Rheinland-Pfalz

Gemeinsam Vorurteile abbauen

Foto: dpa

Peter Waldmann blickt gerne zurück: »Noch vor wenigen Jahren war der Austausch zwischen jüdischen und muslimischen Gemeinden in Deutschland selbstverständlich und das Verhältnis sehr positiv«, sagt der Literaturwissenschaftler.

Er ist Jude und war lange Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Rheinland-Pfalz. Waldmann erinnert sich an enge Kontakte zum türkischen Konsulat und uneingeschränkte Solidarität von Juden und Muslimen nach rassistischen Anschlägen in den 80er- und 90er-Jahren.

Seit damals sei das Verhältnis schlechter geworden, inzwischen problematisch, sagt Waldmann. Dieser Entwicklung wollten er und Imam Mustafa Cimsit – zugleich Gründungsvorsitzender der Schura Rheinland-Pfalz, Landesverband der Muslime – etwas entgegensetzen.

BEGEGNUNGEN Die beiden Freunde gründeten 2019 das jüdisch-muslimische Bildungswerk »Maimonides« mit Sitz in Rheinland-Pfalz. Namensgeber ist der einflussreiche mittelalterliche jüdische Gelehrte Moses Maimonides, der im 12. Jahrhundert in Kairo lebte.

Bei den Gesprächsrunden geht es zuweilen hoch her, unterschiedliche Meinungen treffen aufeinander.

»Wir beide erleben, dass die Stimmung in muslimischen Gemeinden problematisch geworden ist – und umgekehrt das Misstrauen gegenüber Muslimen in jüdischen Gemeinden gewachsen ist«, sagt Waldmann. Maimonides organisiert Vorträge, Workshops und setzt vor allem auf persönliche Begegnungen. Denn wer nichts über den anderen weiß, dem bleiben vor allem Vorurteile.

Kommen Hass und Wut hinzu, kann es gefährlich werden. »Wenn in muslimischen Gemeinden ein leibhaftiger Jude auftaucht und mit den Menschen spricht, wirkt das, auch gegen Feindbilder«, sagt Waldmann. Umgekehrt gebe es Muslimen Sicherheit und Vertrauen, dass mit Cimsit ein Imam an Bord ist.

KONFLIKTE Bei den Gesprächsrunden gehe es zuweilen hoch her, unterschiedliche Meinungen träfen aufeinander. »Wir sind alle nicht ohne Vorurteile, Fragen, Diskussionsbedarf«, betont Waldmann. Schwierigkeiten zu verdrängen, bringe nichts. Maimonides wolle vielmehr ermöglichen, Konflikte in einem institutionalisierten Raum auszutragen.

Eine offene Haltung will das Bildungswerk an Engagierte und Mitarbeiter in Kitas, Jugendeinrichtungen, Gemeinden und Vereinen weitergeben und hat dazu das Projekt »Couragiert!« initiiert. Der Bund und die rheinland-pfälzische Landesregierung unterstützen das Projekt. Bis 2024 will Maimonides Trainer ausbilden, die dann wiederum selbst Workshops in Gemeinden oder Vereinen anbieten, erklärt die pädagogische Leiterin Misbah Arshad.

»Es gab sehr produktive Beziehungen von Juden und Muslimen.«

Peter Waldmann, Co-Geschäftsführer Maimonides

Das Konzept: In sieben Fortbildungseinheiten lernen die Teilnehmer Islam und Judentum kennen, beschäftigen sich mit Jugendkultur, mit Antisemitismus und Rassismus gegen Muslime. Weiter soll es vor allem um Selbstreflexion gehen. »Wir wollen die Teilnehmer nicht mit Wissen überschütten, sondern blinden Flecken und festgefahrenen Bildern im Kopf auf den Grund gehen«, sagt Arshad. Der Kurs startet im September in Mainz.

INITIATIVEN Jüdisch-muslimische Initiativen wie die von Maimonides gibt es einige in Deutschland: Stammtische, Kulturtage, eine Akademie, ein Thinktank, Gesprächsformate und Tandems, die sich als jüdisch-muslimisch beschreiben und bei denen sich Juden und Muslime miteinander und füreinander einsetzen.

»In den Medien stellt sich das oft anders dar«, sagt Arshad. »Vieles, was das jüdisch-muslimische Alltagsleben in Deutschland betrifft, ist nicht sichtbar.« Vielmehr dominierten Konflikte – allen voran der Nahostkonflikt. So entstehe in der öffentlichen Wahrnehmung der Eindruck, das Verhältnis von Juden und Muslimen sei hauptsächlich schwierig.

Um »große Politik« – wie Waldmann es nennt – soll es bei Maimonides gerade nicht gehen, auch wenn sie die Arbeit spürbar beeinflusse, sagt Waldmann. Vielmehr wolle Maimonides bewusst machen, dass die aktuellen Konflikte zeitgebunden seien. »Es gab sehr produktive Beziehungen von Juden und Muslimen«, betont Waldmann.

So hätten deutsche Juden als bedeutende Islamwissenschaftler eine positive Einschätzung zum Islam geprägt. Zugleich seien Juden im Orient lange als Gelehrte wertgeschätzt worden – mehr als zur gleichen Zeit in Europa. Dieses Wissen könne dazu beitragen, optimistisch an der Zukunft zu arbeiten.

München

»Das war eine Zäsur«

IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch über den Brandanschlag auf das jüdische Gemeindehaus in der Reichenbachstraße und das Gedenken an den 13. Februar 1970

von Leo Grudenberg  21.02.2024

München

Roth würdigt verstorbenen Direktor des Jüdischen Museums

Als Gründungsdirektor prägte Bernhard Purin die Einrichtung

 21.02.2024

München

Verloren und verstreut

Die Historikerin Julia Schneidawind stellte im Gemeindezentrum ihre Dissertation über deutsch-jüdische Privatbibliotheken vor

von Nora Niemann  20.02.2024

München

Direktor des Jüdischen Museums unerwartet gestorben

Bernhard Purin war weltweit als Experte für Judaica geschätzt

 20.02.2024

Zentralrat

Jüdische Gemeinde Berlin jetzt im Zentralrat-Präsidium

Zuvor hatte es Streit zwischen der Gemeinde und dem Zentralrat gegeben

 20.02.2024

Ehrung

Pianist Igor Levit erhält Buber-Rosenzweig-Medaille

Levit wolle vor allem als ein Mensch wahrgenommen werden, der politisch mitgestalten möchte, schrieb das Präsidium des Koordinierungsrats

 20.02.2024

Frankfurt am Main

Gemeinde-App gestartet

Mit der Anwendung will die Jüdische Gemeinde ihre Mitglieder und die Öffentlichkeit auf dem Laufenden halten

 18.02.2024

Sachsen

Wachsende Unruhe

Wie die jüdische Gemeinschaft im Freistaat damit umgeht, dass die AfD immer stärker wird. Ein Besuch in Dresden und Leipzig

von Matthias Meisner  18.02.2024

Porträt der Woche

Auf Reisen

Nogah Wank Avdar ist Madricha, aktiv bei »Meet a Jew« und fliegt zum BBYO-Treffen

 18.02.2024