Porträt der Woche

»Familie ist am wichtigsten«

Alex Schneider leitet ein jüdisches Theater und blickt optimistisch in die Zukunft

von Christine Schmitt  19.05.2021 18:38 Uhr

»Alle meine Kinder besuchten die jüdische Grundschule in Köln«: Alex Schneider (56) lebt in Köln. Foto: Jörn Neumann

Alex Schneider leitet ein jüdisches Theater und blickt optimistisch in die Zukunft

von Christine Schmitt  19.05.2021 18:38 Uhr

Immer wieder wird mir gesagt, dass man meine Stimme, einmal gehört, nicht mehr vergisst. Zu ungewöhnlich sei ihre Klangfarbe. Mein Management beschreibt mich gerne so: Dass ich eine explosive Mischung aus viel Künstlerseele, einem Touch von Orient, einem Hauch russischen Ursprungs sei und eine Stimme, die an Whisky und Zigarren erinnert. Damit kann ich mich identifizieren.

Ich bin Musiker, Komponist, Schauspieler, Dramaturg, aber am liebsten bin ich Ehemann und Vater meiner vier Kinder – denn meine Familie ist mir am wichtigsten.

pandemie Wegen der nun schon viel zu lang andauernden Pandemie habe ich jetzt gezwungenermaßen genug Zeit, um zu komponieren, zu produzieren, vor allem Material für das erste jüdische Theater Deutschlands, das ich leite und das sich derzeit ebenfalls in der Zwangspause befindet, zu entwickeln und zu schreiben.

Aber nach mehr als fünf Jahrzehnten auf der Bühne fehlt mir diese schon sehr. Seelisch kann ich das gerade noch wegstecken, finanziell sorgt sich mein Bankdirektor mehr als ich. Spaß beiseite, die finanziellen Einbußen und Nöte sind bei allen unseren Kollegen derzeit enorm.

Ich habe das Glück, in meiner Kreativität viele Möglichkeiten zu finden, die für Abwechslung sorgen – Lieder komponieren, Texte schreiben, auf der Bühne stehen, Shows produzieren, da gibt es kaum Grenzen. So habe ich für Filme und Theater Musik geschrieben und Bühnenprogramme entwickelt. Ich lasse mich schnell begeistern und bin rasch für etwas Neues zu haben. Andererseits bin ich auch ein Perfektionist. Ich gebe immer alles und bin mit Leib und Seele, Haut und Knochen bei allem, was ich mache, dabei.

ELTERN Geboren wurde ich in einem Land, das heute nicht mehr existiert, der Sowjetunion. Meine Eltern zogen nach Rovno in der Ukraine, wo ich zur Welt kam. Aber es war mehr ein Zufall, denn sie bekamen dort einen Job. Eigentlich wäre mein Vater auch gerne Schauspieler und Sänger geworden, aber nach dem Krieg wurde er Ingenieur für Maschinenbau.

Er hatte sich während der Schoa nach der Flucht aus dem Ghetto mit den wenigen Überlebenden aus seiner Familie drei Jahre im Wald versteckt und so als Halbwaise überlebt. Meine Mutter hat, dem Krieg geschuldet, ihre Eltern im Alter von einem Jahr verloren. Sie ist der sensibelste und der empathischste Mensch auf der Welt, den ich kenne.

In der israelischen Armee trat ich zusammen mit späteren Stars wie Rita und Rami Kleinstein auf.

Meine künstlerische Ausbildung begann mit der Musik und klassisch am Klavier. Im sowjetischen System musste jeder Talent und Fleiß mitbringen, um Musikunterricht zu erhalten. Aber als Jude musste man immer ein bisschen mehr mitbringen, um überhaupt gefördert zu werden. Meine erste Komposition galt meinem ersten Ins­trument, dem Klavier, und während meine Freunde Fußball spielten, entdeckte ich mein Lieblingsspielzeug: das Schlagzeug.

Als Kind nahm ich an vielen Gesangswettbewerben teil, bei denen ich es immer ins Finale schaffte und viele auch gewinnen konnte. Ich hatte einen eigenen Akkordeonisten als Begleiter und eine Managerin, und so fuhr schon mal eine schwarze Wolga-Limousine bei uns in der Schule vor, um mich abzuholen, und es ging nach Kiew oder Moskau.

EMIGRATION Als ich zehn Jahre alt war, sollte sich mein Leben von Grund auf verändern. Wir emigrierten 1975 nach Israel, wo meine Eltern heute noch leben und wo auch ich immer »einen Koffer stehen« habe. Auch in Israel ging es für mich mit der Musik weiter, und sehr schnell sahen meine Eltern ein, dass ich niemals einen »vernünftigen« Beruf erlernen würde.

Aber erst einmal musste ich zum Militär. Drei Jahre lang wirkte ich zusammen mit vielen der heutigen Stars der israelischen Popwelt: Rami Kleinstein, Rita, der Band Mashina, Orna und Moshe Datz im Theater- und Musikkorps der israelischen Armee. Teilweise gaben wir bis zu drei Shows an einem Tag, um die Soldaten zu unterhalten. Das hieß für uns, dass die Kulissen und das ganze Equipment immer mitreisen mussten.

Nach der Armee und während des Studiums tobte ich mich musikalisch richtig aus: Ich spielte in mehreren Bands und Klubs als Lead-Sänger und Keyboarder. Irgendwann bot sich mir die Möglichkeit, ins Ausland zu gehen. Für die Jewish Agency fuhren mit mir noch weitere elf Musiker und Tänzer nach Deutschland, Frankreich, Belgien, Österreich, Italien und Spanien, um den dortigen jüdischen Gemeindemitgliedern mit der Multimediashow »The Jewish Dream« Israel ein wenig näherzubringen. Mit einer Dia-Show, Tänzen und Liedern kreierten wir eine israelische Atmosphäre. Wieder fand ich mich »on the road«, und wir fuhren viele Tausende Kilometer.

BAR Irgendwann, angetan von dem rheinischen Charme, blieb ich in Köln hängen und gründete die Alex Original Band. Ich habe aus Israel eine musikalisch-ethnische Multinationalität mitgebracht, und so wurden wir schnell zu einer vielseitigen Band: jüdische, russische, orientalische und brasilianische Musik, Chansons und Lieder der Liebe, aber auch Rock ’n’ Roll und Nostalgieklänge der 80er-Jahre, die aufregenden 90er-Jahre sowie das beste von heute. Aber Soul & Funky, Pop & Rock – das ist unsere musikalische Heimat.

In einem Kölner Hotel etablierte ich Ende der 90er-Jahre die Live-Musik-Bar »AlexOriginal«, die mir viele Jahre sehr viel Freude brachte. Da ich nie vor drei Uhr nachts zu Hause war, gab ich sie allerdings kurz vor der Geburt unseres dritten Kindes im Jahr 2005 auf.

Der Erfolg schickte uns damals durch ganz Deutschland, und wir spielten alljährlich bei Veranstaltungen wie dem Bundespresseball, dem Ball des Sports, dem Bundeskanzlerfest, beim Frankfurter Opernball und an den schönsten Orten in ganz Europa: Am Arlberg, in Kitzbühel, in St. Moritz, Monaco und St. Tropez sowie in Paris, London und Moskau spielten wir auf großartigen Partys und Veranstaltungen. So wurde ich nebenbei ein Spezialist in Sachen Champagner.

Wir wollten ein Kontrastprogramm zu der bedrückenden Seriosität und den Schatten der Vergangenheit bieten, die über der jüdischen Geschichte in Deutschland wehen.

Ein besonderer Auftrittsort war für mich auch das legendäre Promi-Lokal »maca_ronni«. Mit dem verbinde ich das Wichtigste in meinem Leben, denn hier lernte ich meine Frau kennen, die als Gast kam. Ich saß am weißen Flügel, auf dem auch Elton John schon spielte, und ich tat all das, was ein Mann am Klavier tun kann, um ihr Herz zu gewinnen. Außerdem durfte ich dort tolle Sänger und Musiker wie beispielsweise Otto Waalkes, Howard Carpendale, Adriano Celentano, Udo Jürgens oder Heiner Lauterbach mit meinem Flügel begleiten.

Seit 2015 heißt meine Band Fantasia Band & World Beat Orchestra. Ihr Markenzeichen sind Partymusik und eine gute Stimmung. Viele Kollegen der ersten Stunde sind noch heute dabei und gehören zu den gefragtesten Instrumentalisten Deutschlands.

NEULAND Ich will noch einmal ins Jahr 1997 zurückgehen. Es war mir immer ein wichtiges Anliegen, dass mit dem Judentum in Deutschland nicht nur die Schoa assoziiert wird. Deshalb taten ein paar Mitstreiter und ich uns zusammen, um den Verein zur Förderung der jüdischen Kultur zu gründen – mit dem Ziel, der jüdischen Kultur wieder einen Platz im öffentlichen Leben zu geben. Das war auch die Geburtsstunde des Theaters Michoels, dem damals ersten jüdischen Theater in Deutschland nach 1945.

Unser Plan ging vollends auf. Zur ersten Aufführung kamen rund 1000 Zuschauer, und sogar die »New York Times« und die »International Herald Tribune« berichteten über »Germany’s first Post War Jewish Theatre«.
Wir haben damals Neuland betreten, indem wir jüdische Theatertradition aufgriffen, beispielsweise mit Stücken wie »Mit a bissel Masel« oder »Die Juden – lachen, bis der Rabbi kommt…«.

Im Mittelpunkt stand und steht die jüdische Kultur – mit besonderem Zugang. Von Anfang an haben wir daraufgesetzt, ein Kontrastprogramm zu der bedrückenden Seriosität und den Schatten der Vergangenheit zu bieten, die über der jüdischen Geschichte in Deutschland wehen.

PERLE Alle meine Kinder besuchten die jüdische Lauder-Morijah-Grundschule in Köln, deren Vorstand ich immer noch angehöre. Die Schule liegt mir sehr am Herzen. Ich finde, dass sie die Perle unserer Gemeinde ist, sie hat sich phänomenal entwickelt. Ich freue mich immer, wenn ich dort bin.

Für die Zukunft wünsche ich mir eine eigene Bühne und Verwaltungsräume für das »Jüdische Theater.« Für Deutschland wünsche ich, dass es akzeptiert, dass die vielerorts beschworene »Normalität« im Umgang mit den Juden und der gemeinsamen Vergangenheit immer eine besondere bleibt. Und uns ist es nur gegeben, die Zukunft zu verändern.

Aufgezeichnet von Christine Schmitt

Ausgburg

Jüdisches Museum bekommt neue Direktorin

Die 36-jährige Carmen Reichert übernimmt ab 1. Mai 2022 die Nachfolge von Barbara Staudinger

 02.12.2021

Pandemie

Jewrovision auf Ende Mai verschoben

Zentralratsgeschäftsführer Botmann: Sichere und angenehme Bedingungen im Februar voraussichtlich nicht möglich

 02.12.2021

Charlottenburg

»Unsere Identität stärken«

Kantor Isidoro Abramowicz hat in Kooperation mit dem Jugendzentrum Olam einen neuen Gemeindechor für Kinder und Jugendliche gegründet

von Christine Schmitt  02.12.2021

Kulturprogramm

Von Film bis Jazz

Der Zentralrat der Juden stellt sein Angebot für die Gemeinden in 2022 vor

von Annette Kanis  02.12.2021

Bad Sobernheim

Fortbildung für Vorbeter

Zwei Rabbiner unterrichteten 20 Seminarteilnehmer über den Kreis des Lebens

von Wolfram Nagel  02.12.2021

Hilfe

ZWST finanziert »Tiny Houses« für Flutopfer

Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden stellt zehn Mobilheime für Betroffene in der Gemeinde Kall zur Verfügung

 30.11.2021

Berlin

Chanukka am Brandenburger Tor

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas entzündete das erste Licht

 28.11.2021

Erinnerung

Vor aller Augen

Stadt und Israelitische Kultusgemeinde gedachten der ersten Deportation von Münchner Juden am 20. November 1941 nach Kaunas

von Helmut Reister  27.11.2021

Porträt der Woche

Mit Klischees aufräumen

Ariella Naischul studiert Jura in Heidelberg und setzt sich für Inklusion ein

von Brigitte Jähnigen  27.11.2021