Taglit

Heimatliche Gefühle

Befragt zum deutsch-israelischen Verhältnis: Dieter Graumann vor Taglit-Alumnis in Düsseldorf Foto: Jörn Neumann

Zehn Tage in einem fremden Land – mit einer so kurzen Reise gibt sich heute kaum ein Pauschaltourist zufrieden. Was kann man in so knapper Zeit kennenlernen und erleben? Das Taglit-Programm ermöglichte es in den vergangenen 13 Jahren rund 4000 Jüdinnen und Juden aus Deutschland, eben zehn Tage in Israel zu verbringen. Welche Erfahrungen sie sammelten und wie sie sie in Deutschland umsetzen sollten, darüber sprachen rund 100 Taglit-Alumni am vergangenen Wochenende in Düsseldorf. Erstmals kamen die Ehemaligen zu einem solchen Erfahrungsaustausch zusammen.

Als Maxim Stepanko vor acht Jahren mit dem Taglit-Programm nach Israel reiste, hatte er das Judentum noch nicht lange für sich entdeckt. »Meine Eltern haben es nicht praktiziert. Als ich 18 wurde, bin ich dann allein zur Synagoge gegangen«, erzählt der Kölner. Dort erfuhr er von Taglit, und ein Jahr später saß er im Flieger. »Wir waren dann am Meer und in der Wüste, in Jerusalem und Haifa«, zählt er auf. Viel Wissen über das bis dahin fremde Land, meint Stepanko, habe er in den zehn Tagen nicht anhäufen können. »Es war aber ein großer Schritt in meinem Leben«, sagt er. »Denn es geht nicht um das Wissen, sondern um das Gefühl.«

verbundenheit Davon ist der 27-Jährige noch immer beseelt. »Wenn ein Jude zum ersten Mal in Israel ist, fühlt er sich gleich so, als sei er dort geboren«, erklärt Stepanko. »Man ist nicht fremd. In Deutschland habe ich einen Migrationshintergrund, in Israel gehöre ich damit zur Mehrheitsgesellschaft«, beschreibt er. »Wer schon öfter in Israel war, dem bringt Taglit vielleicht nichts. Aber ich hatte dieses Gefühl vorher noch nie in meinem Leben.«

Für Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, ist Maxim Stepanko ein Paradebeispiel für den Erfolg des Programms. In diesem Jahr sind der Zentralrat und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) eine Kooperation mit Taglit eingegangen, um das Projekt unter jungen Juden bekannter zu machen. Denn: »Wer Israel kennenlernt, der wird es auch lieben lernen«, sagte Graumann bei dem dreitägigen Treffen in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt.

Die Reise nach Israel, die durch das Programm ermöglicht wird, sollen die jungen Leute »nicht einfach mitnehmen und abhaken, sie sollen dranbleiben. Wir möchten bei den Teilnehmern eine Zuneigung zu Israel wecken – und wenn es geht, auch ein Feuer der Begeisterung entfachen«, erklärt der Zentralratspräsident.

Zumindest ein großes Interesse am Land und an seiner Politik scheint bei den Teilnehmern entstanden zu sein, wie sich am Sonntagmorgen in Düsseldorf zeigte. So sollte Graumann viele Fragen zum Verhältnis zwischen Israel und Deutschland und zur Gefahr, die vom Iran ausgeht, beantworten, und nicht nur einmal musste er an die israelische Botschaft verweisen.

Offenheit »Die Teilnehmer stellen ihre Fragen ganz offen, auch wenn wir sie in Israel mit hochrangigen Militärs zusammenbringen«, erzählt Ada Spitzer, Vizepräsidentin für Entwicklungen und Außenbeziehungen von Taglit. Die Möglichkeit, auch unbequeme Fragen zu stellen, sei ein wichtiger Aspekt der Reisen mit Taglit. So würden die Teilnehmer erfahren, dass die Israelis Antworten hätten, von denen man durch die Medien im Rest der Welt nichts erfahren würde.

Zielgruppe des Projekts sind Jüdinnen und Juden, die vor einer solchen Reise keinen Bezug zu Israel hatten. »Wir sagen ihnen nicht, wie sie als Juden leben sollen. Wir sagen ihnen auch nicht, was sie denken sollen«, betont Spitzer. Taglit sei »eine Methode, ein Werkzeug«, um den Teilnehmern zu zeigen, dass Israel das Heimatland eines jeden Juden auf der Welt sei. Wenn es ihr nur darum ginge, jüdisches Leben zu zeigen, sagte Spitzer, könne sie die Teilnehmer auch nach New York bringen.

Freundschaften Neue Freunde Doch es ginge auch nicht darum, Werbung für die Alija, die Einwanderung nach Israel, zu machen. »Die Leute sollen aber als Juden weiterleben, mit den Gemeinden in Verbindung bleiben und Netzwerke bilden«, führt Spitzer aus. »Unsere Taglit-Gruppen umfassen immer 40 Menschen. Jeder Teilnehmer findet also 39 neue jüdische Freunde.«

Diese Freundschaften zu erhalten, hat sich der Verein zur Pflege jüdischer Bildung und Kultur (JuBuK) zur Aufgabe gemacht. Dieser setzt sich aus Taglit-Teilnehmern zusammen und veranstaltet Seminare und Workshops in ganz Deutschland. Stanislav Dyskin gründete ihn gemeinsam mit anderen Alumni vor vier Jahren. »Für uns war wichtig, dass wir diese Taglit-Generation nicht verlieren«, erklärt der Essener.

»Wenn man aus Israel zurückkommt, ist man noch ein, zwei Monate sehr aktiv. Aber dann hat man wieder andere Sachen im Kopf und verstreut sich.« Die JuBuK-Seminare besuchen aber noch Alumni, die vor sieben Jahren an Taglit teilgenommen haben. So könne man die Bindung zu Israel aufrechterhalten.

»Wenn es auch nur bei einigen gelingt, die Liebe zu Israel zu entfachen, hat sich das Programm schon gelohnt«, sagt Graumann. Dieser Staat gebe jüdischen Menschen auf der ganzen Welt Rückhalt, Stolz und Sicherheit. »Israel ist immer zur Stelle, wenn Juden bedroht werden.« Doch sei seine Existenz nicht für alle Zeiten gesichert. Zuletzt habe man bei der Abstimmung in der UNO gesehen, wie allein es dastehen könne. Israel, so Graumann vor den ehemaligen Taglit-Reisenden in Düsseldorf, sei das einzige Land auf der Welt, das seine Feinde zerstört sehen wollen. »Und deshalb müssen die Juden auch für Israel da sein.«

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