Porträt der Woche

»Erweiterter Horizont«

»Es lohnt sich immer zuzuhören«: Itay Ron lernt aus den Lebensgeschichten anderer Menschen. Foto: Alexandra Roth

Ich wurde 1985 in Tel Aviv geboren und bin erst seit Kurzem in Deutschland. Ich bin Israeli und studiere in Düsseldorf an der Heinrich‐Heine‐Universität im Masterstudiengang European Studies. Es gab für mich viele Gründe, nach Deutschland zu kommen. Nach meinem Bachelor am interdisziplinären Center in Herzliya wollte ich mich neu orientieren. Ich interessierte mich nicht nur schon immer für fremde Kulturen, Länder und ihre Geschichte und Politik – ich lebe dieses Interesse auch.

Wie viele Israelis ging ich nach meinem Wehrdienst Ende 2007 auf Reisen. Ich war ein Jahr lang in Mittel‐ und Südamerika unterwegs. Ich begann am südlichsten Punkt Argentiniens, hangelte mich dann über Chile, Bolivien, Kolumbien, den Amazonas und Kuba hoch bis Mexiko‐Stadt.

Ich habe viel gesehen und viele großartige Menschen unterschiedlichster Nationalitäten getroffen, die mir ihre Lebensgeschichten erzählten. Es lohnt sich immer zuzuhören. Man kann nur verstehen, wie man mit jemandem oder auch mit Ereignissen umgehen soll, wenn man die Geschichte dahinter kennt. Diese Reise hat mich der Welt gegenüber so geöffnet, wie ich es vorher nicht kannte. Egal, was man sucht oder will, in Südamerika findet man es.

Aufgeschlossenheit habe ich von meinen Eltern von klein auf vermittelt bekommen. Ich wurde sehr säkular erzogen. Sie erzählten mir immer Geschichten, wie toll sie es fanden, neue Orte zu entdecken und fremde Kulturen kennenzulernen. Ob es nun um Reisen, Politik oder ums Essen ging: Sie haben mir beigebracht, dass ich einfach alles ausprobieren sollte.

Entscheidung Meine Eltern wollten nicht, dass ich ihr Leben einfach wiederhole. Mein Vater war Psychologe, er starb als ich 15 war. Meine Mutter und meine Großmutter haben mich und meine beiden jüngeren Brüder daraufhin allein großgezogen. Meine Mutter arbeitete in der Schülerberatung eines Gymnasiums. Als Kind wollte ich auch Psychologe werden. »Entscheide für dich selbst und finde deinen eigenen Weg«, haben mir meine Eltern dann immer gesagt, und so tat ich es auch.

Zwischen all den Menschen, die ich in Südamerika kennenlernte, traf ich auch ein Mädchen aus Deutschland. Die Freundschaft entwickelte sich zu einem romantischen Verhältnis, woraufhin auch mein erster Deutschlandbesuch folgte. Er öffnete mir ein Tor: für Deutschland, die deutsche Kultur, seine Einwohner und die Mentalität. Ich war wirklich von allem hier fasziniert und genoss den Aufenthalt damals sehr.

Dieses Land selbst zu erleben, war mit dem, was ich in der Schule lernte, nicht zu vergleichen. Zwar erfährt man, dass Deutschland und Israel heute eine freundschaftliche Beziehung pflegen, aber man lernt auch sehr viel über die Vergangenheit. Da ich wieder nach Deutschland kommen wollte, entschloss ich mich während meines Bachelorstudiums, an einem Test für den Master in Düsseldorf teilzunehmen. Ich bestand ihn und kam hierher.

Schwerpunkt des Studiums ist die Europäische Union in all ihren Facetten: sowohl die Institutionen, die Entwicklung von Zeiten des Konflikts zur Kooperation und Integration bis hin zur Außenpolitik der EU. Hintergedanke dabei ist offensichtlich auch, die EU als eine Art Vorbild für den Nahen Osten zu betrachten.

Das ist wohl der Grund, warum man hier Jordanier, Palästinenser und Israelis zusammenbringen will. Hier können wir auf neutralem Boden miteinander diskutieren und eine gemeinsame Basis finden. Diese Möglichkeit gibt es leider nirgends im Nahen Osten.

chance Ich sehe es als einen großen Bonus an, zusammen mit Palästinensern und Jordaniern zu studieren. Meine Mutter sagte mir, es wäre großartig, wenn ich mit einigen von ihnen Freundschaften schließen könnte. Im israelischen Alltag gibt es kaum Berührungspunkte zwischen Palästinensern und Israelis, Freundschaften sind ungewöhnlich.

Wenn man sich Diskussionen öffnet, erweitert man auch seinen Horizont. Man lernt, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und die Gegenseite zu verstehen. Wenn man eine bessere Zukunft für die gesamte Region erreichen möchte, muss man lernen, auch die andere Seite zu verstehen.

Einmal wollte ich hier in Düsseldorf mein Fahrrad reparieren lassen, das ich auf dem Flohmarkt erstanden hatte. Ich ging also zu dem Verkäufer – immerhin hatte ich 50 Euro dafür bezahlt. Doch er weigerte sich. Neben ihm stand ein anderer Mann, Mohammed hieß er, allem Anschein nach ein religiöser Muslim.

Er hatte mir damals eines seiner Fahrräder angeboten, aber ich hatte mich für das des anderen entschieden, weil es rot war und ich rot eben mag. Mohammed erkannte mich, und ich fragte ihn, ob er mir nicht helfen könne. Er wollte es versuchen; wenn es ihm gelänge, sollte ich ihm fünf Euro geben.

Palästina Während er an dem Fahrrad bastelte, unterhielten wir uns. Er fragte mich, wo ich herkomme, und ich antwortete ihm, dass ich aus Israel sei. Er war ein wenig überrascht und sagte mir, dass es zwar aus seiner Sicht Palästina hieße, aber wir alle menschliche Wesen seien und es nur wichtig sei, dass die Menschen gut seien und nicht, wo sie herkämen.

Das berührte mich. Danach erzählte er einfach weiter, von seiner Frau und den Kindern und wie er nach Deutschland gekommen war. Er wirkte sehr nett. Zum Schluss sagte er mir, dass er noch nie zuvor einem Israeli begegnet sei und bisher nicht gewusst habe, dass es auch nette Israelis gäbe. Irgendwie freute ich mich, dazu beigetragen zu haben, dass er seine Vorurteile abbauen konnte.

An einem anderen Tag fuhren meine Kommilitonen und ich nach Bonn ins »Haus der Geschichte«. Ich saß im Zug und unterhielt mich mit einigen Jordaniern über den Nahen Osten. Wir redeten über alles Mögliche, über den Iran, Syrien und Assad. Neben uns saß ein deutscher Mann und sagte nichts. Als wir fertig diskutiert hatten und gerade aussteigen wollten, kam er zu mir und sagte: »Assad wird nicht gehen. Denn er ist eine Marionette Israels, und Israel wird das nicht zulassen.«

Ich antwortete nur: »Okay, das ist deine Meinung, akzeptier’ ich«, denn ich kannte ihn nicht und war nicht in der Stimmung, irgendeine Unterhaltung mit ihm zu beginnen. Leider ließ er nicht locker: »Ich habe zwar kein Problem mit den Juden, aber die israelische Regierung und die Israelis sind verfluchte Mörder und Killer.«

Ich dachte: Nicht das schon wieder. Die Jordanier verstanden überhaupt nicht, was los war, es wirkte surreal. »Erzähl deinem Premierminister, dass er ein Mörder ist«, legte der Mann nach. Und ich antwortete nur: »Alles klar, ich hab ihn auf Schnellwahltaste.«

Nahostkonflikt Das Problem heute ist, dass jeder das Bedürfnis hat, zu allem seine Meinung zu äußern, selbst wenn er keine Ahnung davon hat. Die Leute lesen etwas in der Zeitung und urteilen sofort. Europäer neigen dazu, sich auf die Seite des vermeintlich Schwächeren zu stellen, und Israel ist das in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr.

Also ergreifen viele Leute reflexartig für die Palästinenser Partei, ohne sich genauer über den Konflikt zu informieren. Ich bin zwar auch ein Kritiker meiner Regierung – ich würde nie behaupten, dass in Israel alles richtig läuft –, aber entscheidend ist, dass die Dinge von beiden Seiten anders angegangen und gelöst werden sollten.

Vielleicht schaffe ich es, später einen Job zu finden, wo ich meinen Master in European Studies mit meinem Bachelor in Homeland Security und Nahoststudien verbinden kann. Es ist wichtig im Leben das zu tun, was einem gefällt.

Aufgezeichnet von Igor Mitchnik

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