Interview

Fünf Minuten mit ...

Frau Brenner, als Tochter einer jüdischen Mutter und eines nichtjüdischen Vaters haben Sie zusammen mit Ihren Eltern den Bombenangriff auf Dresden überlebt. Wie erinnern Sie sich an diese Nacht?
Wir waren in unserer Wohnung, und wir hatten am Tag zuvor einen Brief von der Gestapo bekommen – einen Deportationsbescheid für den 16. Februar 1945, für meine Mutter und für mich. Auschwitz gab es nicht mehr, wir wären nach Theresienstadt gekommen, oder man hätte uns schon im Zug erledigt. Aber mein Vater hat etwas gesagt, was ich nie vergessen werde: »Uns kann nur ein großer Angriff retten.« Und gegen 22 Uhr heulten die Sirenen. An unserer Wohnung klingelte der Luftschutzwart und sagte: »Bitte kommen Sie in den Keller« – obwohl der Luftschutzkeller für Juden verboten war. Aber der Luftschutzwart sagte: »Dieses Mal ist es ein Großangriff.« Wir gingen in den Keller. Das Haus bekam eine Brandbombe. Wir haben uns die gelben Sterne heruntergerissen, meine Mutter und ich, und legten sie in die Schuhe unter die Einlegesohlen. Wir gingen aus dem Haus, und ganz Dresden brannte. Wir gingen in ein zweites Haus, es kam ein zweiter Angriff, und wir haben uns durchgeschlagen an die Elbe. Und dann wurde es Tag, aber es war kein wirklicher Tag. Es war kohlrabenschwarz, und die Sonne ging glutrot auf.

Empfinden Sie es als seltsam, dass Ihnen ein Bombenangriff das Leben gerettet hat?
Man kann sich nicht wirklich freuen, wenn man Leichen in den Bäumen sieht, dort einen Arm und dort ein Bein auf einem Zaun. Aber wir hatten großes Glück. Wir haben die Nazis und den Angriff überlebt.

Wie haben Sie es bis zum Einmarsch der Roten Armee in Dresden geschafft?
Die Menschen irrten auf der Straße herum und suchten eine Bleibe in der zerbombten Stadt. Wir sind von einem Haus ins andere gezogen, einmal Wand an Wand mit einem SA-Mann. Zuletzt war ich zusammen mit meiner Mutter ein Vierteljahr in einem Zimmer versteckt – das war schlimm, da kann man durchdrehen. Mein Vater hat uns mit Lebensmitteln versorgt. Er hatte ein altes Fahrrad, er fuhr aufs Land, er hatte Freunde – Bauern, die uns geholfen haben.

Wie stehen Sie zum offiziellen Gedenken an die Bombennacht am 13. Februar 1945?
Ich bin immer wieder in Dresden, auch privat und zu Veranstaltungen. Aber zu diesem Gedenken gehe ich nicht. Soll ich jammern, dass die Frauenkirche getroffen worden ist? Ich bin einmal nach einem Vortrag in schönstem Sächsisch von einer älteren Frau aus Dresden gefragt worden: »Unsere scheene Frauenkirsche … wie kann man denn so was machen?« »Sie haben vollkommen recht«, habe ich gesagt, »wie kann man denn Synagogen abbrennen? Das war 1938, und zwar nicht im Krieg, das war im Frieden!« Und wenn Leute fragen, wie konnte man denn Phosphor auf Dresden werfen, dann sage ich: »Ja, das ist schrecklich. Wie konnte man sich Gaskammern ausdenken und Menschen verbrennen?« Und dann ist Ruhe.

Mit der 89-Jährigen sprach Ayala Goldmann.

Henny Brenner ist Autorin des Buches: »Das Lied ist aus. Ein jüdisches Schicksal in Dresden«, ddp Goldenbogen, Zürich 2005

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