Hans Lamm

Engagiert und weltoffen

Im Sommer 2013 jährt sich der 100. Geburtstag von zwei Männern, deren Freundschaft ihren Anfang 1920 in der zweiten Klasse der St.-Anna-Schule nahm. Der 71-jährige Schalom Ben-Chorin formulierte 1985 im Nachruf auf den Jugendfreund: »Hans Lamm war ein bewusster Jude und nicht minder bewusster Weltbürger, und doch waren die Wurzeln seiner Existenz tief eingesenkt in den Boden seiner Geburtsstadt München.« In nur einem Satz hatte der Religionsgelehrte das Wesen und Wirken des Publizisten, Politikers, Kulturvermittlers und Kommunikationstalents umfasst.

Hans Lamm kam als zweiter Sohn der Eheleute Ignaz und Martha Lamm am 8. Juni 1913 in München zur Welt. Vieles, was typisch für Münchner jüdische Familiengeschichten war, bündelt sich in seiner Biografie. Der Vater stammte aus Buttenwiesen, die Mutter, geborene Pinczower, aus Ratibor.

»Zuagroaste« Beide waren Zugewanderte, »Zuagroaste«, verkörperten die Verbindung von Land- und Ostjudentum. Und so wuchs der Junge in einem sehr jüdisch geprägten Elternhaus auf, das gleichzeitig Wert auf eine solide Ausbildung der Söhne legte. Als Abiturient des Jahrgangs 1932 konnte Hans Lamm noch ein Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität aufnehmen. Ein Jahr später jobbte er nurmehr in der Sozialabteilung der jüdischen Gemeinde und verfasste Artikel im Israelitischen Familienblatt über »Fruchtbare Jugendarbeit«.

Sein Engagement im Jugenderziehungswesen, als Assistent des Leiters des Jüdischen Lehrhauses und der Gemeindebibliothek markierten bereits die Eckpunkte seines späteren beruflichen wie ehrenamtlichen Engagements: die Liebe zu Büchern, die Leidenschaft zur Wissensvermittlung, der lebenslange Einsatz für jüdische Belange.

Die Jahre 1937 und 1938 verbrachte der Ex-Jura- und Journalistik-Student in Berlin, wo er sich an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums der Judaistik zuwandte. Dass er im Juli 1938 in die USA auswanderte, verdankte er dem Drängen seines älteren Bruders Heinrich. 1946 kam der frisch gebackene Amerikaner nach München zurück und arbeitete als Gerichtsdolmetscher für US-Behörden.

Autor Bei dem aktiven und kreativen Mann nimmt es nicht Wunder, dass er 1947 den American German Youth Club gründete. 1950 taucht sein Name als Autor in den Nürnberger Nachrichten auf, wo er polemisch fragt: »Hat Europas Kultur keine Zukunft mehr?«. Für die seit 1947 erschienene Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland – Vorgängerin der Jüdischen Allgemeinen – schrieb er seit 1954.

Wie man aus der hervorragenden Magisterarbeit von Andrea Sinn, die 2008 unter dem Titel Und ich lebe wieder an der Isar – Exil und Rückkehr des Münchner Juden Hans Lamm erschien, erfährt, gehörte Lamm »zu den Juden in Deutschland, die sich aktiv in das Kulturleben der Bundesrepublik und Berlins einbrachten: Lamm tat dies in seiner Funktion als Kulturdezernent des Zentralrats der Juden in Deutschland und Gründer des Ner-Tamid-Verlags«.

Wahrgenommen wurde er auch während seiner IKG-Präsidentschaft, die vom 8. März 1970 bis zum 23. April 1985, seinem Todestag, währte. Eine seiner Visionen war die Errichtung eines Jüdischen Museums in München. Die Verwirklichung seines Traums gelang erst in der Verknüpfung mit der Vision seiner Amtsnachfolgerin Charlotte Knobloch. Sie hatte sich das Ziel gesteckt, die jüdische Gemeinde auch sichtbar wieder ins Zentrum der Stadt München zu bringen.

SPD Hans Lamm, der sich kommunalpolitisch als Sozialdemokrat und bildungspolitisch von 1961 bis 1979 als Abteilungsleiter der Münchner Volkshochschule engagierte, hat nicht wissen können, dass seine Gemeinde zwischen 1990 und 2005 wieder auf Vorkriegsgröße anwachsen und ein neues Jüdisches Zentrum in München entstehen würde. Er war noch schwerpunktmäßig der Repräsentant einer Überlebenden-Gemeinde.

In der Traueranzeige der IKG hieß es 1985: »Wir verlieren in Dr. Hans Lamm einen der bedeutendsten Vertreter des deutschen Judentums, der als engagierter Jude und Kosmopolit sein Leben und sein Wirken in den Dienst der zwischenmenschlichen Verständigung gestellt hat.«

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