinnen wiedergegründet und leite ihn bis heute. Der erste jüdische Frauenverein in Chemnitz entstand 1875, aber er wurde 1939 zwangsaufgelöst.

In unserem Verein hatte ich noch nie den Eindruck, uns könnten die Ideen ausgehen. Wir alle hatten immer große Lust aufs Reisen und haben das mit viel Bildung verbunden. Doch da nun viele unserer Damen aus Altersgründen nicht mehr reisen können, haben wir für unsere Zusammenkünfte interessante Themen im Programm, die unser Leben, aber auch die Gesellschaft und das heutige Verständnis vom Judentum betreffen. Wir laden Wissenschaftler, Künstler, Rabbiner, Lehrer, Pfarrer und Kommunalpolitiker ins Gemeindezentrum ein. Auch ein paar nichtjüdische Freunde nehmen an unseren Veranstaltungen teil und unterstützen uns.

Kindheit Häufig werde ich zu Veranstaltungen eingeladen, um über meine Kindheit in Nazideutschland, über all die erlittenen Repressalien zu sprechen, aber auch als Holocaust-Überlebende und als Jüdin aus der ehemaligen DDR. Es hört sich vielleicht etwas makaber an, aber das, was ich in meinen ersten zehn Lebensjahren – von 1935 bis 1945 – erlebt habe, lässt sich manchmal einfacher beschreiben und vermitteln, als es tatsächlich war.

Die Leute sind natürlich schockiert, wenn ich ihnen erzähle, dass der verheerende amerikanische Bombenangriff auf Dresden im Februar 1945 meiner Familie das Leben gerettet hat. Für den 16. Februar war unsere Deportation nach Theresienstadt vorgesehen, aber nach der Angriffswelle war Dresden ein Brandinferno. Die Bahnhöfe und Gleise waren zerstört – der Zug in den Tod fiel aus.

Ich bin oft gefragt worden, weshalb wir nach Kriegsende Deutschland nicht verlassen haben. Fast genauso oft kommt die Frage, wie wir denn später in der DDR gelebt haben. Beide Fragen kann ich nicht mit restloser Klarheit beantworten, aber eigentlich wurde ein Weggehen zu Hause nie wirklich ernsthaft diskutiert. Nicht 1945 und auch nicht 1953, als viele Juden die DDR in Panik verließen.

Israel Besonders mein Vater fühlte sich so sehr als deutscher Jude, dass es ihm wohl nie in den Sinn gekommen wäre, nach Israel oder in ein anderes Land zu gehen. Auch 1953 hat daran nichts geändert, obwohl er in diesem Jahr für sechs Wochen verhaftet wurde.

Meine Mutter kam aus einem nichtjüdischen Elternhaus, sie hat zu uns auch während der Nazizeit gestanden und hatte großen Anteil an unserem Überleben. Nach dem Krieg ist sie zum Judentum übergetreten, vorher war das nicht mehr möglich. Leider ist sie schon 1952 gestorben, ich war damals 17. Mein Vater hat bis zu seinem Tod 1987 mehr als 30 Jahre lang die Jüdische Gemeinde in Dresden geleitet, und 25 Jahre war er Vorsitzender des Verbandes der Jüdischen Gemeinden in der DDR.

Manches war für meinen Bruder und mich natürlich auch nach dem Krieg noch sehr belastend. Er war fast zwölf, und ich war zehn, als wir das erste Mal ein Klassenzimmer betraten. Umso größer war unser Ehrgeiz in der Berufsausbildung und im Studium. Ich wollte gern Gewandmeisterin werden, und als solche habe ich dann an verschiedenen Theatern in Dresden und in Wittenberg gearbeitet. Ende der 60er-Jahre wechselte ich nach Karl-Marx-Stadt, das heute wieder Chemnitz heißt. Dort eröffnete das DDR-Fernsehen ein großes Studio.

Rasch hatte ich dort Verbindung zur jüdischen Gemeinde. Wir waren eine Schicksalsgemeinschaft – so etwas zählt. Es hatte in meiner Kindheit und Jugend so beeindruckende Momente gegeben. Mein Bruder und ich erlebten 1948 unsere Bar- und Batmizwa in einem Betraum des Dresdner Gemeindehauses. Es blieb allerdings die letzte Feier dieser Art für die nächsten 50 Jahre.

vorruhestand
Im Jahr der deutschen Wiedervereinigung, 1990, konnte ich durch eine besondere Regelung in den Vorruhestand gehen. Aber ähnlich wie bei meinem Bruder bedeutete dies eigentlich nur, dass ich nun vor allem Aufgaben in der Gemeinde übernahm: So habe ich nicht nur den Jüdischen Frauenverein neu gegründet, sondern war auch 15 Jahre lang stellvertretende Vorsitzende im Gemeindevorstand und zwei Jahre Vorsitzende des Gemeinderates.

Mittlerweile ist es bei mir etwas ruhiger geworden – das heißt, heute kann ich meine Termine ein Stück weit selbst festlegen. In der Gemeinde gibt es natürlich immer etwas zu tun: Synagogenführungen, Vorträge, Volkshochschulkurse, die Begleitung von Abiturienten zu jüdischen Themen, gemeinsame Seminare mit der Landeszentrale für politische Bildung.

Das bindet Kraft und Zeit, sodass mich Freunde manchmal fragen, wann ich denn mal frei hätte. Doch ich tue diese Arbeit sehr gern, denn die Jugend ist unsere Hoffnung. Gern spreche ich auch vor Studenten, Polizeischülern und anderen angehenden Berufsgruppen. Ich erlebe viel Interesse und Aufmerksamkeit, aber auch Nachholbedarf, was das Wissen über die Verbrechen der Nazis betrifft. Nach solchen Begegnungen habe ich die Hoffnung, dass der neue rechtsextreme Spuk in Deutschland eben doch beherrschbar bleibt – und ein friedliches Miteinander siegen wird.

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