Frankfurt

Hillels Lehrspruch

Wenn Mafteach Soul anfangen zu singen, dann wird es stimmgewaltig, denn die Gesangskunst der israelischen A-cappella-Band füllt den Raum. Die Sänger live zu erleben, ist eine Erfahrung. Wer die machen möchte, der sollte am Donnerstag nach Pforzheim fahren, denn dort treten Mafteach Soul im Gemeindesaal der Jüdischen Gemeinde auf. Dieses Konzert ist nur eine von rund 750 Veranstaltungen, die seit vergangener Woche im Rahmen der »Woche der Brüderlich« stattfinden.

Bundesweit eröffnet wurde diese am Sonntag in der Paulskirche in Frankfurt am Main. Die Veranstaltung, die seit 1952 vom Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (DKR) mit Sitz in Bad Nauheim organisiert wird, steht in diesem Jahr unter dem Motto »Nun gehe hin und lerne«.

Gemeinschaftsfeier
Auf diesen Leitspruch von Rabbi Hillel ging auch Rabbiner Andreas Nachama, jüdischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates, während der christlich-jüdischen Gemeinschaftsfeier am Samstagabend im Kaisersaal des Römers ein.

An den DKR-Ehrenvorsitzenden Henry G. Brandt gewandt, sagte Nachama: »Wir sind hierhergekommen, um gemeinsam mit dir und denen, die auf protestantischer und katholischer Seite diese Gemeinschaftsfeier zu einem Ort des Lernens und Begegnens gemacht haben, eine weitere Seite im christlich-jüdischen Dialog aufzuschlagen. Da hast du und alle mit dir die Messlatte hoch gesetzt: Hoffen wir, beten wir, dass wir dem gerecht werden können.« Nachama betonte: »Die Schrift kann man, muss man immer wieder neu lesen und, ja, immer wieder anders verstehen. Unsere Sichten auf die Schrift lehren uns: Es gibt keine alternativlosen Situationen!«

Der Direktor der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin hielt die Lehren der Heiligen Schrift Sprüchen entgegen, mit denen sich Menschen über andere erheben. »Wie viel Unglück haben Menschen über die Welt gebracht, die sich selbst über alles setzen, eine solche Bibel der Dummheit war das Buch Mein Kampf, eine solche Dummheit war ›Deutschland, Deutschland über alles‹ oder, wie es jetzt heißt, ›America first‹.«

Auszeichnung Im Mittelpunkt der bundesweiten Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit am Sonntag stand die Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille an die »Konferenz Landeskirchlicher Arbeitskreise Christen und Juden« (KLAK). Sie habe »entscheidend zur Neuorientierung im Verhältnis von Christen und Juden in der evangelischen Kirche in Deutschland« beigetragen, hieß es in der Begründung. Die undotierte Auszeichnung, die seit 1968 verliehen wird, ging 2016 an den jüdischen Publizisten und Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik. Die Medaille erinnert an die jüdischen Philosophen Martin Buber (1878–1965) und Franz Rosenzweig (1886–1929).

Als Gäste waren neben Peter Feldmann, dem Frankfurter Oberbürgermeister, auch Volker Bouffier, der Ministerpräsident des Landes Hessen, und Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden, in die Paulskirche gekommen. Schuster würdigte die diesjährigen Preisträger: »Die selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit aufseiten der Kirchen ermöglicht es uns, einen ehrlichen Dialog auf Augenhöhe zu führen. Gerade im Lutherjahr der Konferenz Landeskirchlicher Arbeitskreise Christen und Juden die Buber-Rosenzweig-Medaille zu verleihen, halte ich daher auch für eine kluge Entscheidung.«

laudatio Die Laudatio auf KLAK hielt der ehemalige Landesrabbiner Henry G. Brandt. Er gestand gleich zu Beginn, es sei »einfacher und bequemer, eine Laudatio zu sprechen über eine bekannte und profilierte Persönlichkeit oder über eine Organisation, deren Geschichte und Agieren klare Konturen aufweist. Die KLAK macht es einem da viel schwerer.«

Die Arbeitskreise und Initiativen hätten verstanden, dass man den schwierigen und manchmal komplexen Wandel in diesem interkonfessionellen Bereich nicht nur in den Elfenbeintürmen des akademischen Gedankenaustausches belassen konnte, betonte Brandt. In den »großen und besorgniserregenden turbulenten Ereignissen des Weltgeschehens« habe das Thema der Beziehung zwischen Christentum und Judentum nicht erste Priorität, sagte Brandt, »doch für unsere Gesellschaft ist es nach den Ereignissen des letzten Jahrhunderts ein Lackmustest ihrer moralischen Gesundheit«. Noch sei die Arbeit der Konferenz »lange nicht getan«.

Lutherjahr
Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschand (EKD), verwies am Sonntag in der Paulskirche auf das Lutherjahr: »Auf vielfache Weise ist die Kirche in ihrer Geschichte zutiefst schuldig geworden gegenüber dem Judentum und blieb verstrickt in die Geschichte von Judenfeindschaft und Antisemitismus. Die Erinnerung daran erfüllt uns heute mit großer Trauer und Scham.« Bedford-Strohm betonte: »Wir bitten um Vergebung für das unermessliche Leid, das, auch im Namen Martin Luthers, unseren jüdischen Schwestern und Brüdern angetan worden ist.«

Zentralratspräsident Josef Schuster begrüßte Bedford-Strohms Worte: »Zur Eröffnung der Woche der Brüderlichkeit hat der EKD-Ratsvorsitzende die Abkehr der evangelischen Kirche von der Judenmission noch einmal ganz deutlich gemacht.« Ebenso deutlich habe sich Landesbischof Bedford-Strohm stellvertretend für die evangelischen Christen vom Antisemitismus Martin Luthers distanziert und »angekündigt, mit den Landeskirchen eine Stiftungsprofessur zur Erforschung und Förderung des christlich-jüdischen Dialogs einzurichten«, sagte Schuster. Das seien im Jahr des Reformationsjubiläums gute und wichtige Signale.

Soziale Netzwerke Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier rief in seiner Rede zum Kampf gegen Antisemitismus auf. Damit seien auch diejenigen angesprochen, die sich an der Hasspropaganda in den sozialen Netzwerken beteiligten, sagte Bouffier. »Der Aufruf zum Kampf gegen den Antisemitismus gilt auch für jene, die sich zu Verteidigern des christlichen Abendlandes aufschwingen und dabei übersehen, dass der jüdische Glaube Teil unserer kulturellen Tradition ist«, betonte der CDU-Politiker.

Der christlich-jüdische Dialog verhindere, »dass sich jeder in sein religiöses Schneckenhaus zurückzieht und dass die Gesellschaft in immer mehr unverbundene Teile zerfällt«, sagte Bouffier. Es sei zu wünschen, dass sich auch die Muslime noch konsequenter auf den Weg des Dialogs einließen. epd/kat

Interview

»Alija machen ist wie vom Zehnmeterturm springen«

Sie haben Deutschland verlassen und sich für ein Leben in Israel entschieden. Was hat sie dazu bewogen? Ein Gespräch mit vier »Olim« über Zionismus, einen rastlosen Alltag und die Zukunft des Judentums in der Diaspora

von Joshua Schultheis  19.02.2026

Programm

Lesung, Erkundung, Abrechnung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. Februar bis zum 25. Februar

 19.02.2026

Jewrovision

Unterwegs zum Wettbewerb

Die Lieder stehen fest, die Proben laufen – Hunderte Kinder und Jugendliche in ganz Deutschland fiebern dem Mini-Machane und der Show Mitte Mai schon jetzt entgegen

von Christine Schmitt  19.02.2026

Ukraine-Hilfe

Viele Aufgaben – wenig Geld

Aufwendige Prüfverfahren, zahlreiche Überstunden und unsichere Finanzierung – die Israelitische Gemeinde nimmt auch vier Jahre nach Beginn des Krieges weiterhin Geflüchtete auf

von Anja Bochtler  19.02.2026

Potsdam

Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und Levinson Stiftung vereinbaren enge Zusammenarbeit

Die Vereinbarung gilt als wichtiger Schritt, um akademische Forschung und rabbinische Ausbildung enger miteinander zu verzahnen und jüdisches Leben in Deutschland langfristig zu stärken

 18.02.2026

Brandenburg

Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde kritisiert Ministerium

Seit vielen Jahren versucht eine streng orthodoxe jüdische Gemeinde in Brandenburg, höhere staatliche Zuschüsse zu bekommen. Dafür werden auch immer wieder die Gerichte eingeschaltet

 18.02.2026

Jugendkongress

400 junge Juden treffen sich in Hamburg

»Strong. Jewish. Here.« - unter diesem Motto kommen rund 400 jüdische junge Erwachsene in Hamburg zu einem bundesweiten Kongress zusammen. Das Treffen soll ein besonderes Signal in politisch angespannten Zeiten sein

von Michael Althaus  18.02.2026

Dresden

Workshops für Polizisten

Der Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden und das Sächsische Innenministerium unterzeichneten einen Kooperationsvertrag

von Helmut Kuhn  17.02.2026

Thüringen

Landesgemeinde dringt auf Ehrung von Klaus Trostorff

Klaus Trostorff war Buchenwald-Häftling und leitete später die Mahn- und Gedenkstätte der DDR. Die Jüdische Landesgemeinde will ihm in Erfurt eine Straße widmen

 17.02.2026