Schach

Einfach nur gespielt

Leonid Sawlin bei den Europäischen Makkabispielen im Sommer 2015 Foto: Gregor Zielke

Das erste Spiel bei der Schach-Europameisterschaft der Junioren verlor Leonid Sawlin. »In diesem Moment dachte ich, es wäre vielleicht schlauer gewesen, zu Hause zu bleiben und einfach zur Schule zu gehen, anstatt nach Kroatien zu fahren«, beschreibt der 16-Jährige rückblickend seine Gefühle. Doch nun war er da, im kroatischen Porec, und die EM ging weiter. Zwei Wochen später hatte der junge Schachspieler seine Meinung geändert: Es hatte sich doch gelohnt, zur Schach-EM zu fahren. Denn die folgenden Partien gewann er. Das Finale beendete er mit einem Unentschieden, und am Ende reichte es sogar für den Titel. Er spielte so gut, dass er den Pokal mit nach Hause nehmen konnte.

Mit gerade einmal 16 Jahren ist der Sportler von TuS Makkabi Berlin somit amtierender Europameister der Altersgruppe U16. Es ist seine 115. Auszeichnung. Nach dem Leben eines durchschnittlichen Teenagers klingt das nicht gerade.

ausnahmetalent Neben Sawlins bisher gewonnenen 80 Medaillen und 34 Pokalen schmückt seitdem der Pokal aus Porec seinen Vitrinenschrank – ein Glanzstück mehr, das seine ältere Schwester nun mit abwischen darf, denn die Geschwister teilen sich die Hausarbeit. Die 18-Jährige ist für das Abstauben und Wäschewaschen zuständig, während Leonid Staub saugt, die Spülmaschine ausräumt und den Müll hinausbringt. Es gibt ihn also doch, den ganz gewöhnlichen Alltag im Leben eines Europameisters.

Dass er überhaupt diesen Titel errungen hat, überrascht den schüchternen Schüler noch immer. »Ich dachte nicht, dass ich noch etwas reißen könnte nach der ersten Partie«, gibt er geradeheraus zu. Bescheiden und zurückhaltend wirkt er, obwohl er bereits so viele Titel gewonnen hat und von Fachleuten als »Ausnahmetalent« gelobt wird, darunter vom Deutschen Schachbund, der sich zusammen mit Makkabi über Leonids EM-Titel freute: Immerhin ist es das erste Mal seit 19 Jahren, dass eine Goldmedaille nach Deutschland ging.

»Wir sind überglücklich«, jubelte Isak Lat von TuS Makkabi Berlin nach der EM. Leonid sei »ein toller Jugendsportler«, aber dass er gleich mit einem Titel nach Hause kommt, sei »ein Traum«.

strategie Während Verein und Verband ihrer Begeisterung freien Lauf lassen, bleibt der junge Europameister eher still. Er scheint sich genau zu überlegen, was er sagt. Die EM an sich habe ihn gar nicht so sehr interessiert, meint er nachdenklich. Er habe »einfach nur gespielt« und sich vor Ort an den Tipp seines Trainers Alexander Lagunow gehalten: die Zeit, in der der Gegenspieler über seinen nächsten Zug nachdenkt, für den Entwurf eigener Strategien zu nutzen.

Bei anderen Partien sei er immer herumgelaufen und habe anderen Spielern über die Schulter geschaut, sagt er. Doch diesmal war er an seinem Platz geblieben und konzentrierte sich auf die nächste Runde. »Ich war aber in keinem Spielrausch«, wehrt er auf seine nüchterne Art ab.

Vor den Partien habe er sich immer gründlich auf den jeweiligen Gegner vorbereitet, etwa indem er in einer Datenbank dessen Strategien studierte: Wie eröffnet er die Partie? Welche Spielzüge bevorzugt er?

In der Datenbank erfahren die Gegenspieler allerdings auch alles über Leonids Eigenheiten. »Auf mich kann man sich leicht vorbereiten, ich spiele immer gleich«, meint er lächelnd. Manchmal gebe es aber auch Überraschungen, etwa wenn der Gegner sich unerwartet ganz anders verhält. Er sei »schon stolz« auf sich gewesen, gibt Leonid zu. Denn er habe »etwas erreicht«.

Blitzpartien Leonid konnte kaum laufen, da hatte er als Zweijähriger schon die Figuren auf dem Schachbrett aufgestellt. Kein Wunder, schließlich spielen sowohl sein Vater als auch sein Großvater leidenschaftlich gerne Schach. Sein Großvater hatte schon dem Vater Regeln und Strategien nahegebracht – Leonid lernte von beiden.

Während sein Großvater, der in den USA lebt, Schach inzwischen nur noch als Hobby betreibt, sind sein Vater und er bei Makkabi aktiv. Sie spielen in einem Team und ziehen in der Oberliga die Bauern und Damen.

Immer freitags, wenn er seinen Vater besucht – die Eltern leben getrennt –, spielen sie zusammen Blitzpartien. »Wir nehmen es locker und machen Späße«, erzählt Leonid. Wenn sein Vater verliert, liege es daran, dass »Leonid ihn so abgelenkt« habe, zitiert der Sohn den Vater schmunzelnd. Wer verliert schon gern gegen einen Europameister?

sportlich Besser als mit Leonids Titelgewinn hätte die Saison für Makkabi nicht starten können. Leonid hofft, dass sie als Mannschaft aufsteigen können. Dann sagt er etwas Überraschendes: »Schachspielen bedeutet mir nicht mehr so viel wie früher.« Und das, obwohl er nun so weit gekommen ist. Denn er möchte lieber Fußball spielen. Deshalb trainiert er seit dieser Saison viermal pro Woche für den SC Charlottenburg als Innenverteidiger. »Ich schätze mich als schlecht ein«, bekennt er freimütig.

Ganz so schlecht kann er jedoch auch als Fußballer nicht sein, denn als sich Leonid im vergangenen Sommer in der höchsten Liga Berlins bewarb, bestand er auf Anhieb das Probetraining. Doch in der neuen Mannschaft habe er noch nicht richtig Fuß gefasst, sagt er. Im alten Team sei er mit vielen Mitspielern befreundet gewesen und fühle sich nun doch noch etwas fremd, erzählt er.

»Ich bin auch schlecht in der Schule«, meint er über sich selbst. Kaum zu glauben, doch Leonid hat den Eindruck, dass seine Lehrer – er besucht die elfte Stufe eines Gymnasiums in Kreuzberg – »nicht viel« von ihm halten.

Grossmutter Fast immer hat er bis 17 Uhr Unterricht, danach geht er zum Fußballtraining. Mittags besucht er die Eltern seiner Mutter, die nahe der Schule um die Ecke wohnen. »Meine Oma ist für mich der wichtigste Mensch«, sagt er. Er hänge an der ganzen Familie, doch zu ihr habe er eine besonders enge Beziehung.

Die Familienmitglieder sind in den 90er-Jahren als jüdische Kontingentflüchtlinge aus Leningrad nach Deutschland gekommen. Beide Großeltern wurden 1938 geboren. »Vor ihren Augen kann man kein Essen wegschmeißen«, sagt der Enkel. Denn sie haben den Krieg miterlebt. Ab und zu erzählen sie von ihren Erlebnissen – dem Hunger, der Blockade, dem Krieg. »Das interessiert mich sehr.«

Am liebsten aber legt Leonid seine Beine hoch und »chillt«. »Das könnte ich den ganzen Tag«, sagt er und wirkt auf einmal plötzlich doch wie ein ganz normaler Teenager.

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