Gleichberechtigung

Gender und Gemeinde

Barbara Traub (l.) war die Erste, die 2002 in der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs Vorstandssprecherin wurde. Foto: Edgar Layher / imago

»Frau Vorsitzende«, lange war diese Anrede sehr selten in jüdischen Kreisen. Inzwischen sind weibliche Gemeindechefs nichts Ungewöhnliches mehr. Auch wenn es für manche Gemeinden noch nicht allzu lang her ist, dass sie eine Frau an der Spitze haben.

Barbara Traub war beispielsweise die Erste, die 2002 in der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs Vorstandssprecherin wurde. An einem weiblichen Vorbild konnte sie sich nicht orientieren – »außer Charlotte Knobloch im fernen München«. Allerdings war die Stuttgarter Gemeinde nach dem Krieg entscheidend von einer Frau mitgegründet worden, Charlotte Kauler. Sie übernahm jedoch nie ein Amt.

erfahrungen »Ich bin mehr oder weniger reingerutscht«, schildert Traub den Anfang ihrer Vorstandszeit. Bei den ersten Reden war ich noch sehr nervös, dann habe ich mir das Stück für Stück angeeignet.» Dabei hatte sie zu diesem Zeitpunkt bereits Erfahrung mit Führungspositionen, weil sie unter anderem ein Wohnheim für psychisch Erkrankte geleitet hatte. Außerdem war sie im Studentenverband aktiv.

«Ich arbeitete ja schon einige Jahre zuvor in der Repräsentanz. Als Psychotherapeutin bin ich es gewohnt zu beobachten. Das hat mir sehr geholfen, mich in bestimmten Dingen beispielsweise an meinen Vorgängern zu orientieren.» Sie habe «kein Problem damit gehabt, mir auch einen Mann wie den langjährigen Vorstandssprecher Meinhard Tenné als Vorbild zu nehmen».

«Lernen ist sehr wichtig, um gute Arbeit zu machen. Ich bin am Anfang in meinen Entscheidungen sehr viel vorsichtiger gewesen, als es vielleicht ein Mann gewesen wäre. Mittlerweile gibt es ja in mehreren Gemeinden Frauen in den Vorständen. »Die Hürden für die nächste Generation sind dann nicht mehr ganz so hoch. Zumal es ja heute regelrecht erwünscht ist, dass Frauen die Verantwortung übernehmen«, ist die 55-jährige dreifache Mutter überzeugt.

Protokoll Das war noch vor 50 Jahren anders, als die Stuttgarter Vorstände in einem nie veröffentlichten und erst vor Kurzem zufällig gefundenen Protokoll »eine Art Rütlischwur taten, dass keine Frau in den Vorstand gelangen soll«.

Wichtig sei, dass man überlegte Entscheidungen trifft, rät Traub Frauen, die Führungspositionen in Gemeinden übernehmen wollen. »Oft soll rasch entschieden werden, aber ich bremse dann lieber und sage, dass man besser noch eine Woche überlegt, als unter Druck zu handeln.« Diese Geduld war es möglicherweise, die Traub nun auch in die oberste Führungsetage des Zentralrats gebracht hat. Das Direktorium wählte sie am 3. Februar dieses Jahres ins Präsidium.

Als Leah Floh vor zehn Jahren gefragt wurde, ob sie nicht für den Vorsitz der Jüdischen Gemeinde Mönchengladbach kandidieren wolle, lehnte sie zunächst rundheraus ab. »Aber dann wurde mir klar: Wenn nicht ich, wer dann?«, sagt sie rückblickend. »Und heute weiß ich zwar nicht, ob die Gemeinde ohne mich kann, aber ich kann auf jeden Fall nicht ohne die Gemeinde.« Natürlich sei es am Anfang nicht einfach gewesen, aber sie habe eigentlich nie gedacht, dass »eine Frau das nicht kann«.

Flohs weibliches Vorbild ist Golda Meir. »Ihre Kraft, ihre Ziele und der Weg, diese Ziele zu erreichen, wozu auch gehörte, nicht immer zurückzuschauen, haben mir immer imponiert«, erzählt Floh. Neben der israelischen Ministerpräsidentin habe sie jedoch noch eine andere Frau sehr geprägt. »Mein großes Vorbild war meine Großmutter, und zwar in allen Bereichen. Ich zitiere sie sehr oft, bewusst und unbewusst«, verrät Floh. »Sie war erst 36 Jahre alt, als ich zur Welt kam – und war schon Witwe, denn mein Großvater war im Holocaust ermordet worden.«

Grossmutter Ihre Oma Rivka Aranovsky habe sich um die Enkelin gekümmert, denn beide Eltern studierten noch. »Sie hat meine Einstellungen, meine Sichtweisen bestimmt, es ist so vieles, was ich von ihr gelernt habe – vor allem sehr viel Jüdischkeit.«

Wie ihre Großmutter bildet sich auch Floh immer wieder fort. Gerade beschäftigt sie sich bei der C.G. Jung-Gesellschaft in Köln mit Biografiearbeit. »Das hilft sehr in der Arbeit mit Holocaust-Überlebenden, für die wir in der Gemeinde im Dezember eine eigene Gruppe eröffnet haben.« Am 20. Februar wurde Floh überdies in den Vorstand des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden von Nordrhein gewählt.

»Eine Frau im Gemeindevorstand war natürlich ein Novum«, erinnert Judith Neuwald-Tassbach an Mika Isenberg, die lange Zeit zur Gelsenkirchener Gemeindeführung gehörte. »Sie wurde ganz einfach akzeptiert, was sicher auch daran lag, dass die kleine Gemeinschaft ganz eng zusammenhielt.« Sie persönlich habe viel von ihren Vorbildern, darunter ihr Vater Kurt Neuwald, gelernt, sagte die heutige Gemeindevorsitzende. »Unter anderem, dass so ein Vorstandsjob nichts ist, bei dem man nach den Vorteilen für sich persönlich schauen darf, sondern ein Dienst an der Gemeinde.«

Großen Respekt zollt Neuwald-Tasbach den Männern und Frauen der ersten Stunde und ihrer Mutter. Als junge Siebenbürger Jüdin zur Zwangsarbeit und dann nach Auschwitz verschleppt, habe sie sich entschieden, in Deutschland zu bleiben. »Wie jemand, der so erniedrigt wurde, derart positiv in die Zukunft schauen konnte und offen auf andere Menschen zuging, das hat auch mir sehr positives Denken gegeben.«

Bundeswehr

Anerkennung für eine Zeitzeugin

Verteidigungsminister Boris Pistorius würdigte IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch mit dem Ehrenkreuz

von Luis Gruhler  01.08.2026

Berlin

Antisemitismus ohne Scham

Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Kahal Adass Jisroel in Berlin-Mitte wurde nach eigenen Angaben auf der Straße mit dem Tode bedroht

von André Anchuelo  30.07.2026 Aktualisiert

Thüringen

Das Erbe der Simsons

Beim jährlichen Moped-Treffen in Suhl feiern Zehntausende den »Sound des Ostens«. Doch hinter der Kultmarke steht die Geschichte einer von den Nazis vertriebenen jüdischen Unternehmerfamilie

von Helmut Kuhn  30.07.2026

Fußball

Rot-Weiß verbindet

Vergangene Woche gründete sich mit den »FCB Chaverim« der deutschlandweit erste jüdische Fanklub des FC Bayern München

von Luis Gruhler  30.07.2026

Erinnerung

Für immer

Manchmal sind es die kleinen Dinge, von denen wir uns nie trennen würden. Wir haben Gemeindemitglieder gefragt, welche Gegenstände ihnen viel bedeuten

von Christine Schmitt  30.07.2026

Unterfranken

Dem Hass die Stirn bieten

Nach dem brutalen Angriff auf ein Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft riefen prominente Redner bei einer Mahnwache in Würzburg zum Widerstand gegen Antisemitismus auf

von Stefan W. Römmelt  30.07.2026

CSD

Vom Feiern zum Schock

Auch viele queere Jüdinnen und Juden tanzten fröhlich auf Berliner Straßen – bis der Anschlag geschah

von Christine Schmitt  29.07.2026

Lesen

Zehn Welten

Die Journalistin Anna Lutz hat Jüdinnen und Juden porträtiert und darüber ein Buch veröffentlicht. Entstanden sind Geschichten zwischen Nähe und Distanz

von Leon Stork  28.07.2026

Kino

»Das ist das Vermächtnis meines Vaters«

Alice Brauner setzt als Produzentin die Familientradition fort. Ein Gespräch über ihren neuen Film »Block 10«, Herausforderungen für Schauspieler und intensive Recherchen

von Christine Schmitt  28.07.2026