Dachau

Für eine Zukunft in Frieden

Zum ersten Mal seit der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau am 29. April 1945 hat am vergangenen Sonntag ein amtierender Bundespräsident die heutige Gedenkstätte besucht. Am Denkmal beim Krematorium legte Horst Köhler gemeinsam mit Pieter Dietz de Loos, dem Präsidenten des Comité International de Dachau (CID), dessen Vizepräsident Max Mannheimer und dem stellvertretenden Bayerischen Ministerpräsidenten Martin Zeil einen Kranz am Denkmal des unbekannten Häftlings nieder.

Zuvor hatte Max Mannheimer die Teilnehmer der Gedenkstunde begrüßt, unter ihnen auch fünf der sogenannten »Kaufering-Babys«. Sie und ihre Mütter waren auf dem Todesmarsch von Kaufering nach Westen in Dachau befreit worden.

Erinnerung Der 90-jährige Zeitzeuge und Vorsitzende der Lagergemeinschaft Dachau, Max Mannheimer, mahnte: »Die Befreiung liegt für uns nicht im Verdrängen, sondern in der Erinnerung.« In dieser enthalten sei immer auch die Entschlossenheit, sich gegen menschenverachtendes Un-
recht zur Wehr zu setzen. Mannheimer betonte, das Vermächtnis der ehemaligen Häftlinge und die Hoffnung, dieses düstere Kapitel der zwölfjährigen Diktatur stets in Erinnerung zu behalten, könne eine Wiederholung der Diktatur in Deutschland verhindern.

Gemeinsam zogen die Teilnehmer vom Krematorium über die einstige Lagerstraße zum ehemaligen Appellplatz, wo sie die Leiterin der Gedenkstätten, Gabriele Hammermann, begrüßte. Dann trat Horst Köhler ans Rednerpult. »Es ist Zeit, dass der Bundespräsident nach Dachau kam«, sagte er – und die Gäste bestätigten diese Aussage durch Applaus. »Wir sind heute hier, um uns zu erinnern, um der Opfer zu gedenken und um unseren Willen zu erneuern, solche Untaten für alle Zukunft zu verhindern«, betonte Köhler und erinnerte: »Für das Unrechtssystem des Nationalsozialismus waren die Konzentrationslager die wichtigsten Einrichtungen, um die Politik der ständigen Drohung, der Aussonderung, der Ausbeutung und schließlich der Vernichtung durchzusetzen.«

Dank Zu Max Mannheimer gewandt, sagte der Bundespräsident, es bewege ihn tief »mit welchem unerschütterlichen Optimismus und sogar mit welchem Witz Menschen wie Max Mannheimer durchs Leben gehen. Sie schenken mir und anderen Mut und Zuversicht. Sie haben in all den Jahren nie Rache und Vergeltung das Wort geredet, sondern immer Zeichen der Versöhnung gesetzt. Dafür müssen wir ihnen alle dankbar sein, und diesen Dank will ich ganz bewusst als Bundespräsident öffentlich aussprechen.«

Nach einem Grußwort von Karl Freller, dem Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, trat der frühere US-Botschafter Alan Lukas ans Mikrofon. Er sprach auch als Vertreter aller US-Truppen, die das KZ Dachau befreit hatten. Die Erinnerung der Zeitzeugen verpflichte zum »Nie wieder!«. Der Diplomat hatte noch eine weitere Botschaft mitgebracht, einen Brief des US-Präsidenten Barack Obama. Dieser sprach darin von der Verpflichtung, »unsere Stimmen zu erheben gegen jede Form von Intoleranz, Gleichgültigkeit und Ungerechtigkeit und eine Welt aufzubauen, in der alle in Frieden leben können«.

mahnung Nach dem Grußwort von Pieter Dietz de Loos und dem von einem Bläserquintett eindrucksvoll gespielten Kol Nidre legten Abordnungen aus aller Welt Kränze in der Gedenkstätte nieder.

Bereits um 10 Uhr hatte an der Jüdischen Gedenkstätte im ehemaligen KZ die Gedenkstunde des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern stattgefunden. Dessen Präsident Josef Schuster erinnerte nicht nur an die Vergangenheit, sondern betonte ebenso wie Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch die Bedeutung des Engagements gegen die Neonazis. Bei aller Hochachtung vor dem Einsatz der Gegendemonstranten anlässlich erneuter Aufmärsche der Rechten am Vortag stellte Schuster die Frage, was das Oberste Bayerische Verwaltungsgericht bewogen haben mochte, Würzburgs Oberbürgermeister Georg Rosenthal unter Hinweis auf entstehende Kosten dazu bewegen zu wollen, seine Beschwerde gegen das Urteil des Würzburger Verwaltungsgerichts zurückzuziehen. Dieses hatte die Neonazi-Demo erlaubt.

Eingebunden in die Feierstunde war hier auch die junge Generation: Daria Berlin aus Hof las Gedichte von Ilse Weber, die nach langem Aufenthalt in Theresienstadt in Auschwitz ermordet worden war.

Politik

Aus ihren Leben

Die Ausstellung »An eine Zukunft glauben ...« stellt jüdische Biografien der parlamentarischen Gründergeneration vor

von Katrin Richter  30.01.2026

München

Brandstifter von jüdischem Altenheim 1970 womöglich ermittelt  

56 Jahre nach einem Anschlag auf ein jüdisches Altenheim in München verdächtigen Ermittler nun einen schon verstorbenen Neonazi. Was sie auf dessen Spur führte

von Hannah Krewer  30.01.2026

Interview

»In eine Synagoge bin ich das erste Mal in Deutschland gegangen«

Ab den 90er-Jahren fingen viele sowjetische Juden in Deutschland noch einmal von vorn an. Sind sie angekommen? Ein Gespräch über Flüchtlingsheime, nicht anerkannte Diplome und die Wiederentdeckung jüdischer Traditionen

von Mascha Malburg  29.01.2026

Meinung

Die Täter müssen sich schämen

Ein Missbrauchsskandal erschüttert derzeit die jüdische Gemeinschaft Deutschlands. Wer solche Taten besser verhindern will, muss Betroffene in die Lage versetzen, angstfrei über ihre schrecklichen Erfahrungen sprechen zu können

von Daniela Fabian  29.01.2026

Urteil

Fristlose Kündigung eines Rabbiners bestätigt

Die Jüdische Gemeinde Berlin hatte im Sommer 2023 einem Rabbiner wegen sexueller Übergriffigkeit fristlos gekündigt. Eine Klage des Mannes dagegen wurde jetzt auch in zweiter Instanz zurückgewiesen

 29.01.2026

Holocaust-Gedenktag

»Mama, wo sind all die Menschen?«

Tova Friedman sprach im Deutschen Bundestag über ihre Deportation nach Auschwitz, das Grauen im KZ und darüber, was das Überleben mit ihr gemacht hat. Wir dokumentieren ihre Rede

von Tova Friedman  28.01.2026

Programm

Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 29. Januar bis zum 5. Februar

 28.01.2026

Meinung

Was würden Saba und Safta sagen?

Sie würden uns zurufen: »Wehrt euch gegen diesen Hass! Schließt euch mit denen zusammen, die in Deutschland bisher schweigen, aber dennoch die Mehrheit darstellen«

von Avitall Gerstetter  28.01.2026

Berlin

Feuer im Jüdischen Krankenhaus: Kein antisemitisches Motiv

In der Nacht kommt es zu einem Feueralarm. Ein Patient steht im Verdacht, einen Brand verursacht zu haben. Viele Details sind weiterhin unklar

 28.01.2026 Aktualisiert