Berlin

»Happy New Beer«

Eine Gruppe um die Künstlerin Anat Litwin erinnert an Ignatz Nacher, einen jüdischen Pionier des Berliner Brauwesens

von Detlef David Kauschke  01.03.2011 10:37 Uhr

Ignatz Nacher (1868–1939) Foto: Archiv

Eine Gruppe um die Künstlerin Anat Litwin erinnert an Ignatz Nacher, einen jüdischen Pionier des Berliner Brauwesens

von Detlef David Kauschke  01.03.2011 10:37 Uhr

Eine in New York lebende Künstlerin aus Haifa erinnert in Berlin-Pankow an einen jüdischen Pionier der deutschen Braukunst. So lässt sich das umschreiben, was Anat Litwin am kommenden Samstag vorhat. Geplant ist eine Ausstellung, Diskussion, Installation, Musik und die Präsentation des eigens nur an diesem und für diesen Tag hergestellten »Ignatz Bieres« im ehemaligen Braugebäude in der Thulestraße 54.

Die Gruppe um die 36-jährige Kuratorin und Gründerin des Kunstprojektes »HomeBase« will dabei an »eine fast vergessene und zugleich wirklich bedeutende Persönlichkeit« erinnern.

Anat Litwin ist eher durch Zufall auf die Geschichte von Ignatz Nacher gestoßen. Im vergangenen Jahr veranstaltete sie ein mehrwöchiges Kunstprojekte zum Thema »Zuhause« in dem Gebäude, das früher eine Brauerei, später ein FDJ-Heim war und das jetzt nach langem Leerstand mehrere Ateliers beherbergt. »Am letzten Tag kamen Nachbarn zu uns, brachten uns eine alte Flasche Engelhardt-Bier und ein Foto. Und sie erzählten von der Vergangenheit des Hauses und von dem Mann, der hier einst gewirkt hat.

Geschichte Eine dieser Nachbarn ist Michaela Knör. Sie arbeitet als Fachbibliothekarin, unter anderem bei der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin (VLB). Aus ihrer beruflichen Tätigkeit ist ihr die Geschichte des jüdischen Geschäftsmannes Ignatz Nacher bekannt. Der wurde 1868 in Österreich-Schlesien geboren. 1901 kam er zu Engelhardt, wurde Teilhaber, übernahm bald die kleine Brauerei und machte daraus ein Imperium. Dazu gehörte das Werk in der Pankower Thulestraße und der Charlottenburger Sophie-Charlotte-Straße, wie die Malzbierbrauerei Groterjan und Beteiligungen an Brauhäusern unter anderem in Bamberg, Dortmund, Hamburg. »Nacher hat in Berlin die Pasteurisierung in die Bierproduktion eingeführt. Er war zwar kein Brauer, aber ein sehr erfolgreicher Kaufmann«, sagt Knör.

Bis 1933 stand Nacher als Generaldirektor an der Spitze der Aktiengesellschaft. Damals riefen die Nazis zum Boykott des »Judenbieres« auf. Wenig später folgten seine Absetzung, die Verhaftung und Enteignung. »Er hat lange um sein Unternehmen gekämpft, bis er es endgültig verlor. 1939 ist er als gebrochener Mann in der Schweiz gestorben.«

Der Bochumer Historiker Dieter Ziegler hat in seinem Buch Die Dresdner Bank und die deutschen Juden über die Arisierung des Unternehmens geschrieben. Der Bund der Antifaschisten Berlin-Pankow erwähnt Nachers Geschichte in einer Ausstellung »Jüdisches Leben in Pankow – Vom Anbeginn zum Neubeginn«.

Ignatz Bier »Aber sonst erinnert eigentlich nichts mehr an diesen Mann und dieses bedeutende Kapitel Brauereigeschichte. Das ist sehr schade«, findet Anat Litwin. Von New York aus setzte die Künstlerin daher ihre Recherchen fort und stieß dabei auf einen Großneffen von Nacher, Ronnie Mandowsky. Sie traf ihn im kanadischen Toronto. Im Internet berichtete sie über diese Begegnung und veröffentlicht auch ihre Idee, Ignatz Nacher wieder ein Bier zu widmen. Die Blogeinträge haben Titel wie »happy new beer« oder »how to get Ignatz in a bottle«.

Nun weiß Litwin, wie es geht. Gemeinsam hat sie mit der VLB und anderen Beteiligten eigens eine sogenannte Mikro-Brauerei installiert. Am kommenden Samstag soll zusammen mit Kunst- und Bier-interessierten, Historikern, Lokalprominenz und Nachbarn der »Beginn eines neuen Kapitels in der langen Geschichte der alten Brauerei« gefeiert werden.

Um 14 Uhr geht es los. Um 16 Uhr sind alle Besucher eingeladen, als Komparse bei der Reinszenierung der historischen Fotografie von der Einführung des »Engelhardt Pils« vor 104 Jahren mitzuwirken.

Ort
»The HomeBase Project Berlin«
Thulestrasse 54
13189 Berlin

Mehr Infos
www.ignatzbier.com

27. Januar

Eine Tora im Bundestag

Sie wurde ein Jahr lang in Israel restauriert. Jetzt wird sie beim Gedenkakt vollendet

von Miryam Gümbel  22.01.2021

Auszeichnung

Obermayer Awards werden werden am Montag in Berlin verliehen

Der Preis würdigt das Engagement gegen Vorurteile und die Bewahrung jüdischer Geschichte

 22.01.2021

Berlin

Gewinner des Fotowettbewerbs zu jüdischem Alltag ausgewählt

Die Jury-Mitglieder wählten aus 654 Einreichungen 10 zu prämierende Fotos

 21.01.2021

Corona

Der Lage angemessen

15-Kilometer-Begrenzung, Ausgangssperre oder Abstandsregeln – wie die Gemeinden trotzdem soziale Kontakte aufrechterhalten

von Annette Kanis, Elke Wittich  21.01.2021

Rotenburg

AG Spurensuche

Unermüdlich erforscht Heinrich Nuhn die jüdische Geschichte in Nordhessen

von Joachim F. Tornau  21.01.2021

Münster

Das soziale Band hält

Das Gemeindebüro ist geschlossen, doch jüngere Mitglieder helfen älteren während der Pandemie

von Hans-Ulrich Dillmann  21.01.2021

27. Januar

Wie eine Zeitmaschine

Die »Cultural Heritage«-Expertin Nicola Andersson will Lebensgeschichten hinter Stolpersteinen zugänglich machen

von Ralf Balke  21.01.2021

Naturschutz

Vom Faulen See bis Spandauer Forst

Max Hilzheimer war Berlins erster Kommissar für Naturdenkmalpflege. Erst jetzt wird sein Lebenswerk gewürdigt

von Christine Schmitt  21.01.2021

Pandemie

»Optimal vorbereitet«

Yehoshua Chmiel über die Arbeit des IKG-Krisenstabs, Notfallpläne der Gemeinde und mögliche Lehren für die Zukunft

von Helmut Reister  21.01.2021