Vorbereitung

Erinnerung und Umkehr

Der Klang des Schofars soll uns erinnern und ermahnen. Foto: Rafael Herlich

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Erinnerung und Umkehr

Was Gemeindemitglieder mit dem Monat Elul verbinden

von Christine Schmitt  12.09.2016 19:30 Uhr

Wenn Rosch Haschana beginnt, ist der Sommer zu Ende, denke ich jedes Jahr», sagt Manfred Friedländer, Initiator des Betraumes im Seniorenzentrum Berlin. Er ist mit dem Spruch aufgewachsen: «Wenn die Juden Feiertage haben, dann scheint die Sonne.» Für Elul scheint es ja noch zu stimmen.

Der 81-Jährige hat die Erfahrung gemacht, dass man im Alter häufig an früher denkt, vor allem jetzt im Monat Elul und kurz vor den Hohen Feiertagen. So ist ihm bewusst geworden, dass er sein Überleben seiner Mutter zu verdanken hat, die während der Schoa zum Christentum konvertierte und auf diese Weise ihn und seinen Vater schützen konnte. Gute Freunde haben ihnen geholfen, in der Illegalität zu überleben.

Daran muss er speziell in diesen Tagen denken. Aber auch daran, dass er sich als Kind oft einsam gefühlt hat. «Vielleicht komme ich deshalb heute mit dem Alleinsein gut zurecht.» Er findet immer etwas, womit er sich beschäftigt, sei es Lesen, Schreiben oder irgendeine Recherche im Internet. Was ihn aber besonders mit Blick auf das vergangene Jahr freut, ist, dass es nun regelmäßig einen Rabbiner für die Gottesdienste in dem Betraum gibt, für den er gekämpft hat.

Freude Bernhardt Effertz hat als Gemeindevorsitzender in Hamburg in den zurückliegenden Monaten viele Diskussionen erlebt. «Diese Zeit sollte man nutzen, um aufeinander zuzugehen und aneinander Freude zu haben.» Es seien schwierige Zeiten, und er spüre bei den Gemeindemitgliedern Angst, vor allem wegen der Bedrohung durch den IS und die Terrorangriffe in Belgien und Frankreich im vergangenen Jahr. Die jüdische Gemeinschaft soll ein Ort sein, an dem alle «zur Ruhe kommen», meint er.

«Bereuen kann ich persönlich nichts im vergangenen Jahr, aber natürlich mache ich Fehler», sagt der 70-Jährige. Er sei ein friedlicher Mensch mit sonnigem Humor, charakterisiert er sich selbst. Manche Dinge würde er heute vielleicht anders angehen als früher. Aber als Gemeindevorsitzender müsse er in manchen Situationen auch schnell Entscheidungen treffen, da könnten durchaus Fehler passieren. Und viel Zeit zum Reflektieren bleibe ihm auch während des Elul nicht.

An den Feiertagen geht er in die Synagoge, und anschließend gibt es ein Festessen zu Hause. Er kocht gern gemeinsam mit seiner Frau. Außerdem backt er leidenschaftlich gern. Brot und Challa werden von ihm allwöchentlich in den Ofen geschoben.

Auch Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen in Erfurt, spürt Unruhe unter den Mitgliedern. Angst hat er keine, aber er bemerkt, dass sich viele Gemeindemitglieder Sorgen wegen der Extremisten machen. Der 72-Jährige wünscht sich, die Atmosphäre verbessern und die Gemeindemitglieder beruhigen zu können. Die Menschen sollten Vertrauen in den Staat haben, die Polizei und der Verfassungsschutz arbeiteten gut. Er selbst sucht gerne das Gespräch und besucht deshalb regelmäßig Jugendliche im Gefängnis, um mit ihnen zu reden.

Familie Der Elul sei eigentlich ein Monat der Ruhe und Besinnung, meint Reinhard Schramm. Dennoch nimmt er sich Zeit für Zeitzeugengespräche und nimmt an Gottesdiensten und Synagogenführungen teil. Hinzu kommen Fahrten zur Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald. Schramm verbringt viel Zeit in der Gemeinde – und denkt auch in diesen Tagen an seine Eltern. Sein nichtjüdischer Vater hatte sich nicht von seiner Frau scheiden lassen und somit die Familie vor der Ermordung gerettet.

Die Angehörigen seiner Mutter wurden umgebracht. Sein Vater verlor damals seinen Job als Lehrer und musste sich als Hilfsarbeiter durchschlagen. Ein kommunistisches Ehepaar unterstützte die Familie. «Mein Vater hat uns das Leben gerettet – und dann ist er gestorben.» Als seine Mutter mit ihm nach Palästina emigrieren wollte, bekam er Keuchhusten, und somit konnten sie nicht fahren. «Sie war dann mit ihrem Leben in der DDR zufrieden und musste keine Angst mehr haben.»

Umkehr und Gnade fallen Oshra Levy bei dem Stichwort Elul sofort ein. Sie engagiert sich in der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg und bereitet als Köchin alle großen Feiern vor. Während des normalen Alltages würde sie nicht ständig nachdenken, sagt sie. Aber für sie sei es wichtig, jeden Tag noch einmal Revue passieren zu lassen.

Lerneinheiten Die 61-Jährige möchte sich jeden Tag für das Leben bedanken – unabhängig von einem Kalender. Dazu gehören für sie auch die Lerneinheiten. «Aber das ganze Leben ist ja eine Lerneinheit», sagt die gebürtige Israelin, die schon seit mehr als 20 Jahren in Oldenburg lebt. Für sie ist es auch wichtig, das Schofar zu hören, das wachrütteln soll. Freitags vor Schabbat wird es in diesen Tagen in der Synagoge geblasen, und zwar wechseln sich mehrere Beter ab. «Ich bin auch dabei.»

Sie sei ohnehin ein Mensch, der viel nachdenke, auch ohne den Monat Elul, sagt Rachel Dohme. Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Hameln versucht stets, «immer besser zu werden». Über jeden Gottesdienst, den sie gestaltet hat, grübeltsie anschließend noch lange nach und überlegt, was noch besser hätte sein können. «Dann denke ich, da sind wieder zwei eingeschlafen, und ich weiß, dass ich noch anregender sein müsste.»

Seit 20 Jahren engagiert sich Rachel Dohme und baute die Gemeinde mit auf, die mittlerweile 200 Mitglieder zählt. Vor 34 Jahren kam sie aus den USA nach Deutschland, und die Tage vor den Feiertagen sind für sie auch Tage der Rückbesinnung und der Erinnerung vor allem an ihre Eltern. «Ich erinnere mich gerne daran, wie ich neben meinem Vater gesessen habe, wenn er so schön sang.» An die ersten Herbsttage in diesem Jahr wird Rachel Dohme wahrscheinlich immer mit viel Freude denken, weil die Tochter vor Kurzem geheiratet hat.

Pläne «Ich nutze die Zeit des Elul, um besondere Gebete für die Feiertage herauszusuchen und das große Essen zu planen», sagt Salva Boterasvili, Vorstandsmitglied der Jüdischen Gemeinde Aachen. Er sei einer der strenggläubigsten Juden in Aachen, meint der 65-Jährige über sich, und werde für die Vergebung seiner Sünden beten. In diesem Jahr kommen seine Kinder und Enkelkinder – insgesamt zwölf Personen – zu Besuch, um die Feiertage zu begehen. Da die Familien in Belgien und in den USA leben, müsse alles gut vorbereitet sein.

Er besucht – sofern er in Aachen ist – alle Gottesdienste, die immer freitags und samstags abgehalten werden. In diesen Tagen blasen der Rabbiner und ein Gemeindemitglied abwechselnd das Schofar. Seit 25 Jahren wohnt der gebürtige Georgier, der zwischendurch auch in Moskau gelebt hat, in Aachen.

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