engagement

Freiwillige vor

Koordinative Ballübungen in einer Behindertentagesstätte sind Teil des FSJ. Foto: Flash 90

In den dunklen Räumen der Gießener Lebenshilfe ist der Beamer die einzige Lichtquelle. An einer Wand zeichnet sich eine Landkarte ab. Links das Mittelmeer, rechts die Umrisse eines Staats, der sich nach Süden hin immer weiter verjüngt, fast trapezförmig bis auf eine durch grüne Striche markierte Ausbuchtung in der Mitte.

Etwa zwei Dutzend Städtenamen sind zu erkennen, einige davon eingekreist: Nazareth, Herzlia, Jerusalem, ziemlich weit im Süden Beer Scheva. Seit einer halben Stunde bemüht sich Silvi Behm die Vorzüge dieser Städte anzupreisen: Lage, Sehenswürdigkeiten, Freizeitangebot. Bei Beer Scheva kommt die Vertreterin des Rutenberg‐Instituts in Haifa kurz ins Stocken. »Naja«, sagt sie, »die Negev‐Wüste ist wirklich sehr schön. Wer ganz braun werden will, sollte vielleicht nach Beer Scheva.« Die Lacher hat sie damit auf jeden Fall auf ihrer Seite. Etwa 30 junge Erwachsene haben den Weg nach Pohlheim‐Garbenteich gefunden, einer Kleinstadt in Hessen nördlich von Bad Nauheim. Am Rande des Städtchens unterhält die Gießener Lebenshilfe eine Tagesförderstätte für Menschen mit geistiger Behinderung, die an diesem Wochenende als Tagungsort dient.

ausflug Drei Tage dauert dieses Seminar. Am Sonntagmorgen sitzen die Teilnehmer, die meisten um die 20, im Halbkreis um den Beamer, blicken gebannt auf die Landkarte an der Wand gegenüber und hören aufmerksam den Ausführungen zu. Silvi Behms Erläuterungen klingen ein wenig nach Klassenfahrt, doch Strände, das Zusammensein mit Jugendlichen aus aller Welt, Ausflüge sind angenehme Nebeneffekte. Im Vordergrund steht soziales Engagement. Ende August steht für die Zuhörer eine weitere Reise an, eine gegen die sich der Abstecher in die hessische Provinz wie ein besserer Sonntagsausflug ausnimmt. Die Teilnehmer haben sich entschieden. Sie werden ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolvieren – in Israel. Die Gruppe ist noch nicht komplett. Ende August werden es etwa 40 Freiwillige sein, die im Flieger Richtung Haifa sitzen, schätzt Maren Müller‐Erichsen, Vorsitzende des Deutsch‐Israelischen Vereins.

Maschinenbau Seit Ende der 90er‐Jahre ermöglicht der Verein deutschen Interessenten die Teilnahme am Freiwilligenprogramm des israelischen Sozialministeriums, bereitet sie in Seminaren auf den Einsatz vor Ort vor. Das Einsatzgebiet umfasst das ganze Land, vom Altenheim in Jaffa bis zur Betreuungseinrichtung für Autisten in Beer Scheva. »Allen unseren Freiwilligen gemein ist, dass sie sich für soziale Arbeit interessieren«, erklärt Müller‐Erichsen, »und Israel ist ein besonders interessantes Land.« David Muckenhaupt stimmt der Vereinsvorsitzenden zu. »Ich würde gerne mit Behinderten zusammenarbeiten«, sagt der 20‐Jährige, der in naher Zukunft Maschinenbau studieren möchte. Im Studium werde er für diese Arbeite dann keine Gelegenheit mehr haben. Sein Interesse an Israel begründet er zum einen mit seinem »christlichen Hintergrund«, zum anderen mit den »politischen Spannungen« vor Ort. »Mir geht es darum, mir ein medienunabhäniges Bild der Lage zu machen.« Ähnlich verhält es sich bei Germanistikstudentin Katharina Kusche, die das Land bereits mehrfach bereist hat: »Die Berichterstattung ist teilweise grottenschlecht«, glaubt die 24‐Jährige. »Ich finde, man muss sich selbst ein Bild machen, bevor man Urteile fällen kann.«

Gewissensgründe Mit ihrem Interesse stehen die Freiwilligen des Deutsch‐Israelischen Vereins nicht alleine da. Rund 1500 sogenannte »Volunteers« aus aller Welt zieht es Jahr für Jahr nach Israel. 75 Prozent davon stammen aus Deutschland. »Das ist in der Tat eine Möglichkeit, sich ein anderes Bild zu machen«, betont Dina Lutaty, die seit 22 Jahren im israelischen Sozialministerium für die Koordination des Freiwilligenprogramms zuständig ist. »Israel braucht Freunde«, ist die 61‐Jährige überzeugt.

Und mehr als das. Der soziale Sektor in Israel ist auf die Freiwilligen angewiesen. Aufgrund der überragenden Bedeutung des Militärdienstes und der Tatsache, nur Frauen diesen aus Gewissensgründen ablehnen können, finden sich im Land selbst nicht genügend Ersatzdienstleistende für den Einsatz im sozialen Bereich. »Daher sind die Freiwilligen aus dem Ausland eine große Hilfe«, erklärt Silvi Behm, die für die pädagogische Betreuung vor Ort zuständig sein wird, »und eigentlich bräuchten wir noch mehr.«

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