Porträt der Woche

»Es ist kompliziert«

Paula‐Irene Villa Braslavsky ist Genderforscherin in München und tanzt gerne Tango

von Till Schmidt  19.06.2019 09:34 Uhr

Argentinisch-russisch-polnisch-ukrainische Wurzeln: Paula-Irene Villa Braslavsky (50) wuchs im Ruhrgebiet auf. Foto: Till Schmidt

Paula‐Irene Villa Braslavsky ist Genderforscherin in München und tanzt gerne Tango

von Till Schmidt  19.06.2019 09:34 Uhr

Im Tango ist es wunderbar möglich, mit Konventionen zu spielen, sie umzudrehen und zu durchkreuzen. Der argentinische Paartanz gilt vielen als »echt« und »authentisch« – was auch immer das bedeutet. Und er gilt als eindeutig heterosexuelle Praxis, frei von Feminismus: mit einer klaren Führen‐Folgen‐Struktur und mit einem fast schon pornografischen Skript. Doch Tango kann auch queer sein, nämlich dann, wenn nicht vorab klar ist, wer eigentlich führt und wer folgt. Ich selbst tanze mit Frauen wie mit Männern, und das in beiden Positionen. Mal so, mal so. Und manchmal auch ganz anders.

Zum Tango bin ich eher zufällig gekommen: damals im Ruhrgebiet, Mitte der 90er. In meiner Familie hatte vor mir kaum jemand etwas mit Tango zu tun, denn er galt zu sehr als Unterschichtentanz – nicht geeignet für europäischstämmige argentinische Juden, die dezidiert humanistisch, politisch links eingestellt und zugleich akademisch und bürgerlich waren.

Beruflich würde ich mich ebenfalls im Konventionellen verorten. Ich bin Soziologin und Professorin für Gender Studies. Aber auch hier liegt ein Reiz darin, manche Dinge in ihrer Komplexität zu erforschen und manches unkonventionell zu machen.

MÜLHEIM 1976, im Alter von acht Jahren, bin ich zusammen mit meiner Mutter und meiner Schwester nach Deutschland gekommen. Dass wir in Mülheim an der Ruhr gelandet sind, auch das war Zufall. Nach ihrer Zeit als Postdoktorandin in Kanada hatte sich meine Mutter, Chemikerin, weltweit beworben und schließlich eine Stelle am dortigen Max‐Planck‐Institut gefunden. Sehr früh hatte sie sich von meinem Vater getrennt, weshalb wir eigentlich immer zu dritt gelebt haben.

In bestimmten Phasen gewann meine jüdische Identität an Bedeutung.

Politik ist Teil meiner familiären DNA. Meine Großeltern und dann auch Eltern waren in Buenos Aires in linken, sozialistischen Zirkeln aktiv. Als die argentinische Polizei 1966 in der »Nacht der langen Knüppel« erstmals politisch Aktive in den Universitäten verhaftet hatte, trat nahezu die gesamte Belegschaft der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universidad de Buenos Aires aus Protest zurück. So auch meine Eltern. Wie viele Dissidenten – Professoren und wissenschaftliche Mitarbeiter – sind sie schließlich in Santiago de Chile untergekommen. An der dortigen Universität haben sie ihre Promotionen in Chemie abgeschlossen. Und ich wurde geboren.

Klassenzimmer An die ersten Jahre in Deutschland erinnere ich mich als eher grau und dunkel. Es war einfach schwierig, hier anzukommen. Das Klassenzimmer meiner Grundschule war nicht ausreichend beheizt und die Lehrerin unterkühlt. Ich sprach zunächst kein Deutsch – und sie auch kein Englisch. Zum Schuljahr 1978/79 kam ich dann auf die Gesamtschule, eine linksliberale Vorzeigeschule, die auch viele andere »Ausländerkinder« besuchten. Allmählich konnte ich heimisch werden in Deutschland – weil diese Schule die Vielfalt wertschätzte.

Unser Judentum spielte dabei eine eher nachrangige Rolle. Ich erinnere mich zwar an alltäglichen Antisemitismus wie etwa in einem Autohaus, als der Verkäufer unverblümt die Nazizeit romantisierte; oder an die anfängliche Weigerung meiner Mutter, Deutsch zu sprechen. Dazu kamen die Besuche von und bei jüdischen Freunden. Doch abseits von einigen kulturellen Traditionen war unser Judentum kaum von Bedeutung.

Zusammen mit den Freunden und Familie zelebrierten wir die Klassiker der aschkenasischen Küche – Latkes, Gefilte Fisch oder Knisches –, aber wir waren vor allem links, argentinisch, akademisch und Emigranten. Und in keiner Weise religiös. Das bin ich auch heute nicht. Eine Schabbat‐Zeremonie würde ich nicht ohne Hilfe hinbekommen. Eine säkulare Form von Jüdischsein kenne ich in Deutschland kaum, in Argentinien oder den USA umso mehr. Das fehlt mir hier.

Zum Tango bin ich eher zufällig gekommen: damals im Ruhrgebiet, Mitte der 90er.

Es gab bestimmte Phasen in meinem Leben, in denen meine jüdische Identität an Bedeutung gewann: etwa während des Wiedervereinigungstaumels in den 90ern, als die Flüchtlingsunterkünfte brannten und es lauthals »Wir sind das Volk« donnerte. Damals hatte ich wieder begonnen, eine Davidstern‐Kette zu tragen. Im Moment trage ich den Stern wieder, am Handgelenk.

Bis heute habe ich eine Aversion gegen jeden, eben auch den deutschen Nationalismus, der sich doch vor allem um die Leugnung des eigentlich Faktischen dreht: dass auch Deutschland eine Einwanderungsgesellschaft ist. Dies anzuerkennen, damit tun sich bis heute noch sehr viele schwer. Dazu kommt die aktuell so verbreitete unsägliche Behauptung, erst »die Flüchtlinge« oder »die Muslime« hätten den Antisemitismus nach Deutschland gebracht.

EINWANDERUNG Mit der Zeit wurde mir immer mehr bewusst, dass auch in den Einwanderungsländern, die sich als solche begriffen, nicht alles gut war und ist; dass ich in den jungen Jahren, in denen ich mich mehrmals länger in Buenos Aires aufhielt, zu einer gewissen Romantisierung neigte. Als junge Erwachsene habe ich den Bericht »Nie wieder« gelesen, der die argentinische Militärdiktatur von 1976 bis 1983 aufarbeitet. Mindestens 30.000 Menschen sind demzufolge »verschwunden«, wurden gefoltert, wahrscheinlich durch den Staat ermordet. Bei der Lektüre fiel mir auf, wie verbreitet auch damals der Antisemitismus war. Die Juden unter den linken Dissidenten wurden spezifisch antisemitisch beschimpft und gefoltert.

Dennoch galt mir Argentinien immer als ganz besonderer Ort – wo es möglich war, Teil der argentinischen Nation zu sein und gleichzeitig mit den Unterschieden in der Herkunft selbstverständlich umzugehen. Mütterlicherseits sind das bei mir die Gegend um Kiew sowie Russland, väterlicherseits das heutige Polen. Mein Großvater väterlicherseits hatte spanische Vorfahren. Deshalb heiße ich Villa Braslavsky.

Meine Familie ist Ende des 19. Jahrhunderts vor den Pogromen im zaristischen Russland geflohen.

Von einem Wissen über unsere Verfolgungsgeschichte ist meine – auch, aber nicht nur jüdische – Identität geprägt: Meine Familie ist Ende des 19. Jahrhunderts vor den Pogromen im zaristischen Russland geflohen. Auch für sie war es ein glücklicher Zufall, in Argentinien gelandet zu sein. Das Bewusstsein, selbst in einer gesellschaftlichen Position des potenziellen Opfers zu sein, prägt mich stark. Das trägt sicherlich auch dazu bei, dass ich in vielen politischen Angelegenheiten sehr misstrauisch bin, auch gegenüber Linken, speziell in Deutschland. Und sowieso gegen alles, was Masse, Gemeinschaft, Zwangszugehörigkeit bedeutet.

Häufiger als unmittelbaren Antisemitismus erlebe ich, wie Menschen ihre Vorstellung von Argentinisch‐Sein auf mich projizieren – Stichwort: pasión. In solchen Momenten kann ich richtiggehend beobachten, wie meine Haare in den Augen der anderen dunkler werden.

PHILOSOPHIE Durch meine akademische Auseinandersetzung mit den Philosophien Judith Butlers und Emmanuel Levinas’ habe ich eine ethische Haltung entwickelt, die darin besteht, zu wissen, dass wir mit anderen in der Welt und einander ausgeliefert sind – inklusive der Fähigkeit, einander Böses zu tun, es aber auch lassen zu können. Da niemand davor sicher sein kann, bedarf es einer alltagsethischen Haltung, um einander zu schützen. Das versuche ich, meinen beiden Kindern im Alter von 18 und zwölf auf ihren Weg zu geben: dass wir uns alle umeinander kümmern müssen.

Wenn wir als Familie gemeinsam verreisen, besuchen wir immer auch jüdische Orte: das Marais in Paris etwa oder das Ghetto in Venedig. In solchen Momenten bin ich schnell überwältigt: vom Gefühl der Zugehörigkeit über eine geteilte, jüdische Geschichte, aber auch von der Gleichzeitigkeit von erlittener Verfolgung, Vernichtung – und der Lebenslust, wie ich sie etwa im Essen der jüdischen Bäckereien oder Restaurants finde. Argentinische Spuren suche ich auf Reisen seltsamerweise nie.

Wenn wir als Familie gemeinsam verreisen, besuchen wir immer auch jüdische Orte.

Mit meinem Team in der Soziologie an der Ludwig‐Maximilians‐Universität München feiere ich jedes Jahr Advents‐Chanukka, natürlich mit Sufganiot und anderen Köstlichkeiten. Abseits von solchen Partys wird mein Jüdischsein auf der Arbeit kaum thematisiert. Ohnehin liegen meine Arbeitsschwerpunkte in ganz anderen Bereichen wie Körpersoziologie, Sozialisations‐ und Subjektkonzepte oder Mutter‐ beziehungsweise Vaterschaft.

Gleichzeitig hätte ich nichts dagegen, wenn die Leute mehr fragen würden zu meiner Jüdischkeit. Andererseits bin ich mir manchmal auch nicht sicher, ob ich das überhaupt möchte. Es ist also kompliziert, und Komplexitäten teile ich genussvoll mit meiner Online‐Blase: Auf Facebook habe ich über die Jahre einige Menschen kennengelernt, die genauso wie ich eine säkulare, kosmopolitische Jüdischkeit leben – jenseits der Gemeinden, mit sehr unterschiedlichen politischen Haltungen und vielen Identitäten.

Aufgezeichnet von Till Schmidt

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