Porträt der Woche

»Es geht nur mit Toleranz«

»Ich glaube an das Schicksal – dennoch ist jeder Mensch jederzeit für sein Leben verantwortlich«: Benzion Malka (65) aus Frankfurt Foto: Rafael Herlich

Ob die Fliegerei etwas Besonderes für mich war? Nein, überhaupt nicht. Als ich 1977 im Alter von 27 Jahren anfing, bei der Sicherheit von EL AL Deutschland zu arbeiten, lagen schon viele Stunden Flugerfahrung hinter mir. Schließlich war ich Fallschirmjäger beim israelischen Militär und wurde mit 22 Jahren bereits als Sky Marshall eingesetzt. Für andere war ein Flug natürlich etwas Außergewöhnliches – immerhin kostete damals ein Ticket ein halbes oder ganzes Jahresgehalt. Da konnte man nicht eben mal so von A nach B fliegen wie heute.

Bei EL AL bin ich rasch aufgestiegen – ich wurde Administrator der Security, 1980 dann Sales Promoter und sieben Jahre später District Manager Süddeutschland mit Sitz in München. Seit 13 Jahren arbeite ich nun in Frankfurt als General Manager für Deutschland und Österreich.

liebe Dass ich als gebürtiger Israeli überhaupt nach Deutschland und zu EL AL gekommen bin, verdanke ich der Liebe: 1976 war mein Vater sehr krank geworden und lag für etwa einen Monat im Rambam-Hospital in Haifa. Wir waren oft dort, und während dieser Zeit sah ich immer wieder eine blonde Krankenschwester. Ich habe meinem Bruder Max gesagt, ich würde sie zur Frau nehmen. Aber er hat mich nur für verrückt erklärt.

Nach der dritten Einladung habe ich Marlies einen Antrag gemacht: Mittlerweile sind wir seit 38 Jahren verheiratet. Marlies ist zum Judentum übergetreten – zunächst aber heirateten wir standesamtlich in Deutschland. Ich wollte ja auch ihre Familie kennenlernen, und wir wollten unsere Flitterwochen in ihrer Heimat verbringen.

Während dieser Zeit ist der Geschäftsbetrieb meines Schwiegervaters in finanzielle Schwierigkeiten geraten, und ich bin geblieben, um ihm zu helfen. Was macht ein Israeli in Deutschland, der quasi nur eine militärische Ausbildung hat? So kam ich zur Sicherheit bei EL AL. Dass ich ins Manage-
ment aufsteigen konnte, hatte auch damit zu tun, dass ich Deutsch sprach. Das war mir selbst anfangs gar nicht bewusst.

familie Ich bin in Kfar Ata, dem heutigen Kiryat Ata, aufgewachsen. Dort hatten wir lauter deutsche Nachbarn – sie haben, wie mit ihren Kindern, auch mit mir ganz selbstverständlich Deutsch gesprochen. So habe ich die Sprache quasi nebenbei erlernt.

Ich habe acht Geschwister, sie wurden alle in Marokko geboren, wohin meine Eltern gegangen waren, um Iwrit zu unterrichten. Die Familie meiner Mutter stammt ursprünglich aus Spanien, aus Toledo, mein Vater aus Hebron. 1947 sind meine Eltern nach Israel eingewandert und haben dort zunächst in einer Zeltstadt bei Haifa gelebt.

Ich wurde 1950 geboren und bin sehr behütet aufgewachsen. Meine Geschwister leben glücklicherweise alle noch und sind ein Spiegelbild der israelischen Gesellschaft: Es ist unter anderem ein Friseur darunter, ein General, ein Politiker und ein Fußballer.

Jom HAzikaron Über meine Militärkarriere spreche ich nicht so gerne. Andere tauschen bei Treffen Anekdoten und Erinnerungen aus – das ist nicht so mein Fall. Nur meinem Enkel Samuel gelingt es immer wieder, einiges aus mir herauszukitzeln. Er fragt so unbefangen und findet die alten Geschichten toll.

Mit 21 Jahren war ich bereits Kompaniechef – das ist ein Rekord. Bis 1972 war ich bei einer Antiterroreinheit, zuletzt bei den Fallschirmjägern. Ich habe im Jom-Kippur-Krieg gekämpft, viele aus meiner Kompanie sterben sehen und etliche Freunde und Bekannte verloren. Deshalb ist der Gedenktag Jom Hazikaron für mich der bedeutendste Feiertag. Ich verbringe ihn jedes Jahr in Israel, um die Gräber besuchen zu können.

Meine drei Kinder sind deutsche Israelis, zu Hause ist unsere »Amtssprache« Iwrit. Eine meiner beiden Töchter, die Mutter von Samuel, lebt in der Nähe von München. Die andere – für mich eine Katastrophe – in Philadelphia. Aber wir versuchen, uns wenigstens alle drei Monate zu sehen. Mein Sohn lebt in Frankfurt und ist eigentlich jeden Schabbat bei uns. Mit uns in unserem Haus lebt auch meine Schwiegermutter.

Dass wir sie aufgenommen haben ist keine Mizwa, sondern purer Egoismus. Denn zum einen ist sie eine Grande Dame und sehr lieb. Und zum anderen wohnte sie zuvor in Neuwied – wir mussten also immer 120 Kilometer fahren, um zu sehen, wie es ihr geht. Jetzt geraten wir auch nicht mehr bei jedem unbeantworteten Anruf in Panik.

Musik Wir sind eine sehr musikalische Familie. Fast bei jeder Zusammenkunft musizieren wir. In Kfar Ata waren wir für unsere Musikleidenschaft schon in den 50er-Jahren bekannt. Die Leute hatten bald herausgefunden, dass die Nachbarn nicht etwa laut Radio hörten, sondern dass die Malkas wieder ein Konzert gaben.

Meine Liebe zur Musik wurde geweckt, als ich 16 war. In einem Kino in Haifa wurde Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgski aufgeführt. Ich bin um den Eingang herumgestrichen, bis mich der Wächter aufforderte, einfach hineinzugehen. Es war Liebe auf den ersten Blick. Natürlich habe ich das vor meinen Freunden verheimlicht, denn das war ja nicht cool.

Ich liebe Vivaldi, Mozart und Verdi; ich bin verliebt in Anne-Sophie Mutter und gut befreundet mit dem Geiger Shlomo Mintz – er war sogar einmal an Pessach bei uns.

chanukka Überhaupt war unser Haus in München ein Haus der Begegnung. Wir hatten oft Schauspieler und andere Berühmtheiten zu Gast. Ein befreundeter Regisseur hat einmal einen etwas ungepflegt und verstockt wirkenden Gast mitgebracht. Er blühte erst auf, als er den Namen meiner Mutter hörte – Esther Toledano. Denn er – es war der französische Schriftsteller Michel Houellebecq – hatte doch tatsächlich eine Freundin mit demselben Namen. Keine Verwandte unserer Familie – aber das konnte kein Zufall sein, das war Schicksal.

Ich glaube an das Schicksal, auch wenn ich meine, dass jeder jederzeit für sein Leben und das, was darin geschieht, verantwortlich ist. An den jüdischen Feiertagen hatten und haben wir immer christliche Gäste – auch, um Ängste vor dem Judentum abzubauen. In München luden wir jedes Jahr zu Chanukka 50 Leute ein, zündeten die Lichter und erklärten die Traditionen.

Einmal war auch der Regisseur Imo Moszkowicz dabei, der mit den ganzen Festen nichts mehr zu tun haben wollte, denn er war, wie er sich selbst nannte, »Auschwitz-Absolvent«. Ich zündete die Kerzen, und plötzlich betete Moszkowicz auf Jiddisch, mit einer hellen Stimme, als käme sie aus der Vergangenheit. Es war sehr bewegend.

dankbarkeit Meine liebe Frau hat alle Festvorbereitungen immer mitgetragen, auch beim Kochen – obwohl ich da sehr viel mache. Ich bin in meiner Kindheit verwöhnt worden und möchte, dass es an den Feiertagen auch bei uns so ist – auch, wenn allein die Vorspeisen schon etwa acht Stunden in Anspruch nehmen.

Mein Schwiegervater hat das einmal sehr schön formuliert: »Das ist der Unterschied: Wir Deutsche essen, um zu überleben. Ihr Israelis lebt, um zu essen.« So fördere ich auch zu Hause die deutsch-israelischen Beziehungen. Beruflich pendle ich viel zwischen Deutschland und Israel, privat zwischen meinem Wohnort und meinen Kindern.

Meine Frau ist seit einem Jahr in Rente, mein offizielles Pensionsdatum ist April 2016. Mal sehen, ob es dabei bleibt. Es wäre Zeit, der nächsten Generation Platz zu machen. Das wichtigste Kapitel in meinem Leben ist meine Frau.

Ich bin stolz, glücklich und dankbar dafür, dass es uns gelungen ist, zwei so extrem unterschiedliche Mentalitäten wie das Deutsche und das Jüdisch-Israelische miteinander zu verbinden und drei wunderbare Kinder zu haben. The name of the game: Toleranz und Nachgiebigkeit. Nur so geht es.

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