Erlangen

Endlich zu Hause

Freudentanz: Die Torarollen auf dem Weg in die Rathsberger Straße in Erlangen Foto: Christian Schiele

Zuerst Hauptstraße 34, dann Hindenburgstraße 38 und jetzt Rathsberger Straße 8 1/3 – die jüngste und kleinste jüdische Gemeinde in Bayern, die Kultusgemeinde Erlangen, hat am vergangenen Sonntag ihr neues Gemeindezentrum samt Synagoge eingeweiht. Darin hat sie Übung, schließlich war die Gemeinde seit ihrer Gründung als Verein im Jahr 1997 bereits in drei verschiedenen Domizilen untergebracht. Für Hanna Bander, die stellvertretende Gemeindevorsitzende, war die Eröffnung trotzdem etwas ganz Besonderes: »Es ist ein Meilenstein, und es symbolisiert ja auch, dass wir da sind.« Ein paar Kratzer und Schrammen habe die Gemeinde in den vergangenen Jahren zwar schon bekommen, sagte Bander in ihrer Begrüßungsrede. Nun sei sie aber mehr als glücklich, im neuen Gemeindezentrum zu stehen.

Bereits im Dezember vergangenen Jahres ist die Gemeinde in die zentral gelegene historische Villa am Burgberg gezogen. Seitdem wird kräftig renoviert – Wände wurden durchbrochen, neue Leitungen verlegt, Möbel geschleppt. Einige Räume konnten aber schon vor der offiziellen Eröffnung benutzt werden. Zum Beispiel der Männer‐ und der Frauengebetsraum im Erdgeschoss oder der Kiddusch‐ Raum, die koschere Küche und das Büro im ersten Stock. Dennoch ist die Sanierung nicht abgeschlossen, aus den frisch gestrichenen Wänden hängen immer noch Stromkabel, die ins Leere führen. Die Gemeinde hat nicht die finanziellen Möglichkeiten, um alle erforderlichen Arbeiten auszuführen. »Man soll ruhig sehen, dass wir finanziell nicht so gut ausgestattet sind. Das ist auch der Grund dafür, dass einige Lampen noch nicht hängen«, sagt Hanna Bander.

mahnen Getrübt hat das die Feierlichkeiten am Sonntag nicht. Angeleitet von Rabbiner David Goldberg aus Hof zog die Gemeinde mit den Torarollen in das neue Haus ein. Dort wurde es ganz schön eng. Während zu den Schabbat‐Gottesdiensten im Schnitt gerade einmal 30 Juden kommen, suchten am Sonntag rund 150 Gäste einen Platz. Einige mussten die Feier auf der Treppe mitverfolgen. Die Reden wurden per Lautsprecher in das gesamte Haus übertragen. Innenminister Joachim Herrmann (CSU), der die bayerische Staatsregierung vertrat, mahnte, die richtigen Lehren aus der nationalsozialistischen Vergangenheit zu ziehen. Applaus erhielt er für seine Aufforderung, sich »jeder Form von Rechtsradikalismus, Intoleranz und Antisemitismus entgegen zu stellen«.

Auch Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats der Juden, machte den Antisemitismus zum Thema. Immer noch zögen braune Gruppierungen durch deutsche Städte. Und die judenfeindliche Gesinnung der in Deutschland lebenden Muslime steige. Am längsten sprach sie dann aber über die aktuelle Diskussion um den Angriff auf den »Hilfskonvoi«, der versuchte, die Gaza‐Blockade zu durchbrechen. Die Empörung, die Israel und den Juden seitdem entgegenschlage, sei erschreckend.

feiern Diskussionsstoff gab es also genug, als das Buffet eröffnet wurde. Die Häppchen wurden in der koscheren Küche zubereitet, die die Gemeinde aus der alten Heimstätte in der Hindenburgstraße mitgebracht hat. Den Umzug schulterte die Gemeinde größtenteils selbst. Bei den Umbauarbeiten packte der Inhaber der Villa kräftig mit an. Außerdem freute sich die Gemeinde über Spenden. Allein die Erlanger Sparkasse half mit 10.000 Euro aus. Rund 6.000 Euro kamen von Privatpersonen. Insgesamt kostet der Umzug allerdings rund 80.000 Euro. Am teuersten sind die Sicherheitsmaßnahmen, sagt Martin Ubl, Sicherheitsbeauftragter der Gemeinde. »Wir müssen dafür sorgen, dass niemand einen Molotowcocktail durch die Scheiben schmeißen kann.« Wie wichtig solche Maßnahmen sind, zeige der Brandanschlag auf die Wormser Synagoge Mitte Mai. Die Erlanger Juden hätten bislang aber noch keine größeren Probleme mit Gewalttätern gehabt.

bleiben Weniger Glück hatte die Gemeinde mit ihren Unterkünften. Die Erlanger Juden mussten in ihrer 139‐jährigen Geschichte bereits fünfmal umziehen. Eine eigene Immobilie hat die Gemeinde nie besessen. Deshalb dauerte es nach der Reichspogromnacht auch ganze 62 Jahre, bis sie wieder einen eigenen Gebetsraum hatte. Nun ist die Gemeinde froh, eine Bleibe für ihre 120 Mitglieder gefunden zu haben. Erst im März 2008 waren die Erlanger Juden in das Erdgeschoss einer anderen Villa gezogen. Doch kaum acht Monate später wurde der Mietvertrag wieder gekündigt, weil einer der Eigentümer nicht damit einverstanden war, dass das Erdgeschoss als Synagoge genutzt wird.

Einen eigenen Rabbiner hat die Gemeinde nicht, dazu ist sie zu klein. Es gibt aber natürlich einen Ansprechpartner. Einmal wöchentlich schaut der Lubawitscher Rabbiner Eliezer Chaim Chitrik vorbei, betreut die Mitglieder und gibt Religionsunterricht. Hanna Bander hofft, dass er nach all den Querelen der letzten Zeit noch viele Jahre in die Rathsberger Straße 8 1/3 kommen wird. Und dass die Jüdische Kultusgemeinde Erlangen nun eine Bleibe gefunden hat, die von Dauer ist.

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