Porträt der Woche

Heimisch in Deutschland

Andrei Kovacs ist Musiker und Unternehmer und leitet den Verein »321–2021«

von Ulrike von Hoensbroech  03.04.2022 08:13 Uhr

»Es ist mir ein Anliegen, dass wir miteinander statt übereinander sprechen«: Andrei Kovacs (48) lebt in Köln. Foto: Daniel Grünfeld

Andrei Kovacs ist Musiker und Unternehmer und leitet den Verein »321–2021«

von Ulrike von Hoensbroech  03.04.2022 08:13 Uhr

Mittlerweile kann ich sagen, dass ich mich in Deutschland zu Hause fühle. Und ich möchte noch hinzufügen, dass ich Europäer bin. Es hat mich lange umgetrieben, ehe ich wirklich sagen konnte: Ich bin in Deutschland heimisch. Denn die etwas ungewöhnlichen Lebensgeschichten meiner Eltern und Großeltern, aber auch meine eigenen Erfahrungen haben mir gezeigt, dass wir in vielerlei Hinsicht eine Minderheit sind. Egal, wo wir gerade waren. Das war schon zu Beginn meines Lebensweges so.

Geboren wurde ich in Siebenbürgen, einer Region, die zwar in Rumänien liegt, aber dreisprachig geprägt ist: Deutsch, Ungarisch, Rumänisch. Deshalb gibt es für meine Geburtsstadt auch drei Namen, auf Deutsch heißt sie Neumarkt. Dort kam ich 1974 zur Welt. Obwohl meine Eltern mit mir nach Deutschland auswanderten, als ich gerade einmal ein Jahr alt war, bin ich als Jude mit dieser ungarischen und rumänischen Kultur aufgewachsen.

sprachen Dieses multikulturelle Element in der Familie hat mich stark geprägt. Zu Hause haben wir drei Sprachen gesprochen. Und mit der rumänisch-jüdischen Identität einerseits sowie der ungarisch-jüdischen andererseits bin ich dann im Elternhaus in Aachen in einem deutschen Umfeld aufgewachsen.

Mein Urgroßvater war in Siebenbürgen Herausgeber der Zeitung »Brassói Lapok«, die bis heute unter demselben Namen erscheint. Sie wurde ihm weggenommen, als die rumänischen Faschisten kamen. Und nach dem Krieg kamen die Kommunisten, die ihn als Kapitalisten verfolgten. Deshalb emigrierte er mit meiner Urgroßmutter und meinem Onkel nach Israel. Sein Schwiegersohn, also mein Großvater, ging mit meiner Großmutter nach Budapest. Sie wurden von dort als sogenannte Kasztner-Juden ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Von dort wurden sie freigekauft und mit dem Zug in die Schweiz gebracht. Rudolf Kasztner ist sicherlich nicht unumstritten, weil er mit Eichmann persönlich verhandelte. Letztlich aber hat er mehr als 1600 Juden freigekauft. Ohne ihn würde ich nicht leben.

Ohne die Kasztner-Transporte gäbe es mich nicht.

In der Schweiz kam dann mein Vater zur Welt. Nach dem Krieg gingen meine Großeltern mit meinem Vater zurück nach Siebenbürgen. Großvater wurde ein berühmter Schauspieler, der 1959 sogar den Titel Nationalschauspieler erhielt. Er war ein Star in Rumänien. Mein Vater hat immer gesagt, dass er durch die Erfahrungen seiner Eltern in einer posttraumatischen Atmosphäre aufgewachsen ist. Nichts war und ist eigentlich normal gewesen.

KOMMUNISTEN Auch mütterlicherseits gibt es sehr ungewöhnliche Lebensläufe. Meine Großeltern gehörten nach dem Krieg, wie viele andere Juden, zu denjenigen, die überzeugte Kommunisten waren. Mein Großvater wurde in den 50er-Jahren Leiter der rumänischen Handelsvertretung in Westdeutschland, in Frankfurt am Main, der ersten rumänischen Auslandsvertretung in der Bundesrepublik, als es noch keine diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern gab. Meine Mutter sollte aber nicht in eine »kapitalistische« Schule gehen. Sie wurde daher in Ost-Berlin in ein Heim, dann in eine Gastfamilie und in die »DDR-Bonzenschule« in Pankow geschickt. In diesen sechs Jahren lernte sie natürlich, fließend Deutsch zu sprechen.

Dann gingen meine Großeltern mit meiner Mutter zurück nach Rumänien, sie studierte und lernte meinen Vater kennen. Weil die kommunistische Diktatur Ceausescus immer deutlicher auch sein antisemitisches Gesicht zeigte, wollten meine Großeltern und Eltern weg aus Rumänien.

So kamen wir nach Deutschland und wollten von hier weiter nach Israel, wo wir ja auch Verwandte hatten. Aber wir bekamen zunächst Papiere für Deutschland. Als wir in Nürnberg und danach im Auffanglager Unna-Massen ankamen, wurden wir sehr unfreundlich aufgenommen und gefragt, was wir eigentlich in Deutschland wollten und warum wir nicht nach Israel gingen. Immer wieder hat durch solche Begebenheiten die Frage eine Rolle gespielt, ob und wie man eigentlich in Deutschland, dem Land der Täter, leben kann. Dass wir dann doch in Deutschland blieben, ist eher ein Zufall. Aufgrund verschiedener Begebenheiten hat es sich ergeben, dass aus unserem Provisorium eine Bleibe wurde und mein Vater als Arzt arbeiten konnte.

Als ich sechs Jahre alt war, wurden wir eingebürgert. Die Jahre der Staatenlosigkeit zuvor seit der Ausreise hat mein Vater als eine Atmosphäre der Freiheit empfunden.

KUNST In Aachen wuchs ich in einem traditionellen Elternhaus auf. Unsere jüdische Identität hat immer eine Rolle gespielt. Nicht so sehr im religiösen Sinne. Aber die Feiertage haben wir begangen und auch Kontakt zur kleinen jüdischen Gemeinde gehabt. Ich war Einzelkind, und ja, wahrscheinlich auch oft ein Einzelgänger.

Als Musiker war und bin ich stets sehr getrieben. Ich möchte immer etwas Neues entdecken und ausprobieren.

Dazu haben sicherlich auch einige Erfahrungen in der Schule beigetragen. Die Grundschule verlief noch problemlos. Auf dem Gymnasium war es dann nicht mehr schön. Dort war es eine Sensation, dass ein Jude an der Schule war, und der spielte auch noch Klavier. Dort erlebte ich antisemitische Ausfälle mir gegenüber, sodass mich meine Eltern auf eine andere, eher liberale Schule schickten. Da lief es anfangs besser. Der Schuldirektor ließ keinen Antisemitismus zu und warf einen muslimischen Schüler raus, weil er immer wieder antijüdische Witze erzählte. Doch als während des Ersten Golfkriegs die Schüler freibekamen, um an anti-israelischen Demonstrationen teilzunehmen, richteten sich sehr schnell die Anfeindungen auch indirekt gegen mich.

Nach dem Abitur ging ich 1993 nach Berlin an die Universität der Künste. Mit etwa 16 Jahren hatte ich gewusst, dass ich Musiker werden wollte. Meine ersten Auftritte als Pianist hatte ich mit acht Jahren. Als ich merkte, dass ich mit meinem Spiel die Menschen bewegen, ja sogar zum Weinen bringen konnte, reifte in mir der Wunsch, Berufsmusiker zu werden. In Berlin kam ich sehr schnell in ein internationales, mitunter sogar elitäres Umfeld. Unter den Künstlern waren auch viele Juden. Außerdem knüpfte ich Kontakte zur Gemeinde in der Fasanenstraße.

»Maestro« Als Musiker war und bin ich stets sehr getrieben. Ich möchte immer etwas Neues entdecken und ausprobieren. Und weil ich mich als Pianist oftmals sehr einsam fühlte, wollte ich dann Dirigent werden. Zwei Jahre lang war ich Hospitant bei Daniel Barenboim, später Assistent von Gustav Kuhn. Ich war bei den Bayreuther sowie den Tiroler Festspielen. Und in Italien wurde ich auch als »Maestro« angesprochen. Das hat meiner Mutter natürlich sehr gefallen.

Doch Unruhe und Neugier trieben mich weiter um, und deshalb orientierte ich mich in dieser Zeit bereits unternehmerisch und gründete mein erstes Start-up, eines für Musik. Das ist zwar, trotz anfänglicher Erfolge, gescheitert, aber es stellte mich vor die Entscheidung, entweder die Musikerlaufbahn fortzusetzen oder aber etwas Neues zu wagen.

Ich ging das Wagnis ein. So schrieb ich mich für ein Studium als Master of Business Administration in der Bradford University in England ein. Nach zwei Jahren ging ich nach London und arbeitete an meiner Masterarbeit in Kooperation mit der BBC in London. Es ging um die Erstellung eines Strategiepapiers für ein klassisches Musikradio. Nach meinem Abschluss wurde ich von einem Personaler angesprochen. Der suchte kreative Köpfe für den Marketingbereich beim Kosmetikhersteller L’Oréal. So arbeitete ich in Düsseldorf und dann fünf Jahre in Paris. Es war eine sehr harte Schule, die mir später als Unternehmer sehr geholfen hat. Ich habe die Firma verlassen, um eigene Unternehmen zu gründen, die ich in den folgenden Jahren aufgebaut und geleitet habe.

Im Sommer 2019 wurde ich angesprochen, ob ich mir vorstellen könnte, leitender Geschäftsführer eines Vereins zu werden, der sich um die Vorbereitung, Durchführung und Abwicklung des Festjahres »1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland« kümmert. Ich hatte keine Ahnung, was da auf mich zukommt. Ich habe schnell gemerkt, dass ich mich mit meinem Lebenslauf und meinen beruflichen Erfahrungen da gut aufgehoben fühlen konnte. Ich wusste aber nicht, wie das überhaupt gehen sollte, zumal die Zeit von meinem Amtsantritt 2019 bis zum Beginn des Festjahres 2021 sehr knapp war. Und dann kam auch noch die Pandemie.

LEITBILD In teilweise nächtelangen Gesprächen mit meinem Vater habe ich angefangen, auf Basis eines Konzepts ein Leitbild auszuarbeiten, das Förderkonzept zu schreiben sowie Strukturen zu schaffen. Dass es nun so gut läuft und das Festjahr verlängert wurde, hat meine Erwartungen übertroffen. Wir sind ein tolles Team, das motiviert mich weiterhin für meine Aufgabe, die noch bis Jahresende läuft.

Ich habe die Hoffnung, dass meine Kinder die Koffer eines Tages wieder in den Schrank stellen können.

Es ist mir ein großes Anliegen, dazu beizutragen, dass jüdisches Leben sicht- und erlebbar ist. Dass wir miteinander statt übereinander sprechen und gemeinsame Momente erleben. Dass wir Empathie und Verständnis aufbauen. Dass wir vielleicht erstmals eine Normalität zwischen Juden und Nichtjuden finden, die es bislang eigentlich nie gegeben hat. Denn das Judentum gehört zu Deutschland, aber eben nicht nur geschichtlich in Form der Erinnerungskultur, sondern auch heute im Hier und Jetzt und auch für die Zukunft. Dafür wollen wir weiter religiöse und kulturelle Perspektiven entwickeln. Die Stärkung der jüdischen Perspektiven ist mir als Geschäftsführer des Vereins aufgegeben.

Und als Familienvater versuche ich, das in unser Leben und in unsere Zukunft einzubringen. Ich habe die Hoffnung, dass meine Kinder die Koffer eines Tages wieder in den Schrank stellen können.

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