Berlin

»Happy New Beer«

Eine in New York lebende Künstlerin aus Haifa erinnert in Berlin-Pankow an einen jüdischen Pionier der deutschen Braukunst. So lässt sich das umschreiben, was Anat Litwin am kommenden Samstag vorhat. Geplant ist eine Ausstellung, Diskussion, Installation, Musik und die Präsentation des eigens nur an diesem und für diesen Tag hergestellten »Ignatz Bieres« im ehemaligen Braugebäude in der Thulestraße 54.

Die Gruppe um die 36-jährige Kuratorin und Gründerin des Kunstprojektes »HomeBase« will dabei an »eine fast vergessene und zugleich wirklich bedeutende Persönlichkeit« erinnern.

Anat Litwin ist eher durch Zufall auf die Geschichte von Ignatz Nacher gestoßen. Im vergangenen Jahr veranstaltete sie ein mehrwöchiges Kunstprojekte zum Thema »Zuhause« in dem Gebäude, das früher eine Brauerei, später ein FDJ-Heim war und das jetzt nach langem Leerstand mehrere Ateliers beherbergt. »Am letzten Tag kamen Nachbarn zu uns, brachten uns eine alte Flasche Engelhardt-Bier und ein Foto. Und sie erzählten von der Vergangenheit des Hauses und von dem Mann, der hier einst gewirkt hat.

Geschichte Eine dieser Nachbarn ist Michaela Knör. Sie arbeitet als Fachbibliothekarin, unter anderem bei der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin (VLB). Aus ihrer beruflichen Tätigkeit ist ihr die Geschichte des jüdischen Geschäftsmannes Ignatz Nacher bekannt. Der wurde 1868 in Österreich-Schlesien geboren. 1901 kam er zu Engelhardt, wurde Teilhaber, übernahm bald die kleine Brauerei und machte daraus ein Imperium. Dazu gehörte das Werk in der Pankower Thulestraße und der Charlottenburger Sophie-Charlotte-Straße, wie die Malzbierbrauerei Groterjan und Beteiligungen an Brauhäusern unter anderem in Bamberg, Dortmund, Hamburg. «Nacher hat in Berlin die Pasteurisierung in die Bierproduktion eingeführt. Er war zwar kein Brauer, aber ein sehr erfolgreicher Kaufmann», sagt Knör.

Bis 1933 stand Nacher als Generaldirektor an der Spitze der Aktiengesellschaft. Damals riefen die Nazis zum Boykott des «Judenbieres» auf. Wenig später folgten seine Absetzung, die Verhaftung und Enteignung. «Er hat lange um sein Unternehmen gekämpft, bis er es endgültig verlor. 1939 ist er als gebrochener Mann in der Schweiz gestorben.»

Der Bochumer Historiker Dieter Ziegler hat in seinem Buch Die Dresdner Bank und die deutschen Juden über die Arisierung des Unternehmens geschrieben. Der Bund der Antifaschisten Berlin-Pankow erwähnt Nachers Geschichte in einer Ausstellung «Jüdisches Leben in Pankow – Vom Anbeginn zum Neubeginn».

Ignatz Bier «Aber sonst erinnert eigentlich nichts mehr an diesen Mann und dieses bedeutende Kapitel Brauereigeschichte. Das ist sehr schade», findet Anat Litwin. Von New York aus setzte die Künstlerin daher ihre Recherchen fort und stieß dabei auf einen Großneffen von Nacher, Ronnie Mandowsky. Sie traf ihn im kanadischen Toronto. Im Internet berichtete sie über diese Begegnung und veröffentlicht auch ihre Idee, Ignatz Nacher wieder ein Bier zu widmen. Die Blogeinträge haben Titel wie «happy new beer» oder «how to get Ignatz in a bottle».

Nun weiß Litwin, wie es geht. Gemeinsam hat sie mit der VLB und anderen Beteiligten eigens eine sogenannte Mikro-Brauerei installiert. Am kommenden Samstag soll zusammen mit Kunst- und Bier-interessierten, Historikern, Lokalprominenz und Nachbarn der «Beginn eines neuen Kapitels in der langen Geschichte der alten Brauerei» gefeiert werden.

Um 14 Uhr geht es los. Um 16 Uhr sind alle Besucher eingeladen, als Komparse bei der Reinszenierung der historischen Fotografie von der Einführung des «Engelhardt Pils» vor 104 Jahren mitzuwirken.

Ort
«The HomeBase Project Berlin»
Thulestrasse 54
13189 Berlin

Mehr Infos
www.ignatzbier.com

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