Hamburg

Familienforschung ist eine Mizwa

»Jüdische Familienforschung ist Mizwa-Arbeit und mache überdies Spaß«, schrieb Jürgen Sielemann 1996 in der Jüdischen Allgemeinen zur Gründung der Hamburger Gesellschaft für jüdische Genealogie. Der Ahnenforscher und sein Team haben den Spaß an dieser Arbeit nicht verloren. In einem ehemaligen Klassenzimmer im dritten Stockwerk der Talmud-Thora-Schule haben sie Quartier bezogen. Moderne Computerprogramme und eine gut ausgestattete Bibliothek helfen heute schnell und zielsicher, Verwandtschaftslinien bis ins 16. Jahrhundert zu rekonstruieren.

Vorarbeiten »Doch bis dahin war es ein weiter Weg«, berichtet Jürgen Sielemann, der Vorsitzende des Vereins. »Viele Tausend Datensätze mussten von uns recherchiert werden und in ein Computerprogramm eingepflegt werden.« Die Digitalisierung der Datenbestände nimmt viel Zeit in Anspruch. Mohelim-, Ketubbot- oder Memorbücher sind genauso wichtige Quellen wie die Geburtenregister der Hamburger Gemeinde ab 1750. Zudem mussten Vereinsmitglieder die Hochzeits- und Grabregister sowie die Auswertung der Grabsteine auf den jüdischen Friedhöfen erst in die moderne EDV übertragen. Dabei kam den Genealogen zugute, dass die staatlichen Aufzeichnungen über die Hamburger Familien, durch Zufall Krieg und Nationalsozialismus weitgehend unbeschädigt überstanden haben. Bei der Datenerfassung machen dem Verein fehlendes Personal und die fortschreitende Zeit Sorgen. »Viele der gefundenen Datenbestände seien in alten Schriftzeichen verfasst, die heute kaum noch jemand lesen kann«, erläutert Sielemann.

Kontakte Die Hamburger sind die einzige Einrichtung für jüdische Familienforschung in Deutschland. Ihre rund 80 Mitglieder im In- und Ausland pflegen gute internationale Kontakte. Diese helfen dem Verein ständig, neue Quellen zu erschließen und sich auszutauschen. Im Dachverband der »Internatioal Association of Jewish Genealogical Societies« sind jüdische Ahnenforscher aus der ganzen Welt miteinander vernetzt. »Dort werden regelmäßig Kongresse veranstaltet und internationale Beziehungen gepflegt«, so Sielemann, der selbst schon mehrfach an internationalen Kongressen teilnahm. Gemeinsam mit der schweizerischen Vereinigung veröffentlicht der Verein vierteljährlich Vereinsnachrichten, Rezensionen und familiengeschichtliche Beiträge in der Zeitschrift Maajan.

Jüdische Genealogie in Deutschland stößt dabei auf ein breites Interesse im Ausland. Der Verein bietet neben privaten Auskünften auch praktische Hilfen bei Erbschafts- und Einbürgerungsfragen. »Viele aus Hamburg stammende Familien haben ihre Angehörigen während der Schoa oder bei der Flucht vor den Nazis verloren«, sagt Sielemann. »Mit unserer Arbeit wollen wir den Menschen ein Stück Identität zurückgeben.« Die Gesellschaft beantwortet jährlich rund 120 Anfragen aus allen Ländern der Welt und führt viele Beratungsgespräche durch. Leider beziehen sich die Quellen ausschließlich auf Hamburg, an eine bundesweite Erfassung denke man zur Zeit nicht. »Das würde der Verein auch gar nicht schaffen«, sagt Jürgen Sielemann.

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