Geschichte

Erinnerung zum Hören

Ein kleiner Vogel blieb der tschechischen Jüdin Margit Herrmann (1921–2003) zeitlebens in Erinnerung. Ein Vogel, der auf der Hüfte der Leiche einer jungen Frau in Bergen-Belsen saß. Dort war Margit Herrmann am 15. April 1945 befreit worden. Die erste Nacht in Freiheit verbrachte sie in einem Zelt auf einer Wiese. Das erste Stück Privatsphäre nach langen Jahren in verschiedenen Konzentrationslagern.

Am Vorabend hatte sie die vielen Leichen auf der Wiese noch kaum beachtet. Zu sehr hatte der Lageralltag mit dem allgegenwärtigen Tod solche Bilder verdrängt. Doch am Morgen nach der Befreiung, als sie vor der nicht mehr zu identifizierenden jungen Toten stand, wurde ihr bewusst, dass auch sie hier hätte liegen können. Das kleine Rotschwänzchen flog davon – für sie ein Zeichen, dass das Leben weiterging. Und doch: Das Bild der Toten blieb in ihr Gedächtnis eingebrannt – in ihren Fieberträumen verwandelte sie sich in ihr zweites Ich.

Ermüdung Ihre Erinnerungen sind Teil von acht Berichten Schoa-Überlebender, die Barbara Distel und Wolfgang Benz jetzt als Hörbuch im Verlag Dachauer Hefte veröffentlicht haben. »Jeder Bericht ist exemplarisch und steht für einen Ort der Verfolgung und des Leids«, steht im Begleittext zu der CD. Vorgestellt wurde diese im Jüdischen Gemeindezentrum vom Verlag gemeinsam mit dem Kulturzentrum der IKG und der Arbeitsgruppe München von »Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.«.

Erst wenige Tage vor dieser Veranstaltung hatte Saul Friedländer in einem großen »Zeit«-Interview gesagt: »Irgendwann wird man Bücher über das Dritte Reich und den Holocaust lesen wie heute Cäsars Gallischen Krieg. So wird es kommen, da hilft nichts.« Es tue ihm weh, so zitierte die Leiterin des Kulturzentrums, Ellen Presser, weiter, dass sich eine Ermüdung beim Thema Holocaust zeige. »Aber ich sehe nicht, wie sich das ändern ließe. Für die neue Generation, jetzt die Urenkel, ist es schon weit weg«.

Ellen Presser will diese düstere Prognose nicht teilen. Die Dachauer Hefte sind eine ihrer Hoffnungen dafür. Zeitzeugen wie Wladislaw Bartoszewski bis Paul Steinberg, von Thomas Toivi Blatt bis Ruth Bondy, von Jan Karski und Gerhart Riegner über Selig Rosenblum bis Simone Veil sind auch im Kulturzentrum immer wieder zu Wort gekommen. Und die Zeugnisse der Ermordeten wie Petr Ginz, Ruth Maier und Ilse Weber sind unvergessen, weil ihnen Rezitatoren wie Wolf Euba und Caroline Ebner eine Stimme liehen und sie damit wiedergaben.

Das taten sie auch bei der Vorstellung des Hörbuches, zu der Wolfgang Euba die Idee hatte. Gemeinsam mit seiner Kollegin Caroline Ebner und den Herausgebern der Dachauer Hefte konnte er die Realisierung nun präsentieren.

Botschaft Dass die Erinnerung notwendig auch mit dem Blick auf das Heute ist, unterstrich Barbara Distel: »Unsere Gesellschaft braucht die Auseinandersetzung weiterhin, denn sie zeigt auch die kleinen Schritte, mit der die Geschichte der Barbarei begann.« Wolfgang Benz war überzeugt: »Zeitzeugen verstummen nicht.

Die Klage, wie es um die Erinnerung weitergehen wird, wenn der letzte Zeitzeuge gestorben ist, könnte den Eindruck erwecken, diese könnten alles mit ins Grab nehmen. Die Botschaft ist aber auch da, wenn es sie nicht mehr gibt, in Büchern, Filmen und auf Festplatten gespeichert.« Und zu den anwesenden Überlebenden gewandt, meinte er: »Ihr alle, ihr seid doch längst unsterblich.«

Wolfgang Benz und Barbara Distel (Hg.): »Die Zeitzeugen sind nicht verstummt. Gesprochene Erinnerungen.« Es sprechen Wolf Euba und Caroline Ebner. Verlag Dachauer Hefte, Dachau 2010, 14 Euro.

Hamburg

Jüdische Zukunft an der Elbe

Debattieren, begegnen und einander stärken: Mehr als 400 junge Erwachsene setzten beim Jugendkongress ein Zeichen

von Joshua Schultheis, Mascha Malburg, Moritz Piehler  05.03.2026

Berlin

Jüdisches Krankenhaus sucht weiter nach neuem Träger

Das insolvente Jüdische Krankenhaus Berlin soll zunächst weiter in Eigenverwaltung saniert werden. Der Krankenhausbetrieb wird in dieser Zeit in vollem Umfang aufrechterhalten

 05.03.2026

Reaktionen

Zwischen Sorge und Hoffnung

Jüdinnen und Juden mit iranischen Wurzeln verfolgen intensiv die Nachrichten – sie bangen mit den Israelis und hoffen, eines Tages wieder in den Iran reisen zu können. Wir haben uns umgehört

von Katrin Richter, Christine Schmitt  04.03.2026

Thüringen

Doppelkonzert eröffnet Jüdisch-Israelische Kulturtage

Nach stornierten Flügen gelingt dem israelischen Sharon-Mansur-Trio aus Haifa doch noch die Anreise nach Deutschland. Jetzt starten die Jüdisch-Israelischen Kulturtage Thüringen gemeinsam mit israelischen und iranischen Künstlern

 04.03.2026

Daniel Grossmann

»Wir bleiben sichtbar«

Der Münchener Dirigent erhält die Wilhelm-Hausenstein-Ehrung

von Esther Martel  04.03.2026

München

Verbunden aus Überzeugung

Die IKG ehrte Personen, die sich für die jüdische Gemeinschaft einsetzen

von Esther Martel  04.03.2026

Bedrohung

»Abstrakte Gefährdungslage«

Wegen des Kriegs im Nahen Osten sind die jüdischen Gemeinden in Deutschland alarmiert. Zugleich geht der Zentralrat davon aus, dass der Kampf gegen die Mullahs langfristig Sicherheit schafft

von Helmut Kuhn  04.03.2026

»Schir Haschirim« in Berlin

Acht Kapitel Geheimnisse

In der Synagoge Pestalozzistraße wird das Hohelied Salomos in einer Vertonung des israelischen Komponisten Daniel Akiva uraufgeführt

von Christine Schmitt  04.03.2026

Programm

Kleine Großstadtdetektive, ein musikalischer Golem und Gespräche: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 5. bis zum 12. März

 03.03.2026