24. Dezember

Gans mit Latkes

Chanukkaschmuck am Weihnachtsbaum? In diesem Jahr fallen das christliche und das jüdische Fest auf ein Datum. Foto: dpa

So viel »Weihnukka« war selten – fallen doch 2016 Erew Chanukka und Heiligabend auf dasselbe Datum. Gans oder Latkes, das ist in diesem Jahr die Frage. Wenn am 24. Dezember die erste Kerze an der Chanukkia angezündet wird, dann dürften überall ringsum, bis hinauf zu den Kirchturmspitzen, ebenfalls »tausend gold’ne Lichtlein blitzen«, wie es in einem Weihnachtsgedicht heißt. Ein interkonfessionelles Lichtermeer erwartet uns in den nächsten Tagen.

Den jüdischen Brauch, eine achtarmige Chanukkia ins Fenster zu stellen, haben ja viele christliche Familien mittlerweile übernommen, doch bleibt es bei ihnen meist nicht nur bei dieser einer Lichtquelle. Wohin man auch schaut, flackern derzeit in allen Farben des Regenbogens schillernde Lichterketten in der Dunkelheit, blinken und blitzen an Dächern und Fassaden Kaskaden von silbernen und goldenen Sternen und erhellen, wie alle Jahre wieder, die trübe Winternacht.

Maos Zur Und wenn die in jüngster Zeit häufig bemühte »Mehrheitsgesellschaft« erst einmal »O du fröhliche« anstimmt, wird hoffentlich auch aus manchem jüdischen Haus zeitgleich ein »Maos Zur« oder »Sevivon sov, sov, sov« erklingen.

Manche Familien bemühen sich um Ausgleich: In einem Fenster im Erdgeschoss eines Wohnhauses im Frankfurter Osten prangen in friedlicher Koexistenz ein rotgolden geschmückter Tannenbaum und eine Chanukkia mit knallblauen Kerzen als Festdekor direkt nebeneinander auf den Scheiben.

Für die Bewohner dieses Hauses ist ein religionsübergreifendes Fest ohnehin kein Problem: »Mein Großvater hat Judaistik gelehrt und für unsere Familie einen Text mit vielen Zitaten aus der Tora und den Psalmen geschrieben, mit dem er die Nähe des Christentums zur jüdischen Tradition veranschaulichen wollte. Der wird bei uns traditionell am 24. Dezember von meinem Vater vorgelesen. Anschließend zünden wir immer eine einzelne Kerze an, das wird dann in diesem Jahr eben die erste Kerze an der Chanukkia sein«, erläutert Mia, die 16 Jahre alte Tochter.

geschenke Auch Jael versucht derzeit so etwas wie den Tanz auf zwei Freudenfesten. So bekommen ihre Kinder in jedem Jahr einen selbst gemachten Adventskalender geschenkt, den sie Tag für Tag mit kleinen Aufmerksamkeiten und Präsenten bestückt. Fällt Chanukka in die Vorweihnachtszeit, fallen auch diese Geschenke an den acht Tagen, die das jüdische Lichterfest dauert, üppiger aus. In diesem Jahr haben ihre Kinder gewissermaßen Pech: Es gibt nur einmal ein großes Geschenk, und zwar am 24. Dezember. Aber dafür soll es dieses Mal dann auch etwas ganz Besonderes sein.

Wünsche Weiter gehe die Übereinstimmung allerdings nicht. »Selbst an Heiligabend werden wir nicht ›Fröhliche Weihnachten‹ rufen, sondern uns gegenseitig ›Chag sameach‹ wünschen«, erzählt Jael. »Und wir werden an diesem Abend nach guter jüdischer Tradition jemanden einladen, der einsam oder bedürftig ist. Das versuchen wir eigentlich in jedem Jahr in die Tat umzusetzen.«

Am 25. Dezember findet die alljährliche Chanukkafeier für alle Kinder der Frankfurter Gemeinde in der Westend‐Synagoge statt. »Dort werden wir wie immer hingehen«, versichert Jael. Um anschließend lachend zu erzählen, dass »die drei jüdischen Familienmitglieder im Hause«, also sie und die beiden Kinder, es gegen den Widerstand ihres nichtjüdischen Ehemannes durchgesetzt haben, dass im Wohnzimmer ein Christbaum aufgestellt wird. Gleich daneben steht die Chanukkia.

Verwandtenbesuch Esther muss in diesem Jahr ganz auf Chanukka verzichten. Der Grund: 30 Vietnamesen. So viele Verwandte hat die Freundin ihres Neffen Viktor. In diesem Jahr wollen sie alle Esthers Familie besuchen. »Und sie haben schon im Voraus geäußert, dass sie sich wünschen, einmal so richtig deutsche Weihnachten zu feiern«, berichtet die großzügige Gastgeberin. »Was bleibt uns anderes übrig, als das für sie zu inszenieren? Wir werden uns also richtig ins Zeug legen müssen, um das so echt und traditionell wie möglich für sie hinzubekommen.«

Ein Riesengrill, auf den fünf Gänse auf einmal passen, wurde bereits organisiert und aufgestellt. Jetzt noch den asiatischen Besuchern die Bedeutung von Sufganiot, Sevivonim und Schamasch nahezubringen und ihnen darüber hinaus zu erklären, warum es so viel Fettgebackenes gibt, die Chanukkia acht Arme hat und nicht sieben wie die Menora, dürfte doch zu verwirrend und ein bisschen viel Multikulti für diese sein.

Klassenfeier Also beginnt bei Esther das Lichterfest in diesem Jahr eben erst am vierten Tag, denn am 27. Dezember ist die asiatische Verwandtschaft wieder abgereist. Wie gut, dass ihr kleiner Sohn Meir schon vorab in der Schule sein Chanukka‐Klassenfest gefeiert hat. Ganz ohne Pfannkuchen und Dreidel geht es eben doch nicht.

»Wir sind da sehr flexibel«, sagt Mara gelassen. In den vergangenen Jahren haben sie, ihr Mann Eitan und die beiden Söhne zu Hause stets Chanukka gefeiert und mit ihren nichtjüdischen Freunden dann eben auch noch Weihnachten. Und da Mara aus einer sehr internationalen Familie stammt, schloss sich daran meist noch das chinesische Neujahrsfest an.

Dieses Jahr aber mussten sie sich entscheiden, hieß es also auch für sie: »O Tannenbaum« oder »Kad katan«. Die Wahl fiel ihnen allerdings nicht schwer: Um allen Komplikationen und gleichzeitigen Einladungen zum Kerzenzünden und Christstollenessen zu entgehen, werden sie dieses Mal einfach nach Israel fliegen, um dort Chanukka mit ihren Verwandten zu feiern.

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