Porträt der Woche

»Fußball ist ein Teil von mir«

Ben Abelski spielt bei Fortuna Düsseldorf in der zweiten Mannschaft

von Annette Kanis  25.01.2011 13:00 Uhr

»Natürlich wäre ich gern Profi geworden. Aber jetzt bin ich 28«: Ben Abelski Foto: Alexandra Umbach

Ben Abelski spielt bei Fortuna Düsseldorf in der zweiten Mannschaft

von Annette Kanis  25.01.2011 13:00 Uhr

Seit meiner Kindheit spiele ich Fußball. Es ist schon immer ein Teil von mir gewesen, für den ich manchmal auch Abstriche machen musste – zum Beispiel, wenn sich Freunde trafen, ich aber trainieren musste oder ein Spiel hatte. Der Fußball war mit Zeitaufwand verbunden, auch für die Familie. Mein Vater ist immer sehr engagiert gewesen und hat viel gefilmt. Aber er hat nie Druck ausgeübt.

So im Alter von 14 Jahren kommen Jungs in eine Phase, in der Discos und Mädels wichtig werden. Wenn es da keinen gibt, der einen auf der Spur hält, kann es schwierig werden. Manche driften ab und geraten in die falschen Kreise, übertreiben es mit dem Alkohol oder nehmen härtere Drogen. Der Fußball hat mich immer auf der Bahn gehalten. Im Verein habe ich Disziplin gelernt und Tugenden wie Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit, die für mich und mein Berufsleben bis heute sehr wichtig sind.

Ich spiele bei Fortuna Düsseldorf in der zweiten Mannschaft. Normalerweise ist das die U23, der Unterbau für die erste Mannschaft. Aber es gibt da auch zwei, drei Spieler, die älter sind, so wie ich zum Beispiel: 28. Früher war ich Mittelfeldspieler, inzwischen bin ich Stürmer. Es macht Spaß, jedes Wochenende auf relativ hohem Niveau zu spielen. Manchmal sitzen 6.000 Zuschauer auf den Rängen. Der Aufwand, den wir betreiben, ähnelt dem einer Profimannschaft, aber nicht in finanzieller Hinsicht.

ausbildung Ich wollte schon immer Fußballprofi werden, aber mir wurde schnell klar, dass ich irgendwie auch das Bedürfnis hatte, mich abzusichern. Also fing ich mit 18 eine Ausbildung als Energieelektroniker bei den Düsseldorfer Stadtwerken an. Damals war ich in der ersten Mannschaft. Der Verein wollte von mir, dass ich mich entscheide: Fußball oder Ausbildung. Ich habe mich für die Ausbildung entschieden und bin in die zweite Mannschaft gewechselt.

Vielleicht würde ich es heute anders machen und mir sagen: »Komm, du bist 18, gib Gas! Guck ein paar Jahre, ob du es schaffst!« Es ist nicht so, dass ich es bereue, und einmal habe ich auch noch die Chance bekommen, oben zu spielen. Aber es gehört viel Glück dazu, Fußballprofi zu werden. Ich hatte Pech mit Verletzungen. Als ich wieder in der ersten Mannschaft spielte, brach ich mir den Fuß. Es heilte schlecht, fast zwei Jahre war ich raus, hatte mehrere Operationen. Das war eine harte Zeit. Ich musste dann wieder in die zweite Mannschaft.

Aber dadurch, dass ich immer versucht habe, nebenbei noch etwas anderes zu machen, stand ich nicht plötzlich nur mit Fußball da. Zwei Jahre vorher hatte ich mit einem Mannschaftskollegen beschlossen, dass wir uns als Selbstständige etwas aufbauen. Zuerst hatten wir ein Sonnenstudio, dann eine Marketingagentur, später ein Callcenter. Es lief relativ gut, hat dann aber nicht mehr funktioniert mit dem Geschäftspartner. Die Agentur wurde letztes Jahr verkauft. Wir haben uns aber auf gutem Weg getrennt.

Ich nenne mich gern Unternehmer. Irgendwie habe ich Angst davor, angestellt zu sein und dann vielleicht meine Freiheit zu verlieren. Lieber nehme ich Zeiten finanzieller Unsicherheit in Kauf und bleibe aber mein eigener Chef. Ich brauche die berufliche Freiheit auch, um weiterhin Fußball spielen zu können.

Training Das Training bestimmt meinen Tagesablauf. Für einen beruflichen Termin sage ich es auch mal ab. Ich habe ein Büro, bin aber nicht die ganze Zeit vor Ort. Das sind so drei, vier Projekte, die ich dort mache. Das eine ist wieder eine Marketingagentur. Und ich würde auch gerne einen Fuß in die Gastronomie kriegen. Mal sehen, was die Zukunft bringt. Irgendwas wird schon funktionieren.

Partnergeschäfte finde ich gut. Ich versuche meine Fähigkeiten mit jemandem, der andere Fähigkeiten hat, zu kombinieren. Ich halte mich für einen unkomplizierten Menschen. Vier Augen sehen mehr als zwei, und zwei Köpfe denken mehr als einer. Natürlich verdient man dann weniger, aber man hat auch weniger Risiko – und vor allem mehr Zeit.

Karate Mein Vater war Karatetrainer bei Maccabi. Ich weiß gar nicht, bis zu welchem Gürtel ich selbst gekommen bin. Zum Fußball aber musste ich eher gedrängt werden. Doch als ich dann mit sechs Jahren in einem kleinen Verein angefangen hatte, lief es relativ schnell gut. Bei einem Pokalspiel gegen Fortuna Düsseldorf ist der Trainer auf mich aufmerksam geworden. Das war vor 20 Jahren. Seitdem bin ich bei Fortuna. Ich glaube, ich bin derjenige, der am längsten im Verein ist.

In den vergangenen Jahrzehnten ist Fußball zu einem Geschäft geworden. Es ist nicht mehr nur eine Herzenssache, weil man gerne spielt. Es gehört inzwischen sehr viel Drumherum dazu. Wenn man nur Fußballspieler ist, wird man kein Profi. Außer man hat so viel Glück, dass wirklich zufällig einer guckt und einen sieht. Mein Bruder – er wird dieses Jahr 22 – spielt seit einigen Monaten beim Zweitligisten Arminia Bielefeld. Er ist drin im Geschäft, bei dem das Geld verdient wird. Ich wurde schon häufiger gefragt, ob das für mich irgendwie blöd sei, dass der kleine Bruder jetzt besser dabei ist. Ehrlich gesagt, habe ich mich das auch schon gefragt. Aber der Erfolg meines Bruders stört mich kein bisschen. Im Gegenteil, ich freue mich für ihn.

Schon mein ganzes Leben lang bin ich in Düsseldorf. Viele fragen, wenn sie mein Äußeres betrachten: »Du bist doch kein Deutscher, oder?« Ich sage dann: »Meine Familie kommt aus Israel«, obwohl mein Vater eigentlich in Süddeutschland geboren ist, aber er hat in Israel gelebt. Er ist ein relativ dunkler Typ, deswegen bin ich optisch auch nicht so ganz deutsch geworden.

Ring Als ich jünger war, hatte ich Probleme damit, offen zu sagen, dass ich Jude bin. Das habe ich von zu Hause so mitbekommen. Vor allem meine Großeltern sind da sehr vorsichtig, denn sie haben den Holocaust erlebt. Inzwischen bin ich lockerer im Umgang damit. Ich schreibe mir zwar nicht auf die Stirn, dass ich Jude bin, aber wenn mich jemand fragt, dann sage ich es offen. Zum Beispiel trage ich auch einen Ring mit hebräischer Inschrift. Und mein Bruder mag Ketten mit Davidstern.

Über den Fußball und in meinem Freundeskreis habe ich sehr viel mit arabischen Leuten zu tun. Da, wo ich aufgewachsen bin, gab es viele Marokkaner und Türken. Bis jetzt bin ich immer gut gefahren mit ihnen. Auch mein früherer Geschäftspartner ist Marokkaner und Muslim. Man weiß zwar nie, wie jeder so tickt, wenn es hart auf hart kommen würde, aber im Alltag hatten wir nie Probleme damit.

Ich war im jüdischen Kindergarten und auch im Religionsunterricht. Ich denke, ich würde mich als gläubig bezeichnen, aber nicht als religiös. Mir ist es wichtig zu wissen, dass ich jüdisch bin und was Judentum ist. Und wenn es geht, versuche ich auch, die Hohen Feiertage einzuhalten. Aber ich lebe nicht nach der Tora und esse auch nicht koscher.

Zurück zum Fußball: Natürlich wäre ich gerne Profi geworden, aber jetzt bin ich 28. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in meinem Alter noch mal irgendwo den Fuß rein bekomme, ist sehr gering. Wer es wirklich schaffen will, muss sein ganzes Leben nach dem Fußball ausrichten. Ich weiß nicht, ob ich bereit bin, alles andere aufzugeben. Noch vor ein paar Jahren hätte ich das mit Sicherheit getan. Aber bei allem Spaß, den mir das Fußballspielen macht, ist es eben doch nicht mehr das Einzige in meinem Leben.

Aufgezeichnet von Annette Kanis

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