Düsseldorf

Handstand rückwärts

Nicole hat sich viel vorgenommen. Die Neunjährige will Flick‐ flack lernen: also den Überschlag rückwärts, bei dem man erst kurz mit Schwung im Handstand und dann wieder sicher auf den eigenen Füßen landet. Wenn’s denn klappt. Radschlagen, Handstand und sogar den Spagat beherrscht die Drittklässlerin der Rabin‐Schule prima – kein Wunder, seit drei Jahren besucht sie Gymnastikstunden beim TuS Maccabi Düsseldorf. Doch seit Oktober wurde der wöchentliche Kursus erweitert: Er umfasst jetzt Trainingseinheiten in Gymnastik, Ballett – und Akrobatik. Letzteres macht Nicole besonders viel Spaß.

Meistertitel Akrobatik‐Übungsleiter Johannes Belovencev gibt ihr Tipps und Hilfestellung. Der 16‐Jährige – in weißem
T‐Shirt und grauer Trainingshose – hat die Übungen ein paarmal vorgemacht: Flickflack, Rad, Handstand. Seine Bewegungen sehen spielend einfach aus, gehen fließend ineinander über. Als wäre es das Natürlichste der Welt, mal eben rückwärts in den Handstand zu springen und dann ohne sichtliche Anstrengung munter fachmännisch darüber zu plaudern. Kein Wunder: Der Gymnasiast gewann im Mai 2011 den Deutschen Akrobatik‐Meistertitel in der U16‐Klasse. Und einmal die Woche gibt er seine Kenntnisse an zehn bis 20 Kinder weiter, die sich in der Turnhalle des Yitzhak‐Rabin‐Schulzentrums versammeln.

Für den Flickflack muss Nicole jetzt auf der blauen Übungsmatte im doppelten Sinne über ihren Schatten springen. Johannes will ihr die Angst vor dem Rückwärtssprung nehmen. Dazu soll sie sich mit weit ausgestreckten Armen nach hinten fallen lassen und springen. Der Trainer greift unter ihren Rücken und lenkt ihren Körper sicher in den Handstand, aus dem Nicole wieder in den Stand kommt. Und nochmal. Übung macht hier den Meister, und Trainer und Grundschülerin sind ausdauernd.

Nicoles Vater schaut stolz und kritisch von der Bank aus zu und erzählt, dass die Akrobatikstunden auch eine Belohnung für die guten Noten der Tochter sind. Johannes geht derweil zum nächsten Kind und zeigt einem Mädchen wie man an der Wand der Turnhalle entlanglaufen kann, wenn man sich an einer Bank abstützt. Und macht einem Jungen vor, wie er sich mit den Armen an einer Bank hochziehen kann, deren rechte Seite aufgebockt ist.

Kombi‐Kurs Gleichzeitig üben vier Mädchen in einer Ecke der Halle unter den Augen von Kira Chandros die aufrechte Tanzhaltung und elegante Ballettschritte, während Liudmila Grechanykova mit dem Nachwuchs auf spielerische Weise Gymnastik trainiert. Und immer wieder wird abgewechselt. »Im Leistungssport üben Kinder auch parallel. Trainer haben uns das empfohlen«, erklärt der Düsseldorfer Maccabi‐Vorsitzende Grygoriy Karzhynyerov.

TuS Maccabi Düsseldorf mit derzeit etwa 250 Mitgliedern hat eine lange Geschichte: 1923 ins Leben gerufen und 1961 wiedergegründet, übernimmt der Verein seit den 90er‐Jahren eine wichtige Rolle bei der Integrationsarbeit. Im Angebot sind unter anderem Basketball, Tischtennis, Frauengymnastik, Mutter‐Kind‐Turnen und Schach.

Oberliga Die Basketballer spielen in der zweiten Oberliga. Auch an den Europäischen Maccabi‐Spielen und der Maccabiade in Israel nehmen die Düsseldorfer regelmäßig teil. Bei bei der 17. Maccabiah in Israel 2005 gewannen sie eine Gold‐, zwei Silber‐ und zwei Bronzemedaillen im Tischtennis. Seit Oktober bietet die mehrfache Medaillengewinnerin bei europäischen Wettkämpfen, Evgenia Mazunina, eine Tennis‐AG für Kinder und Jugendliche an.

Johannes Belovencev kam eher zufällig zu Maccabi. Eine Trainerin suchte eigentlich nur eine Aushilfe. Doch Johannes mit seiner Mischung aus Lockerheit und Professionalität wurde schnell zu einem wichtigen Teil des Trainerteams. Weiterer Vorteil: Er kann ganz nach Bedarf zwischen Deutsch und Russisch wechseln. Sein Part beim Kursus ist, das Köpergefühl der Kinder zu verfeinern, sie mit Spaß an Rollen, Klettern und Sprünge zu gewöhnen. Für Talente wie Nicole stehen dann später vielleicht Übungen wie bei den echten Akrobaten auf dem Programm, etwa das Aufstellen zu menschlichen Pyramiden.

training Der junge Übungsleiter hat mit neun Jahren genauso angefangen wie seine Schützlinge heute. Er trainiert seitdem am Düsseldorfer Leistungszentrum für Sportakrobatik (LZSA), zurzeit 13 Stunden pro Woche, und das neben der Schule. Im Frühling will er mit Teamkollegen vom LZSA zum Akrobatik‐World‐Cup nach Aalen. Und natürlich träumt er davon, eines Tages einen Weltmeistertitel zu erringen. Doch Hoffnungen, später sein Geld mit Salti und Menschen‐Pyamiden zu verdienen, macht er sich nicht: »Ich möchte Psychologie studieren. Besonders interessiert mich Verhaltenspsychologie«, erzählt Johannes.

Nicole hat auch klare Vorstellungen, zumindest, wohin das Training gehen soll: »Ich will Flickflack können«, sagt sie – und läuft zur nächsten Übung.

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