Interview

Fünf Minuten mit …

Nathan Gelbart Foto: Marc Fippel Fotografie, Zwingenberg

Interview

Fünf Minuten mit …

Nathan Gelbart über eine Sammelaktion für Schutzräume in Israel

von Heide Sobotka  05.08.2014 13:28 Uhr

Herr Gelbart, Keren Hayesod sammelt Geld, um der Zivilbevölkerung im Süden Israels zusätzliche Schutzräume zur Verfügung stellen zu können. Wie ist die Resonanz auf Ihren Aufruf?
Gerade in Krisenzeiten können wir uns traditionell immer besonders auf unsere Spender verlassen. Dennoch bin ich überwältigt, wie positiv die Resonanz innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland auf unser Notprogramm für die Menschen im Süden Israels ist. Unsere Aktivisten müssen momentan nur selten zweimal bitten.

In welcher Stadt ist Hilfe am nötigsten?

Der Keren Hayesod koordiniert die Plätze der Aufstellung mit den zuständigen Sicherheitsbehörden vor Ort. Unser Notprogramm beinhaltet neben der Bereitstellung mobiler Luftschutzbunker auch die Verschickung von Kindern und Jugendlichen zu Ferienfreizeiten in den Norden Israels.

Wie viele Schutzräume werden etwa noch benötigt?
Jeder Luftschutzbunker rettet Menschenleben. Wie mir der KH-Weltvorsitzende Eliezer Sandberg gerade bestätigt, konnte Keren Hayesod bislang 500.000 US-Dollar aufbringen und damit 86 Räume bereitstellen, davon allein 13 aus Deutschland. Darauf können wir alle sehr stolz sein. Selbst wenn jetzt Waffenruhe herrschen sollte, befürchte ich, dass wir auch in Zukunft Luftschutzbunker benötigen.

Wer spendet – eher Privatpersonen oder auch Firmen?
Wir erhalten Spenden vom gesamten jüdischen als auch christlichen, pro-israelischen Spektrum in Deutschland. Sowohl Privatpersonen, aber auch immer mehr Institutionen haben erkannt, wie wichtig neben der moralischen auch die finanzielle Unterstützung der Menschen in Israel ist. Sie rettet schlichtweg Leben.

Wie viele Menschen finden in den Schutzräumen Platz, und wie sind sie ausgestattet?
Die Räume haben Platz für zwölf Personen und sind für Aufenthalte von nur wenigen Minuten gedacht, sie sollen in erster Linie Schutz spenden und ausreichend Belüftung und Beleuchtung bieten.

Bei den Demonstrationen in den vergangenen Wochen waren starke antisemitische Töne zu hören. Schlägt sich das auch auf die Spendenbereitschaft nieder?
Zum ersten Mal seit 1933 verspürt man als Jude in Deutschland neben dem allgegenwärtigen, intellektuellen Antisemitismus à la Augstein und Grass den Judenhass der Straße. Wenn ein aufgehetzter Mob Parolen wie »Hamas, Hamas, Juden ins Gas« skandiert, wenn Synagogen mit Brandsätzen angegriffen und Juden auf offener Straße geschlagen werden, dann zeigt sich, dass nach dem medialen Mob auch der auf der Straße keinen Unterschied mehr macht. Dies weckt das Zusammengehörigkeitsgefühl der jüdischen Gemeinschaft mit Israel noch mehr, und sicherlich auch die Spendenbereitschaft. Ist doch eine Spende für Israel nichts anderes als ein gefühlter Beitrag zur eigenen Lebensversicherung. Auch in Israel wächst die Sorge über die Sicherheit jüdischer Gemeinden in Europa, in der vergangenen Woche fand in der Knesset hierzu sogar eine Sondersitzung statt, bei der Vertreter wichtiger jüdischer Organisationen, so auch der Keren Hayesod, in Anwesenheit der nach Israel entsandten Botschafter aus der EU über die Lage vor Ort berichteten.

Immer wieder wurde eine humanitäre Waffenruhe gebrochen. Wie ist Ihre ganz persönliche Einschätzung der Lage?
Die bislang angekündigten Waffenruhen haben bekanntlich immer nur sehr kurz gehalten. Die Hamas nutzte sie zum Beispiel, um drei israelische Soldaten durch einen perfiden Selbstmordanschlag zu töten, darunter leider auch den zunächst entführt geglaubten Hadar Goldin. Inzwischen haben sich die israelischen Bodentruppen zurückgezogen, was auf eine Neutralisierung von mehr als 30 Terrortunneln hindeutet. Ich befürchte, dass von einem nahen Ende der Aktion gegenwärtig jedoch noch nicht gesprochen werden kann, geschweige denn von einem Ende des Konflikts: Die Hamas stellt Israel vor die Wahl »Ihr oder wir«. Israel hat keine Wahl, als sich diesem Überlebenskampf zu stellen – und ihn zu gewinnen.

Mit dem Vorsitzenden von Keren Hayesod Deutschland sprach Heide Sobotka.

Vor 80 Jahren

Neuanfang nach der Schoa: Erster Gottesdienst in Frankfurts Westendsynagoge

1945 feierten Überlebende und US-Soldaten den ersten Gottesdienst in der Westendsynagoge nach der Schoa

von Leticia Witte  29.08.2025

Würdigung

Tapfer, klar, integer: Maram Stern wird 70

Er ist Diplomat, Menschenfreund, Opernliebhaber und der geschäftsführende Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses. Zum Geburtstag eines Unermüdlichen

von Evelyn Finger  29.08.2025

Interview

»Physisch geht es mir gut, psychisch ist ewas anderes«

Sacha Stawski über den Angriff auf ihn und seine Kritik an Frankfurts Oberbürgermeister

von Helmut Kuhn  28.08.2025

München

»In unserer Verantwortung«

Als Rachel Salamander den Verfall der Synagoge Reichenbachstraße sah, musste sie etwas unternehmen. Sie gründete einen Verein, das Haus wurde saniert, am 15. September ist nun die Eröffnung. Ein Gespräch über einen Lebenstraum, Farbenspiele und Denkmalschutz

von Katrin Richter  28.08.2025

Zentralrat

Schuster sieht Strukturwandel bei jüdischen Gemeinden

Aktuell sei der Zentralrat auch gefordert, über religiöse Fragen hinaus den jüdischen Gemeinden bei der Organisation ihrer Sicherheit zu helfen

 27.08.2025

Gedenken

30 neue Stolpersteine für Magdeburg

Insgesamt gebe es in der Stadt bislang mehr als 830 Stolpersteine

 26.08.2025

München

Schalom, Chawerim!

Der Religionslehrer Asaf Grünwald legt Woche für Woche in Kurzvideos den aktuellen Tora-Text für die Gemeindemitglieder aus

von Luis Gruhler  26.08.2025

Frankfurt am Main

Jüdische Gemeinde ehrt Salomon Korn und Leo Latasch

Beide haben über Jahrzehnte hinweg das jüdische Leben in der Stadt geprägt

 26.08.2025

Neuanfang

Berliner Fußballverein entdeckt seine jüdischen Wurzeln neu

Im Berliner Stadtteil Wedding spielt ein unterklassiger Amateurverein, dessen Geschichte mit einigen der bedeutendsten jüdischen Vereine der Stadt verbunden ist. Der junge Vorstand des Vereins will die eigene Geschichte jetzt aufarbeiten

von Jonas Grimm  25.08.2025