Rezitation

»Friede sei ihr erst Geläute«

»Fest gemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt …«. Generationen von Schülern haben Friedrich von Schillers Lied von der Glocke auswendig gelernt – mit mehr oder weniger Begeisterung. Umso überraschter und zugleich neugierig waren die Freunde der Universität Tel Aviv, als sie die Einladung zur diesjährigen Benefizveranstaltung im Münchner Gemeindezentrum bekamen: Klaus Maria Brandauer trug das Werk nach dem Melodram von Peter Joseph von Lindpaintner vor, begleitet vom Piano‐Duo Andreas Grau und Götz Schumacher. Der Erlös des Abends ging an den Karin‐Brandauer‐Fonds der Universität Tel Aviv.

Die Besucher im Hubert‐Burda‐Saal sollten nicht enttäuscht werden. Der große Mime machte alle Einzelheiten des berühmten Gedichts in einer Weise anschaulich, die eines Lebens Lauf eindringlich und nachhaltig vor Augen führte. Josef Pultuskier, der Universität Tel Aviv und dem Freundeskreis eng verbunden, war nicht der Einzige, der anschließend feststellte: »In der Schule habe ich das Gedicht nie begriffen. Jetzt habe ich die kunstvolle Vermischung der Arbeit des Glockengießens mit dem menschlichen Leben, das die Glocke bei ihrer Fertigstellung begleitet, verstanden.« Ein Klavierspiel unterstrich gleich zu Beginn das Herantasten an das Thema: Klaus Maria Brandauer begann nicht unmittelbar mit dem berühmten Gedicht Schillers, sondern mit einem Schreiben des Dichters, in dem er sich beklagt, wie wenig Anerkennung Kunst oft findet.

Hommage Zitate aus einem weiteren Stück belegten dies auf heiter‐ernsthafte Weise: Der Poet hatte sich bei der Verteilung der Welt in seinen Träumen verzettelt und wollte sich nun beim Göttervater Zeus beklagen. Dieser antwortete ihm, die Welt sei weggegeben, doch wann immer er mit seinen Liedern in seinen Himmel kommen wolle, »so oft du kommst, du sollst willkommen sein« – eine Hommage also an die Leistung der Künstler, die ebenso mit Arbeit verbunden ist wie diejenige des Meisters des Glockengusses.

Die dichterische Arbeit an der Glocke hatte Schiller von der Konzeption bis zur Fertigstellung über eine lange Zeit immer wieder beschäftigt. So wurde schließlich mehr daraus als die ineinander verwobene Beschreibung eines Arbeitsganges und der Assoziation über Lebenssituationen von der Geburt bis zum Tod – eben ein Stück der von Brandauer eingangs beschriebenen häufig verkannten, aber mit erkennendem Blick den Kern der Dinge erfassenden Kunst des Dichtern. Dies den Zuhörern zu vermitteln, gelang dem Schauspieler zusammen mit dem Duo Grau‐Schumacher in einmaliger Weise. Ein besonders einprägsames Beispiel dafür war der gedankliche Sprung Schillers von dem Feuer, das auch für den Guss der Glocke notwendig ist, bis zur alles vernichtenden Feuersbrunst: »Wohltätig ist des Feuers Macht, Wenn sie der Mensch bezähmt, bewacht, … Wehe, wenn sie losgelassen … «.

Die Klaviermusik, teils den Text begleitend, teils alleine, lässt die Blitze akustische Formen annehmen, lässt sie in den Ohren der Zuhörer schmerzen. Gewittergrollen erfüllt den Saal, bis sich die Musik allmählich wieder beruhigt, in leisere Töne übergeht. Brandauer liest: »Leer gebrannt ist die Stätte, … Was des Feuers Wut ihm auch geraubt, ein süßer Trost ist ihm geblieben: Er zählt die Häupter seiner Lieben, und sieh! ihm fehlt kein teures Haupt.«

Dichterworte Damit kehrt auch Schiller wieder von der Betrachtung der Weltläufte zur Fertigstellung der Glocke zurück. Mit dem Vers »Friede sei ihr erst Geläute« endet schließlich das Gedicht, nicht aber der Abend. Klaus Maria Brandauer lässt noch einmal Dichterworte sprechen: »Neues hat die Sonne nicht gesehen, alles wiederholt sich im Leben. Ewig jung ist nur die Fantasie.« Genau diese Anregung zur Umsetzung in den eigenen Gedanken war es, was die Gespräche beim anschließenden Empfang beflügelte. Präsidentin Charlotte Knobloch hatte die Lesung bereits vor knapp einem Jahr anläss‐ lich einer Ehrung für den Repräsentanten der Universität Tel Aviv in der Bundesrepublik Deutschland, Mati Kranz, so beeindruckt, dass sie Klaus Maria Brandauer damals bat, mit der Glocke auch nach München zu kommen.

Im Hubert‐Burda‐Saal begrüßte sie den Schauspieler mit den Worten: Sie bringen »als weltberühmter und preisgekrönter Schauspieler wenige Tage, nachdem die Lichter des Chanukka‐Leuchters erloschen sind, wieder helles Licht und neuen Glanz in unser Gemeindezentrum.« Der Abend, so ergänzte sie, »ist nicht nur ein künstlerischer Genuss, er ist auch eine Hommage an die wunderbare Regisseurin und Drehbuchautorin Karin Brandauer, zu deren Angedenken vor 15 Jahren ein Lehrstuhl an der Universität Tel Aviv errichtet worden ist. Ein Lehrstuhl an der Fakultät für Bildende Künste, durch dessen Mittel namhafte Professoren aus aller Welt an die Universität Tel Aviv eingeladen werden können.«

Freundschaft Ihre persönlichen Gefühle beim Vortrag der Glocke beschrieb Charlotte Knobloch später: Für sie sei Schillers Gedicht eine Erinnerung an ihre Jugend und vor allem an ihren Vater Siegfried Neuland sel. A. Die Glocke gehörte zu seinen Lieblingswerken: »Wenn er Zeit hatte, hat er sie manchmal deklamiert.« Herzlich willkommen geheißen hatte Charlotte Knobloch auch Mati Kranz als Vertreter der Universität Tel Aviv und die Vertreter des Münchner Komitees, wie zum Beispiel Adriane Heldrich.

Den beiden Frauen überreichte Mati Kranz als Dankeschön später eine Rose. Dem Schauspieler Klaus Maria Brandauer ist Mati Kranz seit Langem freundschaftlich verbunden. Als er ihm seinerzeit zum Tod seiner Frau kondolierte, fehlten ihm die Worte – und er kam auf die Idee, einen Stiftungslehrstuhl für Karin Brandauer an der Akademie der Schönen Künste der Tel Aviver Universität einzurichten. Was aber begeistert den Botschafter dieser Universität in Deutschland an Schillers Glocke? Ihn, der unter anderem Neuere Deutsche Literatur studiert hat, hat bei dem Vortrag Brandauers und des Duos Andres Grau und Götz Schumacher besonders das Zusammenwirken von Musik und Text beeindruckt.

Karin Brandauer starb am 13. November 1992. Am 22. Mai 1995 wurde der nach ihr benannte Lehrstuhl eingeweiht. Um die Arbeit zu ermöglichen, haben die Freunde der Universität Tel Aviv in enger Zusammenarbeit mit Klaus Maria Brandauer zahlreiche Veranstaltungen durchgeführt. Durch deren Erlöse wurde der Karin‐Brandauer‐Fonds gegründet, der Regisseure, Schauspieler und Theaterwissenschaftler aus aller Welt einlädt, um Vorlesungen, Seminare und Workshops durchzuführen.

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