Diebstahl

Ermittlung gegen unbekannt

Irgendetwas stimmte mit dem jungen Mann nicht, das spürte Monika Bunk sofort. »Verdruckst« habe der Besucher des Synagogenkonzerts vor zwei Wochen gewirkt, berichtet die stellvertretende Vorsitzende der Marburger Gemeinde. Normalerweise kennt die Gemeindevorsitzende fast jeden Synagogenbesucher in der Universitätsstadt. Den auffälligen Mann jedoch hatte sie bisher noch nie gesehen. Ungewöhnlich aufmerksam schaute er sich die Bereiche des Hauses an, die von den Videokameras nicht erfasst werden. »Der Typ wirkte einfach nicht koscher«, sagte Bunk.

torakrone Ihr Gefühl hatte die Marburgerin nicht getäuscht. Der unbekannte Besucher versteckte sich offenbar nach Ende des Konzerts in dem Gotteshaus und ließ sich über Nacht einschließen. Die Videoaufnahmen zeigen, dass alle Besucher das Gebäude nach dem Konzert wieder verlassen haben – mit Ausnahme des verdächtigen Mannes. Spät in der Nacht flüchtete er dann unbemerkt mit mehreren Gegenständen über das Obergeschoss aus der Synagoge. Zum Diebesgut gehörten eine silberne Torakrone, der Inhalt einer Spendenbox und ein Laptop.

»Vor allem der Raub unserer Torakrone war für uns ein Schock«, berichtet Bunk. Die Krone sei zwar, anders als von der Marburger Polizei angegeben, nicht mit Edelsteinen besetzt und habe auch nicht rund 5000 Euro gekostet, wie nach dem Diebstahl unter anderem das Nachrichtenmagazin Focus geschrieben hatte. »Ihr religiöser und symbolischer Wert ist für uns jedoch unersetzbar«, betont Bunk. Umso glücklicher war sie, als die Torakrone drei Tage nach dem Diebstahl wieder auftauchte. Sie wurde in unmittelbarer Nähe des Tatorts gefunden und befindet sich inzwischen wieder in der Obhut der Gemeinde.

motive Der Diebstahl in Marburg ist kein Einzelfall: In jüngster Zeit mehren sich in Deutschland die Diebstähle von Judaica. Die Motive der Diebe sind dabei so unterschiedlich wie das Diebesgut selbst. Im Fall der Marburger Torakrone vermutet die Polizei finanzielle Motive. Für religiöses Diebesgut gibt es durchaus einen Markt: So werden zum Beispiel auf vielen Flohmärkten Judaica mit teils fragwürdiger Herkunft zum Verkauf angeboten.

Nach Angaben der Polizei ist zudem nicht auszuschließen, dass Judaica aus Synagogen sowie Schoa-Gedenkgegenstände auch in der rechten Szene begehrt sind, wo sie als »Trophäe« herumgereicht oder zur »Belustigung« zerstört werden. Dies trifft womöglich auch auf den Anne-Frank-Gedenkbaum zu, der vergangene Woche in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in Frankfurt am Main von Unbekannten gefällt und abtransportiert wurde.

flohmarkt Auf einem Flohmarkt wird möglicherweise zurzeit auch der kostbare Jad der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld angeboten. Auf dem Gemeindetag in Berlin Ende November wurde der Torazeiger von einem Unbekannten aus dem Aron Hakodesch gestohlen, wie die Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld, Irith Michelsohn, berichtet. Sie hatte den Jad und die Sefer Tora extra für den liberalen Gottesdienst zum Gemeindetag nach Berlin mitgebracht und in einem eigens dafür vorgesehenen Schrank untergebracht.

»Als ich am Samstag vor dem Mincha-Gebet den Toraschrank öffnete, war der Jad auf einmal verschwunden«, erinnert sich Michelsohn. Für die Gemeinde sei der Diebstahl ein Schock gewesen. Der Torazeiger ist über 120 Jahre alt und wurde bei der Zerstörung der Synagoge in Werther bei Bielefeld am 9. November 1938 gerettet. »Es gibt definitiv einen Markt für den geklauten Torazeiger«, ist die Geschäftsführerin überzeugt. Nachdem sie in Berlin noch am Tag des Diebstahls Anzeige erstattet hatte, bat die Polizei sie um ein Foto des Torazeigers, damit die Ermittler auch in einschlägigen Online-Foren recherchieren können.

Aufklärung Doch anders als im Marburger Fall verlaufen die Ermittlungen in Berlin bisher alles andere als erfolgversprechend. Zwar ermittelt die betreffende Dienststelle nach wie vor, befragt Zeugen und führt Gespräche mit möglichen Tatverdächtigen. Sonderlich hoch ist die Wahrscheinlichkeit aber nicht, dass der Diebstahl des Jad aufgeklärt werden kann.

Vonseiten der Berliner Polizei verlautete, dass der Torazeiger wohl kaum noch gefunden werden könne. Anders als ein Fahrrad habe ein Jad schließlich keine Fahrgestellnummer – und im Unterschied zu einem Kirchturm sei ein Torazeiger auch nicht so auffällig, dass man seinen Verbleib schnell ausfindig machen könne.

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