Medizin

Hilfe polyglott

Ein denkmalgeschützter zweistöckiger Klinkerbau in einer weitläufigen Parkanlage. Stimmen‐ und Sprachgewirr im Erdgeschoss, Bilder eines Malers aus Kiew an den Wänden. Eine Frau mit Kopftuch tippt auf ihrem Handy, ein distinguiert dreinschauender Herr liest Zeitung, in der Teeküche diskutieren zwei Tätowierte ein juristisches Problem und bedienen sich an belegten Brötchen. Eine Dame auf High Heels balanciert Akten über den Flur. Krankenakten.

In der »Psychiatrischen Institutsambulanz II« (PIA II) lässt sich auf den ersten Blick schwer sagen, wer Arzt, wer Patient oder wer Sprechstundenhilfe ist. Geleitet wird die eher unkonventionelle Einrichtung vom Suchtmediziner und Forensiker Werner Platz. Gemeinsam mit Peter Bräunig, dem Direktor der Vivantes‐Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, setzte Platz durch, dass die PIA II nach der Schließung der Karl‐Bonhoeffer‐Nervenklinik 2006 als ambulante Einrichtung nicht nur erhalten blieb, sondern sukzessive erweitert wurde. Vor allem, um die unzureichende Versorgung von osteuropäischen Zuwanderern zu verbessern.

patienten Auf das Gelände in Reinickendorf kommen Patienten aus allen Teilen der Stadt. Die PIA II ist, sagt Bräunig, »die Nummer Eins in der Versorgung von migrantischer Klientel in Berlin«. 3000 Patientenkontakte hat die PIA im Quartal, etwa zwei Drittel von ihnen haben einen Migrationshintergrund.

Die meisten der Ärzte und Psychologen im Team sind selbst zugewandert. Sie sprechen neben Deutsch auch Russisch, Rumänisch, Ukrainisch, Lettisch, Polnisch, Griechisch und Iwrit. Zukünftig wahrscheinlich auch Arabisch. Sprachen, »das ist die halbe Miete – vor allem bei Älteren«, sagt Platz. Schon beim ersten Anruf werde man am Telefon gefragt: »Gavaritje po russki? – Sprechen Sie Russisch?« Viele Patienten entschieden nach dieser Antwort, ob sie zum Arzt gingen oder nicht.

Russischsprechende niedergelassene Psychiater sind Mangelware. Peter Bräunig weist darauf hin, dass, wenn es die PIA II nicht gäbe, viele Patienten unversorgt blieben. Denn »die Alternative zu dieser Behandlung ist: keine Behandlung«.

Gebetsteppich Wissenschaftlich ausgedrückt ist das Konzept der Einrichtung multi‐, inter‐ und transkulturell und ebenso -religiös. Auch wenn gerade ein Raum mit Gebetsteppichen eingerichtet wurde, damit muslimische Patienten nicht mehr vor der Tür auf dem Rasen beten müssen, sind jüdische Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion die größte Gruppe. Dass auch die meisten Helfer jüdisch sind, hilft vielen jüdischen Patienten, sich ihnen gegenüber zu öffnen. Sie treffen auf Ärzte wie die mütterliche Rimma Rubinstein, die an der chinesischen Grenze geboren wurde, oder auf den kleinen quirligen Sergej Iljin aus St. Petersburg. Sein Pendant, der lange ruhige Wladimir Krizevskij, ist Spätaussiedler aus Kirgistan und russisch‐orthodox.

Sie alle haben lange genug in der UdSSR gelebt, um noch zu wissen, wie angstbesetzt und anrüchig der Psychiatriebegriff in Russland war. Welche schrecklichen Zustände auch im Jahr 2013 in den Psychiatrien herrschen, beispielsweise in der heutigen Ukraine. Vor allem aber wissen sie, wie wichtig die Kommunikation in der eigenen Sprache für ein Minimum an Vertrauen ist. Gerade, wenn es um intime Dinge geht.

Die Patienten sind andere Standards gewohnt. Auch deswegen sieht es hier nicht ganz so aufgeräumt, steril und unterkühlt aus wie in deutschen Arztpraxen und Ambulanzen. Auch deswegen machen die Ärzte Hausbesuche wie in Russland oder bieten Akupunktur an. Manchmal geht die Sprechstunde bis abends um neun oder zehn. Auch deswegen gibt es hier am Morgen belegte Brötchen. Eine kleine Geste, die gegen die Barrieren hilft.

Angelschein Hinzu kommt viel Eigeninitiative aller Beteiligten, bis hin zum Verlegen von Stromleitungen oder dem Einrichten von Selbsthilfegruppen. Denn wie groß die soziale Komponente bei psychischen Erkrankungen ist, demonstriert Werner Platz, der früher in der Repräsentanz der Berliner Jüdischen Gemeinde saß, an einem kleinen Beispiel. Er erzählt, wie sich seine Kollegen erfolgreich um einen Angelschein für einen 85‐jährigen russischen Juden bemüht haben, der die Prüfung einfach nicht hätte machen können, weil er nicht in der Lage war, genügend Deutsch zu lernen. Mit dem Angelschein hat sich nun ein Lebenstraum für ihn erfüllt – und somit verbesserte sich auch sein seelischer Zustand.

Die Probleme und Symptome, die in der PIA II behandelt werden, sind mannigfaltig: Depressionen, Schlaf‐ und Anpassungsstörungen aller Art. Minderwertigkeits‐ und Einsamkeitsgefühle, Süchte, posttraumatische Belastungsstörungen nach Erlebnissen wie Folter, Vergewaltigung, Jahren im KZ und das Schweigen darüber. Wobei die Schoa‐Überlebenden inzwischen von Initiativen wie »Childsurvivors« und Angehörigen der zweiten und dritten Generation abgelöst werden.

Flüchtlinge Nun gibt es eine neue Herausforderung für das Team. Seit ein paar Monaten sind auf dem weitläufigen Gelände 700 Flüchtlinge untergebracht – unter anderem aus Krisengebieten wie Afghanistan und Tschetschenien. Ein Teil von ihnen ist schwer traumatisiert.

Ein Glücksfall, dass die PIA II vor Ort ist und das Team die Betroffenen muttersprachlich betreuen kann, ohne dass diese in der neuen Fremde noch einmal den Ort wechseln müssen oder etwa stationär eingewiesen werden.

Weil es immer wieder Vorbehalte gegen Flüchtlingsunterbringungen gibt, bemühen sich die Ärzte, die Öffentlichkeit zu informieren. Klinikdirektor Peter Bräunig wünscht sich mehr Respekt von der Politik für die Arbeit der transkulturellen Psychiatrie und mehr Akzeptanz der Öffentlichkeit. Denn »das ist eine extrem gute und wichtige Arbeit, die hier geleistet wird« – nicht nur, weil mit ihr Aggressionspotenzial und Dramatik aus dem Alltag genommen werden. »Solche Einrichtungen müsste es flächendeckend geben.«

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