Buchvorstellung

Gefährliche Ideologien

Diskutierten über radikale Tendenzen in der Linken: Nicholas Potter (2.v.r.) und Shahrzad Eden Osterer (2.v.l.) mit DIG-Vorstand Bettina Nir-Vered (l.) und Münchens 2. Bürgermeisterin Mona Fuchs (r.) Foto: Kulturzentrum der IKGM/Thomas Hauzenberger

»Eine demokratische Linke muss ja Teil der Lösung sein.« Das Resümee, das der Journalist und Autor Nicholas Potter an diesem Gesprächsabend im Hubert-Burda-Saal des Jüdischen Gemeindezentrums am Jakobsplatz zieht, klingt nicht nach einer Abrechnung. Potter, der selbst für linke Zeitungen wie die »taz«, »The Guardian« und »Haaretz« schreibt und ausführlich über rechtsextreme Gewalt berichtet, hätte für eine solche allerdings Anlässe genug gehabt.

Schließlich folgte auf seine Recherchen und Berichte über Antisemitismus in der Linken im Dezember 2024 eine für die vergangenen Jahre beispiellose Kampagne, die über ihn nicht nur im Internet und auf Social Media, sondern auch ganz physisch auf den Straßen Berlins hereinbrach. Potter erhielt Morddrohungen, weil er zu israelfreundlich auftrete. Sein neues Buch Die neue autoritäre Linke verarbeitet vor diesem Hintergrund die zunehmende Radikalisierung im linken Spektrum.

Eingeladen zur Buchpräsentation hatten das Kulturzentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG) und die Münchner Arbeitsgruppe der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG). Moderiert wurde das Gespräch von Shahrzad Eden Osterer vom Bayerischen Rundfunk. Das große Interesse der Stadtgesellschaft an der Thematik zeigte sich nicht zuletzt an der großen Zuhörerschaft und den regen Diskussionen im Anschluss an die Veranstaltung.

»Antwort auf linken Antisemitismus«

Zur Einleitung hielt die erst wenige Tage zuvor zur Zweiten Bürgermeisterin gewählte Mona Fuchs ein persönliches Grußwort. Sie bezeichnete Potters Buch als »wichtig, unbequem und notwendig« und kritisierte nachdrücklich, wie politische Akteure »Terror zum Widerstand verklären« würden und eine junge Generation von Linken im Krieg gegen Israel eine »Stellvertreter-Revolution« erblicke. Fuchs betonte indes auch, die »Antwort auf linken Antisemitismus« könne »niemals sein, nach rechts zu rücken«. Gerade deshalb bemängelte sie, dass die pro-israelische Linke wenig Solidarität erfahre und zunehmend isoliert sei.

Dass auch die Liaison zwischen linker Ideologie und Antisemitismus keinen Widerspruch bildet, erläuterte Potter selbst ausführlich.

DIG-Vorsitzende Bettina Nir-Vered verwies in ihrer Begrüßung darauf, dass die »Verbindung der Begriffe ›links‹ und ›autoritär‹ weder widersprüchlich noch neu« sei. Sie erinnerte daran, dass »neben einer demokratisch-emanzipatorischen Linken schon früh eine autoritär-totalitäre, ja gewalttätige Linke« existiert habe. Ebenso verwies sie auf antisemitische Repressionen unter Stalin wie die sogenannte Ärzteverschwörung, als bereits in den 50er-Jahren für vom sowjetischen Staatsapparat verfolgte Juden nicht nur der Ausdruck »Kosmopoliten«, sondern auch »Zionisten« benutzt wurde.

Dass auch die Liaison zwischen linker Ideologie und Antisemitismus keinen Widerspruch bildet, erläuterte Potter selbst ausführlich. »Die Kritik daran stößt auf eine tief sitzende Abwehr«, erklärte er, »sie kollidiert vollkommen mit dem Selbstbild, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen oder zu den Guten zu gehören.« Gerade die Macht-Kritik im Zentrum linker Politik funktioniere dabei als Bindeglied zwischen solidarischem Selbstverständnis und Antisemitismus.

Die entscheidende Frage, so Potter, laute nämlich: »Wer wird als die Mächtigen imaginiert?« Die Idee, dass Juden übermächtig seien, »findet sich bereits bei den Nationalsozialisten. Im Verschwörungswahn werden Juden zu einem «Endgegner» aufgebauscht, der alles steuert«. Im zeitgenössischen linken Diskurs würden »Zionisten« diese Rolle des mächtigen Gegners ausfüllen.

Potter warnte auch vor der »Versuchung für Nicht-Linke, sich jetzt zurückzulehnen«.

Gleichwohl habe es in der politischen Linken auch immer Kritik am Antisemitismus gegeben. Das aber, so Potters Sorge, werde seit dem 7. Oktober 2023 immer schwieriger: »Die wenigen, die aus einer linken Perspektive noch diese Kritik äußern, werden so sehr angefeindet und eingeschüchtert, dass sie aufgeben.« Dies sei »ein verheerendes Zeichen«. Besonders die Verbreitung anschlussfähiger Ideologien für Antisemitismus über Social Media bei sehr jungen Leuten kennzeichne dabei das Neue der aktuellen Situation.

Auch, dass linkes Denken etwa mit dem islamistischen Spektrum Verbindungen eingehe, überrascht Potter nicht. Bereits zur Revolution im Iran 1979 hatten sich anti-imperialistische Gruppierungen mit dem islamistischen Terror-Regime solidarisiert und ihm als »Bollwerk gegen den US-Imperialismus« Legitimität zugesprochen. Darüber, dass sich dieses Muster im aktuellen Iran-Krieg wiederhole, »könne man nur den Kopf schütteln«.

Widersprüche seien dabei durchaus mit einkalkuliert

Die Faszination für die Waffengewalt der islamistischen Terroristen, »die es dem Westen so richtig zeigen«, sei ein Grundbestandteil mancher linken Projektionen. »Es wird dabei traurig zur Kenntnis genommen, dass keine Revolution der Arbeiterklasse stattfinden wird, und deshalb wird ein neues revolutionäres Subjekt im Globalen Süden oder bei vermeintlich indigenen Menschen gesucht.«

Widersprüche seien dabei durchaus mit einkalkuliert: Vielen Linken sei »bewusst, dass der Iran keine queere Utopie ist. Aber das wird als ein Nebenwiderspruch für morgen abgetan«. Angesichts dieser Entwicklungen warnte Potter auch vor der »Versuchung für Nicht-Linke, sich jetzt zurückzulehnen«. Das Ziel der liberalen, universalistischen Demokratie im Blick zu behalten und ihre Werte gegen alle Angriffe zu verteidigen, bleibe für alle hoch relevant.

Nicholas Potter: »Die neue autoritäre Linke. Eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft«. dtv, München 2026, 255 S., 20 €

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