Maccabiah

Gewinner geben nicht auf

Trainiert täglich: Der 86-jährige Shaul Ladany geht bei der 21. Maccabiah für das deutsche Team an den Start. Foto: picture alliance/dpa

An diesem Donnerstag wird die 21. Maccabiah in Jerusalem mit einem großen Fest eröffnet. Schon viele, viele Male habe ich selbst an diesem weltweit wichtigsten jüdischen Sportevent teilgenommen. Es ist gut möglich, dass ich die größte Maccabiah-Medaillensammlung in privater Hand halte. Und obwohl ich 86 Jahre jung bin und schon so oft bei der »jüdischen Olympiade« dabei war, werde ich auch in diesem Jahr wieder beim Halbmarathon in meiner Disziplin, dem Gehen, antreten.

Die Makkabi-Spiele waren nie das Sport-Highlight der Welt. Sie sind aber der Höhepunkt des jüdischen Sports. Auch wenn immer wieder Olympia-Sieger mit am Start waren, ging es aus meiner Sicht nie um Höchstleistungen und Rekorde. Vielmehr wollten und wollen wir der Welt zeigen: Wir sind hier, wir sind stark, und ja, wir erbringen auch gute, sportliche Leistungen.

stereotypen Damit folgen wir der Idee von Max Nordau. Der 1849 in Ungarn geborene Schriftsteller, Politiker und Arzt ist als Mitbegründer der Zionistischen Weltorganisation bekannt und sprach oft über die Notwendigkeit, dass Juden nicht nur geistig, sondern auch körperlich stark sein müssen, um mit antisemitischen Stereotypen zu brechen und die Ziele des Zionismus erreichen zu können.

Als 1932 die erste Maccabiah in Tel Aviv stattfand, steckte die Welt in einer dramatischen Wirtschaftskrise, und es gab nur wenige Teilnehmer.

Als 1932 die erste Maccabiah in Tel Aviv stattfand, steckte die Welt in einer dramatischen Wirtschaftskrise, und es gab nur wenige Teilnehmer. Knapp 400 Sportler waren es damals. Bei den zweiten Spielen im Jahr 1935 waren es schon etwas mehr als 1000 Athleten, von denen viele aufgrund der zunehmenden Gefahr durch die Nationalsozialisten nach den Spielen im damaligen Palästina blieben.

Bereits mein Großvater besuchte diese zweite Maccabiah. Sein Name war Max Kassovitz. Er überlebte das Massaker von Novi Sad, bei dem 1942 zwei seiner Töchter von Ungarn ermordet wurden. Er selbst wurde 1944 in Auschwitz vergast. Als er die zweite Maccabiah besuchte, sendete er eine Postkarte an meinen Vater. Bis heute bewahre ich sie sicher auf.

signal Die Maccabiah machte der jüdischen Welt damals wie heute enormen Mut. Besonders prägend waren die dritten Makkabi-Spiele im Jahr 1950, kurz nach der Schoa, kurz nach der Gründung Israels. Das Signal, das in die Welt ging, lautete: »Schaut her, wir sind am Leben, Israel lebt!«

Die Makkabi-Spiele in Israel sind der Höhepunkt des jüdischen Sports.

Die diesjährige Maccabiah findet aufgrund der Pandemie ein Jahr verspätet statt und steht damit plötzlich unter einem besonderen Stern. Denn das furchtbare Münchner Olympia-Attentat jährt sich zum 50. Mal. Als israelischer Nationalsportler war ich 1972 nicht nur mit dem Olympia-Team in München.

Ich war auch in dem Gebäude, in dem der Anschlag verübt wurde. Ich überlebte nur knapp. Für meine Freunde aber kam jede Hilfe zu spät. Mit der 21. Maccabiah soll also nicht nur der jüdische Sport gefeiert werden, wir Makkabäer werden in der Eröffnungszeremonie auch der Opfer des Olympia-Attentats gedenken.

freundschaft Besonders freue ich mich in den kommenden Tagen auf die deutsche Makkabi-Delegation. Dass sie aus Deutschland kommt, belastet unser Verhältnis nicht. Meine Freundschaft zu dieser Delegation begann vor einigen Jahren. Seither habe ich an zahlreichen ihrer Veranstaltungen teilgenommen. Erst im vergangenen Jahr habe ich bei den deutschen Makkabi-Spielen in Düsseldorf die Fünf-Kilometer-Strecke absolviert.

Dass ich als Überlebender der Schoa wieder deutschen Boden betreten konnte, liegt daran, dass ich immer Personen gemieden habe, die aufgrund ihres Alters in die Verbrechen hätten verwickelt sein können. Mit den nachfolgenden Generationen hatte ich nie ein Problem. Mein Schwiegervater hingegen weigerte sich bis zu seinem Tod, deutschen Boden zu betreten. Als er einmal in Frankfurt überraschend zwischenlanden musste, blieb er als einziger Passagier im Flugzeug sitzen.

Dass ich als Überlebender der Schoa wieder deutschen Boden betreten konnte, liegt daran, dass ich immer Personen gemieden habe, die aufgrund ihres Alters in die Verbrechen hätten verwickelt sein können.

Ähnlich ging es mir immer mit Ungarn. Ich hatte schreckliche Erinnerungen an das Land und wollte eigentlich nie wieder zurückkehren an den Ort der Demütigung, wo man mich einst als »stinkenden Juden« entwertete. Doch als mich die deutschen Makkabäer 2019 fragten, ob ich nicht an den Spielen in Budapest teilnehmen möchte, sagte ich zu und trat beim Halbmarathon an – für Makkabi Deutschland. Ein Reporter fragte mich damals, wie es sich anfühle, vor Ort zu sein. Ich sagte ihm: »Ein stinkender Jude kehrt Jahrzehnte nach der Schoa nach Ungarn zurück, als Professor und Weltrekordhalter im Gehen!«

halbmarathon Nun ist es endlich so weit. Die Makkabäer aus aller Welt finden wieder zusammen, und ich werde auch diesmal beim Halbmarathon antreten. 21 Kilometer und knapp 100 Meter liegen vor mir. Dafür trainiere ich täglich. Von Jahr zu Jahr merke ich aber: Jeder Kilometer wird länger, jeder Hang steiler und ich immer langsamer. Ich bekomme es aber immer noch hin. Und falls ich Schmerz spüren sollte, knirsche ich einfach mit den Zähnen. Die sind zum Glück ziemlich robust.

In einem Ghetto gelebt, überlebt zu haben, ein Geflüchteter gewesen zu sein, ein halbes Jahr in Bergen-Belsen – das hat zwangsläufig dazu geführt, dass ich großen Schmerz aushalten kann. Als Sportler und Makkabäer lautet mein Motto: Wer aufgibt, gewinnt nicht, und wer gewinnt, gibt nicht auf.

Shaul Ladany ist Weltrekordhalter im Gehen und wohnt in Omer (Israel). Er hat die Schoa und das Olympia-Attentat von 1972 überlebt.

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