Interreligiös

Gemeinsam gegen Vorurteile

Manchmal fühlt sich Avital Grinberg wie eine Exotin. Wenn sie etwa im Rahmen des Projektes »Interreligiöse Peers« der Initiative Juga (Jung, gläubig und aktiv) Schulklassen besucht und mit den Jugendlichen über Religion spricht. Finanziert wird das Projekt unter anderem von der Berliner Landeskommission gegen Gewalt und dem Bundesinnenministerium.

Träger sind die Regionalen Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie Berlin. »Ich stehe dann als Jüdin vor den Schülern; meine Kollegin ist entweder Christin, Bahai oder Muslimin, und vor mir sitzen Schüler, die zum größten Teil muslimisch sind – dann muss ich schon hin und wieder einmal innehalten.« Avital entwickelt mit den Schülern Ideen zum Thema »Interreligiöse und weltanschauliche Vielfalt und Verständigung«.

einblicke »Wir reden im Alltag zu wenig über Vorurteile und Probleme«, meint die 19-Jährige. Dabei sei es wichtig, Menschen die Möglichkeit zu geben, mehr zu erfahren und sie zu motivieren, »auch das zu hinterfragen, was sie glauben oder wovon sie überzeugt sind«, findet sie. Deshalb engagiert sich die junge Frau, die als Kindertanzpädagogin arbeitet, seit Jahren bei den Interreligiösen Peers.

Avital und ihre Mitstreiter gehen in die Schulen, um dort in einem mehrstündigen Workshop Vorurteile ab- und Toleranz und Respekt aufzubauen. Sie möchte anderen jungen Menschen eine Möglichkeit geben, »Einblicke in mein jüdisches Leben zu erhalten, denn Menschen kennen nur die Klischees und haben niemals Gegenbeispiele gesehen oder erlebt«.

Oft werde sie intensiv befragt, ob sie beispielsweise koscher esse, in die Synagoge gehe oder konvertiert sei. Sie will andere dafür sensibilisieren, dass Menschen unterschiedliche Überzeugungen haben können, ohne dass das automatisch etwas Trennendes sein muss. Denn es ist noch gar nicht lange her, da war sie selbst als Schülerin mit Vorurteilen konfrontiert.

verständigung »Der Workshop bietet die Möglichkeit zu erfahren, wie das Zusammenleben aller Glaubensgemeinschaften gelingen kann – trotz aller Unterschiede«, sagt Kofi Ohene-Dokyi, der das Juga-Projekt leitet. Rund 30 Einsätze hatten die Peers in den letzten 18 Monaten. Über einen Fachbrief, den der Projektleiter regelmäßig an die Schulen verschickt, erfahren die Pädagogen davon. Im Frühjahr hat das Juga-Projekt einen Preis für Respekt gewonnen.

Gerade über Menschen, die sich zu bestimmten Religionen bekennen, herrschen immer noch viel Unkenntnis und Vorurteile – bis hin zu offener Ablehnung und sogar Gewalt,meint Ohene-Dokyi. Dazu zählen antisemitische Äußerungen und physische Gewalt – wie etwa der Angriff auf Rabbiner Daniel Alter 2012 in Berlin-Friedenau – ebenso wie antimuslimische Feindseligkeiten, wie zum Beispiel Hassbriefe an muslimische Gemeinden oder vor Berliner Moscheen ausgelegte Schweineköpfe.

Insbesondere jungen Menschen fehle es an positiven und authentischen Beispielen geglückter Verständigung, meint der Sozialpädagoge. Daher haben sich 2011 Berliner Juden, Christen, Muslime und Bahai zu der Juga-Initiative zusammengetan. Sie setzen sich mit öffentlichen Aktionen für mehr Verständigung zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen ein, wie etwa bei Demonstrationen, Stadtfesten, Stolpersteinverlegungen und Veranstaltungen wie dem interreligiösen Poetry Slam 2012 in der Urania.

tandem Die Peers sind idealerweise nur wenig älter als die Schüler selbst. In mehreren Workshops haben sich Avital Grinberg und Ljuba Shabaeva sowie weitere 20 junge Muslime, Christen, Juden und Bahai gemeinsam zu »Peer-Trainern für interreligiöse und weltanschauliche Vielfalt und Verständigung« ausbilden lassen. Seitdem sind sie in der Lage, mit Schülern zu diesem Thema zu arbeiten, beschreibt Ohene-Dokyi den Ablauf.

Die Peers sollen Basiswissen zu den verschiedenen Weltreligionen vermitteln und gleichzeitig veranschaulichen, welche Bedeutung ihre Religion für sie ganz persönlich hat. Ferner sollen sie die Schüler in methodischen Übungen und offenen Gesprächsrunden dazu anregen, sich mit Vorurteilen und Stereotypen auseinanderzusetzen, und Wege aufzeigen, wie diese überwunden werden können. Immer wichtig sei dabei, die Gemeinsamkeiten unter Menschen verschiedener Religion und Weltanschauungen zu betonen.

Zwölf Jahre lang war Ljuba auf jüdischen Schulen, erst besuchte sie die Heinz-Galinski-Grundschule, dann das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn. »Danach wollte ich mehr über andere Religionen lernen«, begründet die BWL-Studentin ihre Motivation. »Als ich von einer Cousine von diesem Projekt erfuhr, war mir klar, dass das etwas für mich ist.« Gerade den Umstand, dass die Peers zunächst selbst vieles über die unterschiedlichen Religionen erfahren, fasziniert Ljuba nach wie vor. Sie habe dadurch selbst viel gelernt, vor allem über den Bahaismus. Dabei gehen die Peers immer als Tandem in die Klassen, also mindestens zu zweit. Beide müssen unterschiedlichen Religionen angehören.

einsatz Vor ihrem ersten Einsatz in einem Neuköllner Gymnasium war Ljuba ziemlich aufgeregt. Schwerpunkt des Workshops war das Thema Gender. »Wir haben viel über die Rolle der Frau und die des Mannes gesprochen«, erzählt sie. »Das war spannend.«

Ljuba hat dabei auch gelernt, wie schwierig es ist, die Achtklässler zum Mitmachen zu motivieren. Sie sei überrascht gewesen, welche Vorstellungen einige dieser Schüler haben. So sollten sie beispielsweise Sätze wie »Ein Mädchen darf nicht ...« beenden. Nach Ansicht einiger Schüler dürfen Mädchen weder arbeiten noch abends ausgehen – Ansichten, die Ljuba fremd sind.

Ihr nächster Einsatz führte die 19-Jährige in eine Grundschule. Dort seien die Kinder wesentlich offener gewesen und viel leichter zu motivieren. Doch so ein Vormittag ist kein Wundermittel gegen Antisemitismus, Mobbing oder Rassismus, meinen Avital und Ljuba. Man könne etwas auf den Weg bringen, doch an einem einzigen Vormittag ließen sich nicht alle lang gehegten Vorurteile ausräumen.

Avital wünscht sich, einmal mit ihren Kollegen einen Workshop an der Jüdischen Oberschule zu leiten. »Dann fühlen sich die Muslimin oder die Bahai wie Exoten.«

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