Stahnsdorf

Holocaust-Leugner in ehemals jüdischer Grabstätte beigesetzt

Blick auf den Südwestkirchhof Stahnsdorf (Symbolfoto) Foto: imago stock&people

Ein Neonazi und Holocaust-Leugner ist auf dem evangelischen Südwestkirchhof in Stahnsdorf bei Berlin in einer ehemals jüdischen Grabstätte bestattet worden.

Der im August gestorbene Rechtsextremist Henry Hafenmayer wurde am Freitag in der Grabstelle des jüdischen Musikwissenschaftlers Max Friedlaender (1852–1934) beigesetzt, bestätigte die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) als Trägerin des Friedhofs dem Evangelischen Pressedienst (epd) am Montag.

rechtsextremisten Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sagte dazu: »Die Bestattung eines Neonazis und Holocaust-Leugners auf dem ehemaligen Grab des jüdischen Musikwissenschaftlers Max Friedlaender macht mich fassungslos.« Es sei unerträglich, dass bekannte Rechtsextremisten und Neonazis an der Grabstätte von Max Friedlaender ihr Unwesen treiben und ihre rechten Parolen verbreiten konnten – und das unter Polizeischutz.

»Die Bestattung eines Neonazis und Holocaust-Leugners auf dem ehemaligen Grab des jüdischen Musikwissenschaftlers Max Friedlaender macht mich fassungslos.«

Zentralratspräsident Josef Schuster

»Damit haben sie das Andenken an Max Friedlaender geschändet«, so Schuster. Es gelte aufzuklären, wie diese Bestattung genehmigt werden konnte und Konsequenzen daraus zu ziehen. »Die Gesellschaft darf in ihrem Kampf gegen Rechts nicht nachlassen. Kein Fußbreit den Rechtsextremisten und Neonazis! Wachsamkeit und beherztes Handeln sind gefragt.«

Unterdessen hat die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) am Dienstag eine Stellungnahme von Bischof Christian Stäblein verbreitet. Darin äußert er sich »erschüttert und fassungslos« über das Geschehen. Er wolle alles daransetzen, die Schändung des Grabes von Max Friedlaender aufzuarbeiten: »Ich werde alle rechtlichen Schritte prüfen, die den Vorgang rückgängig machen könnten. In jedem Fall werde ich dafür Sorge tragen, dass wir ein ehrendes Gedenken für Max Friedlaender auf diesem Friedhof bewahren.«

Derweil prüft die Evangelische Kirche eine Umbettung. »Das ist eine der Ideen, um das wieder gutzumachen, was nicht wieder gutzumachen ist«, sagte eine Sprecherin der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) am Mittwoch. Zuvor hatte der Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) berichtet, Bischof Christian Stäblein sei dafür, dass der Mann möglichst bald umgebettet werde. Die Sprecherin sagte, der Stein könnte auch an einen anderen Ort gestellt werden, um ein ehrendes Andenken an Max Friedlaender zu bewahren.

EISERNES KREUZ Zuerst hatten die Informationsdienste »blick nach rechts« und »Recherchenetzwerk Berlin« über den Vorfall berichtet. Laut dem »Recherchenetzwerk Berlin«, das zahlreiche Fotos zum Thema ins Netz gestellt hat, nahmen an der Beisetzung des aus Oberhausen stammenden Hafenmayer zahlreiche Neonazi-Größen und Rechtsextremisten teil. Fotos von der Grabstelle zeigen Kränze mit Grabschleifen in den Reichsfarben und aufgedruckten eisernen Kreuzen.

Laut Landeskirche war die Beisetzung Hafenmayers ohne evangelische Begleitung. Die Entscheidung, die Anfrage nach einer Grabstätte nicht abzulehnen, sei im Konsistorium der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz getroffen worden, hieß es. Leitend sei dabei im Grundsatz, dass jeder Mensch ein Anrecht auf eine letzte Ruhestätte habe.

Der erste Grabstättenwunsch sei von der Friedhofsleitung abgelehnt worden, trotzdem sei auch die Auswahl der ehemaligen Grabstätte Max Friedlaenders ein Fehler. »Diesen Fehler prüfen wir zurzeit«, erklärte die Landeskirche. Der Grund für die Wahl dieser Grabstätte ist ein Patenschaftsverhältnis.

patenschaftsvertrag Auf dem Friedhof besteht seit einigen Jahren die Möglichkeit, Patenschaftsverträge für historische Grabstätten abzuschließen. Die Kosten für die Instandhaltung und Pflege der historischen Grabmale übernehmen die Paten. Der Pate erwirbt im Gegenzug das Recht, Beisetzungen auf der ausgewählten Grabstätte vornehmen zu lassen. Im Bestattungsfall kann zudem im Rahmen der denkmalschutzrechtlichen Bestimmungen der Name des Verstorbenen neu an der Grabstätte angebracht werden.

Unterdessen habe der Berliner Antisemitismusbeauftragte Samuel Salzborn Strafanzeige wegen des Verdachts der Störung der Totenruhe, der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener und der Volksverhetzung erstattet, teilte die Senatsverwaltung für Justiz am Dienstag in Berlin mit.

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 »Die Absicht liegt hier auf der Hand, dass Rechtsextremisten bewusst ein jüdisches Grab gewählt haben, um durch die Beisetzung eines Holocaustleugners die Totenruhe zu stören«, erklärte Salzborn: Das »gesamte Friedhofsetting mit verurteilten Holocaustleugnern bei der Beisetzung« verlange nach einer strafrechtlichen Überprüfung. Er habe deshalb Anzeige bei der Polizei in Brandenburg erstattet.

konsequenzen Mit der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) sei er zudem »im konstruktiven Austausch«, welche Konsequenzen der Vorfall haben soll, betonte Salzborn. Es müsse geprüft werden, ob und gegebenenfalls wie schnell der Holocaustleugner umgebettet werden kann, um das würdige Andenken an den Musikwissenschaftler Max Friedlaender nicht länger zu stören. Salzborn ist seit 2020 Ansprechpartner des Landes Berlin zu Antisemitismus.

Der mehr als 200 Hektar große Stahnsdorfer Südwestkirchhof wurde 1909 eröffnet und ist Deutschlands größter evangelischer Friedhof. Die als Landschaftsdenkmal geschützte Begräbnisstätte liegt in Brandenburg in der Nähe von Potsdam und Berlin. In Stahnsdorf sind zahlreiche Prominente bestattet, darunter die Künstler Lovis Corinth und Heinrich Zille, der Komponist Engelbert Humperdinck und der Schauspieler Manfred Krug. epd/ja

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