Ukraine

»Ich bete, dass es keinen Krieg gibt«

Mit welcher Vehemenz der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine auch die Gemeinschaft der Zuwanderer in den Gemeinden spaltet, die schon länger in Deutschland leben, zeigt das Schicksal einer kleinen Familie aus Hamburg. Michael ist Vertriebsmitarbeiter und viel unterwegs. Er stammt aus der Schwarzmeerstadt Odessa (Ukraine). Während er – beruflich eingespannt – wenig Zeit mit seiner Familie verbringen konnte, saß seine Frau mit ihrem kleinen Sohn bei ihren Eltern zu Hause. Die stammen aus Russland.

Es kam zum Zerwürfnis. »Meine Gespräche per Skype mit Studienfreunden in der Ukraine, mit meinen Eltern, die ihre Sicht der Dinge schilderten und über ihre Sehnsucht nach Selbstbestimmung der Ukraine sprachen, brachten nichts«, erzählt Michael.

Als die Krim zum russischen Staatsgebiet erklärt wurde, haben seine Frau und ihre Eltern das mit Krimsekt gefeiert. »Da bin ich ausgezogen. Das russische Fernsehen und die Eltern haben aus meiner modernen, klugen Frau einen Zombie gemacht, der jeden Quatsch der Propaganda wiederholt«, ist Michael heute überzeugt. Von seiner Familie sei nichts geblieben, als »die täglichen Auseinandersetzungen zwischen uns beiden«.

Propaganda
Olga Z., selbst zwar aus Zentralrussland stammend und seit 16 Jahren in München lebend, bezieht Position für die Ukraine und gegen Russland: »Ausgerechnet Juden, die so viel unter sowjetischer Propaganda und Verleugnung gelitten haben, lassen sich durch russische Meinungsmache betäuben«, ereifert sie sich. Wegen ihrer eindeutig pro-ukrainischen Position hat sie schon einige aus Russland stammende Freunde verloren und auch Verwunderung bei ihren deutschen Kollegen ausgelöst. »Sie meinen, Deutschland müsse den Russen für die Befreiung 1945 dankbar sein«, erklärt Olga deren Sicht.

Dann folge stets die rhetorische Frage, ob denn in der sowjetischen Armee keine Ukrainer gedient hätten. »Klar, nur die Westukrainer vielleicht nicht, aber nur, weil sie nach der Annexion ihres Landes durch die Sowjetunion 1939 als nicht loyal genug für die Front angesehen wurden. Dafür umso mehr für die Arbeitslager!«

Sie erkenne ihre russischen Freunde und Kollegen kaum wieder, sagt Olga und erzählt, dass sie kürzlich in Berlin die Mutter einer Kollegin aus Saratow getroffen habe. »Eine nette intelligente Frau, die passionierte Pädagogin war und zuletzt eine elitäre Grundschule geleitet hat«, erzählt Olga weiter. »Als wir nach dem Theaterbesuch an der Ukrainischen Botschaft vorbei gingen, sagte sie voller Hass: ›Ach, schade, dass ich kein Feuer für das Gebäude und für die Banditen dabei habe!‹«

Auch Alena aus Köln benutzt dieses Wort »Banditen«. Sie kommt aus Moskau. Ihre Großeltern leben noch in der Ostukraine. »Banditen und Faschisten!«, schimpft Alena. »Und unsere Juden unterstützen eine solche Bewegung?« Auch Alena leidet unter der tiefen Spaltung in der russischsprachigen Community: »Dass die neue Regierung meinen Großeltern ihre Minipension mindert – das ist ein Fakt!« Aber wenn die Studenten aus Lwiw, mit denen sie zusammenarbeite, anfingen, Putin mit Hitler zu vergleichen, dann fehlten ihr die Worte: »Dabei ist das Ganze aus einem großen Missverständnis entstanden: Die Leute auf dem Maidan wollten nach Europa, doch keiner wartet hier auf sie!«

europa Eine kritische Einstellung zur Rolle der EU in der Ukraine-Krise hat auch Elena Grinberg aus Köln: »Die EU macht alles mit, was die USA in dieser Region veranstalten – in ihrem Bestreben, Russland zu schwächen. Außerdem hat die EU keinen Mumm, gegen Faschisten zu kämpfen«, ist sie überzeugt. »In den baltischen Ländern marschieren die Legionäre auf den Straßen, die Rolle der Faschisten in Kiew wird auch gern übersehen«, schimpft Elena. »Sie sind zwar nicht unmittelbar an der Regierung beteiligt, doch sie waren die treibende Kraft vom Maidan.«

Die Gespräche werden stets hoch emotional, wenn es um den Ukraine-Konflikt geht. »Ich sehe mich politisch weit weg von der Linkspartei, doch was Gregor Gysi zur Ukraine sagt, gefällt mir gut«, bekennt die Kölnerin. »Wir sollten einfach die Ukraine in Ruhe lassen, sie müssen erst einmal selbst überlegen, was sie wollen«, meint sie. Humanitäre Hilfe müsse unabhängig davon laufen, auf wessen politische Seite man sich stelle. »Ich habe ganz große Angst um die Juden, die noch dort leben, ich habe den Eindruck, ihre Zahl steigt in letzter Zeit. Denn aus der Geschichte wissen wir: Juden sind im Bürgerkrieg am meisten gefährdet.« Und wie im Bürgerkrieg kämpfe Bruder gegen Bruder. »Auch die russischsprachige Gemeinschaft hat diese Spaltung erreicht.«

Selbstbestimmung Miriam (Name von der Redaktion geändert) ist ebenfalls in ihren Gedanken bei den Menschen in der Ukraine. »Wir haben eigentlich überhaupt kein Recht, über die eine oder die andere Seite zu urteilen. Denn hier bei uns fallen die Schüsse nicht. Wir haben genug zu essen und genug zum Heizen.« Sie halte sich am liebsten aus den Disputen, die in den deutschen jüdischen Gemeinden geführt würden, heraus. Sie heizten nur die Stimmung auf und verhärteten die Fronten. »Meine Eltern und mein Bruder leben in Russland«, berichtet Miriam. Ihre besten Freunde in Odessa sind pro-ukrainisch. »Ich habe Putin früher nicht gemocht, doch seine Lösung der Krim-Frage finde ich super, er verdient einfach großen Respekt!«

Für Alexander Jäger aus Nordrhein-Westfalen, der in Moldawien geboren ist und aus der Südukraine nach Deutschland zugewandert ist, gibt es in der Frage eine sachliche und eine emotionale Komponente. Als Jurist könne er die Absetzung von Staatspräsident Viktor Janukowitsch nicht gutheißen. »Die staatliche Verfassung sollte man respektieren. Andererseits empfinde ich ein großes Mitgefühl mit den Menschen dort, wenn ich mich in ihre Lage versetze.« Gleichzeitig warnt er: Man kenne letztendlich nicht alle Fakten, um die Frage wirklich beantworten zu können.

Odessa Boris aus Hannover versucht dennoch, sich anhand von direkten Quellen einen Überblick über die Lage zu verschaffen. »Von Freunden und ehemaligen Kollegen sowohl aus der Ost- als auch aus der Westukraine höre ich, dass Medienberichte über Kämpfe stark übertrieben sind. Traurige Ausnahme: Odessa, wo die Spannung in pure Gewalt umschlug. Ausgerechnet Odessa, die Stadt der Weltbürger und die Hauptstadt mit Humor!«

Nicht nur russische Medien, auch Juden vor Ort hätten ihm bestätigt, dass auf dem Maidan stets das Logo »Schlage Juden und pro-russische Ukrainer« sichtbar war. »Klar, das erweckt ein ungutes Gefühl in mir.« Die Menschen vor Ort litten sehr unter der zögerlichen Haltung Europas. »Sie fühlen sich regelrecht im Stich gelassen. Sie fragen mich, was will ›dein Deutschland‹?« Die Frage kann ich nicht beantworten. Was ich tun kann, ist, sie mit etwas Geld zu unterstützen. Und … ja, ich bete dafür, dass es dort keinen Krieg gibt.«

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