Berlin

Eine Torarolle für die Zukunft

Nathan Gelbart ist von Anfang an mit dabei. Der heute 60-jährige Anwalt erinnert sich, wie Rabbiner Yehuda Teichtal mit seiner Frau Leah im August 1996 aus New York nach Berlin kamen. In einer Wohnung an der Ballenstedter Straße in Wilmersdorf luden sie zu ersten Lernstunden und Gottesdiensten ein. Die Beter saßen damals auf Klappstühlen. Nicht an jedem Schabbat kam gleich ein Minjan zusammen. Doch bald wurde die Gemeinschaft immer größer.

»Der Zuspruch war von Beginn an immens«, erinnert sich Gelbart im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. »Die Leute sind aus anderen Synagogen gekommen, weil sie gemerkt haben, wie herzlich man empfangen wurde und wie toll die Gottesdienste abliefen. Und es entstanden aus dem Nichts auf einmal viele Aktivitäten, die es in den Jahrzehnten zuvor hier nicht gegeben hat.«

Es folgten einige Jahre im Chabad-Haus an der Augsburger Straße. 2007 konnte dann in der Münsterschen Straße das Jüdische Bildungszentrum eröffnet werden. Und 2023 folgte der Jüdische Campus mit Kindergarten, Grundschule und dem Gymnasium. Heute zählt die Gemeinde nach eigenen Angaben rund 4.000 Mitglieder, 11 Synagogen und Begegnungszentren, 13 Rabbiner und insgesamt 150 Mitarbeiter.

Stände und Foodtrucks

Vor dem Jüdischen Campus wurde am Sonntag das Jubiläum gefeiert. Eigentlich war das Straßenfest bereits am 28. Juni geplant, musste damals aber wegen einer amtlichen Unwetterwarnung abgesagt werden. Nun wurde es nachgeholt. Und auf der eigens abgesperrten Westfälischen Straße in Wilmersdorf drängelten sich bereits mittags die Besucher vor den Ständen und an den Foodtrucks. Kinder konnten sich bei zahlreichen Mitmachaktionen vergnügen. Und auf der Bühne gab es bei strahlendem Sonnenschein ein buntes Programm mit Kita- und Schulgruppen sowie den Auftritten des französischen Musikers Shlomo Toaty und des israelisch-iranischen Ensembles Sistanagila.

Beim Festakt am Nachmittag begrüßte Rabbiner Teichtal, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin, die zahlreichen Gäste, allen voran den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner. Der CDU-Politiker sagte: »Ihr spaltet nicht, sondern ihr seid Brückenbauer. Ihr reicht Hände. Und das brauchen wir viel häufiger in unserer Stadt Berlin.«

Dass Teichtal vor 30 Jahren nach Berlin kam, sei ein Glücksfall für die Sichtbarkeit jüdischen Lebens und den Zusammenhalt in der Stadt gewesen. Wegner betonte, dass jüdisches Leben jetzt Schutz und Unterstützung benötige. »Denn ich möchte in keinem Berlin leben, wo jüdisches Leben nicht sichtbar ist.« Wegner wünschte weitere 30 Jahre »für Zusammenhalt, für das Brückenbauen zwischen den unterschiedlichen Gruppen in der Stadt und für die Sichtbarkeit jüdischen Lebens«.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Auch Ron Prosor, der israelische Botschafter in Deutschland, würdigte die Gemeinde. Er lobte Rabbiner Teichtal, der »Judentum für alle geöffnet« habe und dessen Engagement Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbinde. Jüdisches Leben in Berlin, »das tagtäglich bedroht ist«, müsse auch weiterhin sichtbar bleiben. Dazu brauche es die Unterstützung der Politik auf allen Ebenen.

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Gemeindemitglied Sophie Mahlo wandte sich in ihrer Rede direkt an Leah und Yehuda Teichtal: »Damals wie heute habt ihr eine felsenfeste jüdische Identität. Ihr wisst, wo ihr herkommt, und ihr wisst, wo ihr hinwollt.« Beide hätten eine Vision, sie seien voller Selbstbewusstsein, Zuversicht und Tatendrang. Mahlo dankte auch für die Unterstützung und Inspiration in herausfordernden Zeiten: »Ihr habt uns ein Zuhause gebaut.«

Rabbiner Teichtal erklärte, dass das Jubiläum eine Zeit großer Dankbarkeit sei – »gegenüber allen, die uns in den vergangenen 30 Jahren begleitet und unterstützt haben«. Er erwähnte die Vision des Rebben, Menachem Mendel Schneerson. Und er sei dankbar für das Erreichte und richte nun den Blick nach vorn. Dieser Tag sei nicht das Ende einer Geschichte, er sei der Beginn eines neuen Kapitels. Und das trotz des wachsenden Antisemitismus.

Reale Gefahren

Die Gefahren seien leider real. Doch dürfe man nicht dadurch definiert werden. Juden seien keine Opfer: »Wir sind Gestalter als Teil der Gesellschaft. Und das ist unser Auftrag: Wir wollen ein lebendiges, positives, offenes, jüdisches Miteinander in der Stadt.«

Symbolisch steht dafür die »Tora für Deutschland«, deren Fertigstellung beim Straßenfest am Sonntag begonnen wurde. Ein aus Hamburg angereister Sofer brachte mit weißer Feder und schwarzer Tinte die ersten Buchstaben aufs Pergament. Kai Wegner und andere Ehrengäste, darunter die Spitzenkandidaten und Spitzenkandidatinnen der demokratischen Parteien, die sich in drei Wochen zur Wahl des Abgeordnetenhauses stellen, durften dem Schreiber assistieren.

Rabbiner Yehuda Teichtal sagte, dass zum ersten Mal eine neue Torarolle in Deutschland begonnen werde und auch hierzulande fertiggestellt werden solle. »Es wird eine Torarolle für die Zukunft«, rief er aus.

Zukünftiges Gotteshaus

Apropos Zukunft: Die Gemeinde plant, dass die Synagoge im Jüdischen Bildungszentrum ihr derzeitiges Angebot auf rund 600 Plätze mehr als verdoppeln soll. Die Besucher konnten am Sonntag mithilfe einer Virtual-Reality-Brille einen Blick in das zukünftige Gotteshaus werfen. Der Baubeginn ist für das kommende Jahr geplant.

»Das ist insgesamt eine Erfolgsgeschichte, auf die wir alle stolz sein können«, bemerkte Nathan Gelbart mit Blick auf die vergangenen 30 Jahre sowie die anstehenden Projekte. Er fügte hinzu, »dass die Luft für die jüdische Community dünner wird«, nicht nur in Berlin, sondern in ganz Deutschland. »Und auch deswegen ist es wichtig, dass die Angebote, bei denen sich jüdische Menschen noch sicher und zu Hause fühlen können, erhalten bleiben und sich zudem erweitern können.« ddk

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