Porträt der Woche

»Ich bin mehr Ossi als ihr alle«

»Ich habe im Elternhaus Ähnliches erlebt wie viele gleichaltrige Ostdeutsche«: Oleg Shevchenko (24) aus Mühlhausen Foto: Christian Lemke

Ich habe das Gefühl, dass Juden bei den Sozialdemokraten gut aufgehoben sind. Das liegt vor allem daran, dass es für die SPD als Staatsräson gilt, sich für die Sicherheit Israels einzusetzen.

Bevor ich in die SPD eintrat, war ich einmal im Bürgerbüro der Linken bei uns in der Stadt, doch da saßen nur alte Männer – das erinnerte mich an die DDR. Und da ich weiß, dass es im Westen antisemitische Strömungen in der Linken gibt, kam es also für mich gleich aus zwei Gründen nicht infrage, der Linkspartei beizutreten.

Gesellschaft Ich komme aus einem linken Elternhaus. Bei uns wurde viel politisch diskutiert, wir haben beim Abendbrot die Gesellschaft kritisiert und über Marx gesprochen.

Meine Mutter und mein Vater kommen beide aus armen Verhältnissen. Sie mussten sich hocharbeiten. Weil ich ein politischer Mensch bin und möchte, dass alle Menschen gleiche Chancen haben, fand ich es naheliegend, mich in der Sozialdemokratie zu engagieren. Und so bin ich mit 14 Jahren den Jusos beigetreten.

Meine Eltern waren nicht begeistert davon. Ich sei noch viel zu jung, meinten sie. Vor allem gefiel ihnen nicht, dass ich am Wochenende mit den Jusos verreiste. Doch sie konnten wenig machen, ich bin hartnäckig.

Der Davidstern auf meinem Wahlplakat hat mich schockiert.

Es dauerte nicht lange, bis ich auch der Partei beitrat. Das war Ende 2010, kurz nach meinem 15. Geburtstag. Ich bin zu meinen Eltern gegangen und habe gesagt: Ich möchte Mitglied der SPD werden, das kostet 2,50 Euro im Monat. Sie waren überrascht, aber meine Mutter sagte: »Vielleicht ist das gar nicht schlecht, denn es zeigt ja auch eine Integrationsleistung, die du damit vollbringst.« Und so meldete ich gleich die ganze Familie für die Partei an.

Meine Eltern und meine Schwester sind nach wie vor Mitglieder. Tatsächlich ist meine Mutter dann auch einmal zu einer Parteiversammlung gegangen und hat sich das Parteibuch abgeholt. Und meine Schwester füllt ihre Mitgliedschaft mit Leben, indem sie mir ihre stille Solidarität zeigt.

kindheit Ich wurde 1995 in Simferopol auf der Krim geboren. Doch seit meinem achten Lebensjahr lebe ich in Mühlhausen, einer sehr alten Stadt im Nordwesten Thüringens. Mühlhausen war einst sehr wohlhabend, eine Freie Reichs- und Hansestadt, und in seiner Blütezeit war es sogar größer als Leipzig!

Mühlhausen ist die Stadt, die dem geografischen Mittelpunkt Deutschlands am nächsten liegt. Und noch ein Superlativ: Der Turm unserer Marienkirche ist der höchste in ganz Thüringen! In Mühlhausen lebten der Reformator Thomas Müntzer und ein Jahre auch Johann Sebastian Bach. Außerdem wurde hier der Ingenieur Johann August Röbling geboren, der Konstrukteur der Brooklyn Bridge in New York.

Mühlhausen ist meine Heimatstadt, und ich möchte mich gern für sie einsetzen.

Man merkt, ich mag Mühlhausen. Ich bleibe hier wohnen wegen meiner Eltern. Es ist meine Heimatstadt, und ich möchte mich gern für Mühlhausen einsetzen. Seit Juni 2019 bin ich Mitglied des Stadtrats. Jetzt sitze ich im Bauausschuss, mag den Denkmalschutz.

Dass meine Familie vor 16 Jahren nach Mühlhausen kam, liegt daran, dass es in der Stadt eine Synagoge gibt und die Behörden dachten, es sei gut, hier jüdische Kontingentflüchtlinge anzusiedeln. Aber wir waren nur ein paar Familien, und so wurde nichts aus einer eigenen Gemeinde.

Eisenberg Die erste Zeit verbrachten wir im Aufnahmelager Eisenberg. Die Sachbearbeiterin dort, die erste Amtsperson, der wir in Deutschland begegneten, riet meinen Eltern, wegen des Antisemitismus nicht darüber zu sprechen, dass wir Juden sind.

Der Ratschlag war gut gemeint, und wir haben ihn lange befolgt. Sobald man auf Religion zu sprechen kam, haben wir immer über die russische Orthodoxie gesprochen. Dazu muss man wissen: Mein Vater ist nicht jüdisch, und meine Eltern haben mich als Kind russisch-orthodox taufen lassen.

Wir haben draußen nie über das Jüdische gesprochen. Als ich Reinhard Schramm einmal davon erzählte, dem Vorsitzenden unserer jüdischen Landesgemeinde – er ist auch in der SPD –, da sagte er: »Du musst offensiv mit deinem Jüdischsein umgehen!« Das beherzige ich seitdem. Aber es hat auch zu Nachteilen geführt.

Am schlimmsten traf es mich letzten Herbst, als ich für den Landtag kandidierte. Da gab es antisemitische Schmierereien auf Wahlplakaten. Das hat mich schockiert. Es war schwer zu verdauen, einen Davidstern auf meinem Gesicht zu sehen.

Es ist nicht das erste Mal gewesen. Manchmal bekomme ich anonyme Mails wie: »Zieh doch in dein Tel Aviv!« Das ist für mich emotional schwierig, aber ich bekomme es noch nicht fertig, es der Polizei zu melden. Das wäre zu belastend.

bewusstsein Jüdisch zu sein, hat für mich nichts mit Religion zu tun. Vielmehr heißt es, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die kollektiv eine Erfahrung teilt. Ich spüre diese unglaubliche Verbindung, fühle mich mehr jüdisch als russisch. Aber dieses Bewusstsein ist bei mir erst mit der Zeit gekommen, denn es wurde mir nicht vorgelebt. Mein Großvater mütterlicherseits war Mitglied der KPdSU – da passte es nicht, in die Synagoge zu gehen.

Als ich anfing, in Jena zu studieren, habe ich mich dann bei der Jüdischen Gemeinde gemeldet, aber ich war eigentlich nie dort. Inzwischen bin ich aktiver. Vergangene Woche, am 27. Januar, habe ich bei unserer Gedenkveranstaltung in der Landesgemeinde eine Rede gehalten.

Während der Schoa sind viele in der Verwandtschaft nach Kasachstan geflüchtet und haben dort überlebt.

Bei uns in der Familie gab es wenige Schoa-Opfer. Wir können uns relativ glücklich schätzen. Viele in der Verwandtschaft sind nach Kasachstan geflüchtet und haben dort überlebt. Nach unserer Auswanderung bin ich nur noch einmal in Simferopol gewesen. Aber während meines Studiums – ich habe zuerst Volkswirtschaft und dann BWL studiert – war ich ein Semester an der Lomonossow-Universität in Moskau. Das wollte ich schon immer, es ist das russische Harvard.

Krim Dass die Krim an Russland abgetreten wurde, halte ich für falsch. Anfangs haben sich meine Freunde dort gefreut, doch jetzt nicht mehr, denn sie können nicht ausreisen. Die Heimat meiner Kindheit ist verschwunden. Keiner meiner jüdischen Verwandten lebt noch dort. Etliche sind nach Israel ausgewandert oder in die USA. Der Cousin meiner Mutter war Rabbiner auf der Krim. Er verließ die Halbinsel sofort nach dem Referendum.

Ja, es war meine Heimat – auch wenn ich Ukrainisch damals nicht gemocht habe. Und das, obwohl ich Shevchenko heiße – wie der ukrainische Nationaldichter. Es wäre so, als würde ich in Thüringen Goethe heißen.

Manchmal werde ich gefragt, ob ich mich als Thüringer fühle. Nun, ich denke, viel thüringischer als ich kann man kaum sein: Ich lebe in Mühlhausen, arbeite in Gotha, gehöre zur Gemeinde in Erfurt, habe in Jena studiert – und in Weimar habe ich Freunde.

Thüringen hat kulturell sehr viel zu bieten.

Ich bin bei der Landtagswahl angetreten, weil ich – ja, das sage ich ganz bewusst – Thüringen geil finde. Es hat kulturell sehr viel zu bieten, es ist grün, es ist süß, und die Thüringer sind ein nettes Völkchen. Ich glaube, dass Thüringen bundesweit unterschätzt wird. Wir sind viel cooler, als man denkt.

Manchmal sage ich zu Leuten, die hier geboren sind: »Ich bin mehr Ossi als ihr alle – ich komme von der Krim.« Und in der Tat: Ich habe im Elternhaus sehr ähnliche Transformationsprozesse erlebt wie viele gleichaltrige Ostdeutsche. Meine Eltern haben durch die Perestroika viel verloren, sie haben eine gebrochene Erwerbsbiografie. Das hat mich sehr geprägt. Daher kann ich viele Ostdeutsche gut verstehen und thematisiere sehr oft diese Ostperspektive.

WAHL Ich möchte nicht weg aus Thüringen. Ich will etwas ändern, etwas dafür tun, dass es keine Unterschiede mehr gibt zwischen Ost und West. Aber manchmal befürchte ich, dass wir vielleicht auch in 25 Jahren noch immer darüber sprechen werden.

Ich arbeite Vollzeit als persönlicher Referent des Landrats von Gotha, und meine Freizeit ist vor allem mit Kommunalpolitik und Parteiarbeit ausgefüllt. Manchmal nehme ich dafür Urlaub. Seit 2017 bin ich Juso-Landesvorsitzender, und ich sitze im Kreistag. Bei der Landtagswahl habe ich keinen Sitz bekommen. Das letzte Jahr war sehr turbulent, wir haben das ganze Jahr Wahlkampf gemacht, leider ohne großen Erfolg.

Doch viel schlimmer finde ich, dass die AfD mit mehr als 20 Prozent in den Landtag eingezogen ist und jetzt eine Riesenfraktion bildet, die eine Menge Geld bekommt. So viele Leute haben Björn Höcke gewählt! Das ist bitter. Da frage ich mich schon manchmal, ob Thüringen noch das Bundesland ist, in dem ich leben will – bei aller Liebe.

Aufgezeichnet von Tobias Kühn

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