Redezeit

»Es hätte ihm gefallen«

Herr Strauß, als 16-Jähriger haben Sie mit fünf weiteren Schülern das biografische Buch »Ich muss weitermachen« des Schoa-Überlebenden Rolf Joseph veröffentlicht. Mit Mitte 20 haben Sie den Rolf-Joseph-Preis ausgelobt, der im August erstmals vergeben wurde. Was hat Sie dazu motiviert?
Als Rolf Joseph vor zwei Jahren im Alter von fast 92 Jahren starb, überlegten wir, was wir mit dem Erlös aus dem Verkauf seiner Biografie machen könnten. Wir dachten beispielsweise an eine Erinnerungstafel. Dann hatten wir die Idee, dass es in seinem Sinne wäre, die Auseinandersetzung junger Menschen mit jüdischer Geschichte zu fördern. Ohne viel darüber nachzudenken, beschlossen wir, einen Preis zu stiften, der Schülerprojekte auszeichnet, die sich mit jüdischer Geschichte beschäftigen.

Und so etwas funktioniert auf Anhieb?

Es war nicht ganz so einfach, wie wir uns das vorgestellt hatten, aber immerhin hat es ansatzweise bereits Früchte getragen.

An wen richtet sich die Ausschreibung?

An Acht- bis Zehntklässler. Beim ersten Mal hatten wir beschlossen, erst einmal nur Berlin mit einzubeziehen, da Rolf Joseph hier gelebt hatte. Aber mittlerweile studieren alle Mitglieder der sogenannten Joseph-Gruppe in anderen Städten – nur ich bin in Berlin geblieben –, sodass sie vor Ort Schulen ansprechen wollen. Bis zum 13. Mai 2015 können sich bundesweit Schüler für den Rolf-Joseph-Preis bewerben.

Wie genau finden Sie die Teilnehmer?

Wir treten direkt an die Schulen heran. Unser ehemaliger Religionslehrer unterstützt uns als Schirmherr des Preises und hat geholfen, Kontakte herzustellen. Es ist schwierig, die Schüler direkt zu erreichen. Wir rufen erst einmal beim Schulsekretariat an – man kennt uns ja nicht. Dann stellen wir uns und das Projekt vor. Und dann hängt es davon ab, ob die Sekretärin oder der Schulleiter unser Anliegen an die Religions- oder Geschichtslehrer weiterleitet. Beim ersten Mal hat das ganz gut geklappt.

Das klingt insgesamt aber doch eher schwierig.
Es war nicht immer einfach. Ich war an verschiedenen Schulen und habe geworben. Als ich den Schülern von unserem Preis erzählt habe, waren sie sofort begeistert. Aber im Nachhinein sagten die Lehrer mir dann oft, dass es ihnen zu viel sei, da sie schon genügend Projekte und darüber hinaus Prüfungen für den Mittleren Schulabschluss im Programm hätten. Das hat mich, ehrlich gesagt, schockiert. Bereits in diesem Alter in solchem Terminstress zu stehen, das kannten wir aus unserer eigenen Schulzeit nicht.

Was würde Ihnen helfen?

Wir brauchen Lehrer, die motiviert sind, dieses Projekt an die Schüler weiterzugeben. Letztes Jahr hat beispielsweise ein Lehrer des Canisius-Kollegs zu diesem Thema eine Unterrichtseinheit gemacht, aus der heraus dann Beiträge entstanden sind.

Die Schule hat ja auch sehr gut abgeschnitten, immerhin erhielt sie den ersten und dritten Preis.
Es waren unterschiedliche Schüler-Gruppen, die das hervorragend gemacht haben. Wir müssen uns als Jury auch einig sein, welche Arbeiten wir auszeichnen wollen. Es war ja auch für uns das erste Mal.

Wie viele Schüler waren dabei?
Beim Preisträgerwochenende 13 Schülerinnen und Schüler. Die Begegnungsstätte Schloss Gollwitz hatte uns alle für ein Wochenende eingeladen, dort konnten die Schüler ihre Projekte präsentieren. Es war ein schönes Zusammensein.

Welches Projekt hat gewonnen?

Es hieß »Jüdisches Leben in Berlin«. Die Schüler sind durch die Stadt gegangen, haben Gegenstände und Geschichten zum jüdischen Leben zusammengetragen und sich überlegt, wie man das metaphorisch darstellen kann. Die Objekte legten sie in eine Schatzkiste und rekonstruierten deren Geschichten. Es reichte von koscheren Gummibärchen bis zum Stolperstein. Gefragt sind Projekte allgemein zur Geschichte des Judentums, zum jüdischen Leben während des Nationalsozialismus und zum Jüdisch-Sein heute. Das müssen keine besonders aufwendigen Sachen sein, wichtiger ist, dass die Jugendlichen auf Entdeckungsreise gehen.

Die Themen sind also frei wählbar?
Ja. Wir haben uns jetzt überlegt, dass es in diesem Jahr noch freier werden soll. Die Schüler bemängelten, sie hätten das Gefühl, es müsse immer um den Holocaust gehen. Nun soll es auch um eine Auseinandersetzung mit dem Heute gehen. Was bedeutet Jüdisch-Sein in unserer Zeit, in Konfliktsituationen beispielsweise?

Wie bekommen Sie die Preisgelder zusammen?
Wir können das biografische Werk über Rolf Joseph immer noch in einer Buchhandlung vertreiben. Bis jetzt haben wir keinerlei andere Geldquellen und finanzieren das Ganze allein aus dem Verkaufserlös. Doch wir hoffen natürlich darüber hinaus auf private Spenderinnen und Spender.

Was hätte Rolf Joseph zu dem Preis gesagt?
Ich bin mir sicher, dass er das Ganze für eine gute Sache gehalten hätte. Er meinte immer, dass es das Wichtigste sei, die Erinnerung an die Zeit der Judenverfolgung weiterzutragen. Er war ein Mensch, der mit Jugendlichen ins Gespräch kommen wollte und Wert darauf legte, dass sie von der Schoa erfahren. Es lag ihm daran, seine Geschichte mitzuteilen. Beispielsweise, wie er jeden Dienstag im Fußballverein spielte und eines Tages einfach nicht mehr mitmachen durfte. Einfache Geschichten, die aber eine außerordentlich starke Wirkung hatten.

Hat sich Ihr persönlicher Blickwinkel durch die Begegnung mit Rolf Joseph geändert?
Ja, natürlich. Er war für mich so etwas wie ein Großvater, der von einer anderen Zeit erzählte. Man hatte Angst, damit in Berührung zu kommen. Aber durch sein Wesen und seine Art wurde diese Angst abgebaut.

Gibt es bereits weitere Projekte?
Vielleicht eine Überarbeitung und Neuauflage unseres Buches. Es sind einige Fehler darin und es ist aus Schülersicht geschrieben. Aber dafür bräuchten wir finanzielle Unterstützung.

Mit dem Geschichtsstudenten und wissenschaftlichen Mitarbeiter an der Humboldt-Universität Berlin sprach Christine Schmitt.

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