Franken

Eine Synagoge in sechs Monaten

Historische Bauwerke haben es Siegfried Schwinn angetan. Der 70-Jährige aus Unterfranken baut nicht nur Schlösser, Burgen und Kirchen im Kleinformat nach. Auch eine bewundernswerte Synagoge hat er in Miniatur erstellt.

Es ist jene jüdische Gebetsstätte, die nahezu 50 Jahre lang im fränkischen Bad Königshofen (Landkreis Rhön-Grabfeld) existierte. Sie wurde in der NS-Zeit geschändet, später vollkommen eingeebnet. Nur noch ein Gedenkstein in der Bamberger Straße erinnert daran, wo sie stand.
Dank Schwinns handwerklicher Kunst steht die Synagoge nun zumindest als Modell zur Verfügung.

Beim Nachbau ging es darum, eine sichtbare Verbindung zum jüdischen Erbe herzustellen. Wenn der Rentner konzentriert Holzstäbchen auf Holzstäbchen legt, um das Original im Maßstab 1:100 nachzubilden, zeigt sich die künstlerische Begabung des ehemaligen Fabrikarbeiters, der am 11. August 1949 in dem kleinen Ort Zimmerau nahe der Landesgrenze zu Thüringen zur Welt kam.

Kulturprägend Wichtig ist dem Hobbykünstler, der heute in Sylbach, einem Ortsteil der Stadt Haßfurt im Landkreis Haßberge, lebt, dass bei seinen Werken die Kirchen und Gebetsstätten nicht zu kurz kommen. Denn sie prägen deutlich die religiöse Kultur des Frankenlandes. Der überwiegende Teil der Bevölkerung identifiziert sich damit in Tradition und Brauchtum.

Pfarrer Frank nannte die Synagoge ein »bleibendes Denkmal ihres Glaubens und ihrer Gottesliebe«.

Der Handwerker misst zunächst an Ort und Stelle den Grundriss des Objektes aus. Seine Frau Gisela ist mit dabei. Sie stellt sich mit einem drei Meter langen Zollstock vor das ausgewählte Bauwerk. Der Künstler macht ein Foto, anhand dessen er später die Höhe des Gebäudes abschätzen kann. So erspart er sich eine mühevolle Vermessung.

Bei der Synagoge war es allerdings anders. Hier war Siegfried Schwinn auf historische Bilder angewiesen. Auch eine Luftaufnahme stand zur Verfügung. Das war die Basis, um Proportionen und Größe für den Nachbau ermitteln zu können. Viel Arbeit, bevor die eigentliche beginnen kann.

Auftrag Die Synagoge gehörte zu Schwinns wenigen Auftragsarbeiten. Erteilt hatte sie der Verein für Heimatgeschichte im Kreis Grabfeld. Das Gebäude war von 1903 bis 1904 im neugotischen Stil erbaut worden.

Damals vermerkte der damalige Pfarrer Frank laut historischer Aufzeichnung: »Die israelitische Gemeinde wird es gewiss niemals bereuen, aus eigenen Kräften den Bau hergestellt zu haben, der ein bleibendes Denkmal ihres Glaubens und ihrer Gottesliebe ist. Ich glaube keinem Widerspruch zu begegnen, wenn ich sage, dass der geschmackvolle, elegante, formgerechte Bau es auch verdient, ein Schmuck für Königshofen und eine Zierde des ganzen Grabfeldgaus genannt zu werden.«

Der fromme Wunsch hielt nicht lange: Beim Novemberpogrom 1938 wurde der Innenraum von den Nazis zerstört. Im Krieg diente die Synagoge als Unterkunft für australische Kriegsgefangene. 1951 wurde sie abgetragen.

Siegfried Schwinn stellte sich der Herausforderung, die Synagoge aus kleinen Hölzern akribisch im Modell nachzubauen. Sechs Monate benötigte er dafür. »Etwas schwierig war anfänglich die Imitation der Rundbogenfenster«, erzählt der Hobbybastler. »Letztlich konnte ich sie aber maßgerecht in den Bau integrieren«, freut er sich noch nachträglich.

Freilich geht nicht immer alles glatt über die Bühne. »Es passiert auch mal ein Fehler bei der feinfühligen Arbeit«, gibt der Künstler zu. So kann es vorkommen, dass die Maße in der Länge oder Breite nicht 100-prozentig zusammenpassen und eine Korrektur erfordern. Geht alles gut, setzt der Rentner millimetergenau ein Holzstäbchen auf das andere.

Freude Wichtig ist ihm, dass sich Menschen über dieses Handwerk freuen. Wenn seine Arbeit wertgeschätzt werde, sei dies nicht nur der größte Lohn seiner Mühen, sondern auch Ansporn für weitere Bauwerke. Die Zahl der Bewunderer ist indes groß. Als er etwa die Burg Lisberg bei Bamberg nachgebaut hatte, meldete sich prompt ein Kaufinteressent. Eigentlich wollte Siegfried Schwinn die Burg nicht hergeben – tat es schließlich schweren Herzens doch und schaute seinem Werk wehmütig hinterher.

Das Geschaffene habe für ihn einen hohen ideellen Wert. »Wenn es weg ist, habe ich es nicht mehr vor Augen – das tut dann schon ein bisschen weh«, sagt er.

Mehr als 2000 kleine Bastelhölzer braucht der Rentner im Durchschnitt für ein Bauwerk. »Fenster fertige ich mit Kunststoff- und Balsaholz. Das Fachwerk bepinsele ich mit roter Farbe, damit auch alles originalgetreu aussieht.« Für den Unterbau seiner Objekte verwendet er hauptsächlich Sperrholz. Auch Streichhölzer kommen zum Einsatz, teils sogar bereits verwendete. Hinzu kommen Schere, Messer – und viel Klebstoff.

»Meine Arbeitsstunden habe ich noch nie gezählt«, sagt Schwinn. »Auf jeden Fall kommen da eine ganze Menge zusammen.« Für das Schloss Unsleben im Landkreis Rhön-Grabfeld zum Beispiel habe er rund drei Monate gebraucht. »Es macht natürlich einen Unterschied, ob ich täglich durchgehend arbeite oder größere Pausen einlege.«

Für den Bau der Synagoge nimmt Schwinn Streichhölzer und Kleber.

Für den Bau der Synagoge nimmt Schwinn Streichhölzer und Kleber. Für die Synagoge investierte der Hobbykünstler ein halbes Jahr an Arbeitszeit. Er machte dabei mehrere Pausen, zumal es nicht ganz einfach gewesen sei, alle Holzelemente formgerecht zu platzieren. Hoch konzentriert saß Schwinn vor dem Objekt, um alle Details originalgetreu ins rechte Licht zu rücken.

Eines seiner weiteren Meisterwerke ist das Modell des 1900 infolge eines Blitzeinschlags abgebrannten Schlosses von Kleineibstadt im fränkischen Grabfeld. Dort lebten früher viele hochgeachtete jüdische Familien. Das Schloss galt als eine der schönsten Renaissanceanlagen Unterfrankens. Aus einem Buch über Burgen und Schlösser hatte der Bastelkünstler von dem Brand des ihm bis dahin völlig unbekannten Gebäudes erfahren.

Ehrenplatz Siegfried Schwinns Renaissancebau in Miniatur hat längst seinen Ehrenplatz in Kleineibstadts Gemeindekanzlei. Emil Sebald, bis Ende der Legislaturperiode 2020 Bürgermeister, freute sich stets, in der Erzählung der Ortsgeschichte auf das Schloss im Dorf hinzuweisen und das gelungene Modell zu präsentieren. »Schaut doch bitte mal her, so hat unser abgebranntes Schloss einmal ausgesehen!«, rief er seinen Besuchern zu – etwa Schulkameraden, die bei einem Klassentreffen ihre ehemalige Schule inspizierten und aufmerksam an dem Schlossmodell vorbeigingen.

Zu seinem Hobby kam Siegfried Schwinn 1975 eher durch Zufall. Bei einer schlesischen Familie in Sylbach entdeckte er eine Windmühle. Sie faszinierte ihn so sehr, dass er sie unbedingt im Kleinformat nachbauen wollte. Das Ergebnis gefiel ihm, sodass er sich bestärkt sah, auch die Synagoge in Bad Königshofen im Modell zu errichten. Mittlerweile sind rund 20 filigrane Meisterwerke entstanden. Heute zeigt sich die Synagoge in Miniatur als kleines, hübsches Bauwerk zum Anfassen und hat nun einen Platz im Museum.

Sally Bein

Reformpädagoge in schwieriger Zeit

Ein deutsch-israelisches Autorenduo zeichnet das Leben und Wirken filmisch nach

von Alicia Rust  23.02.2026

Lesen

Mehr als eine Familiengeschichte

Jan Mühlstein stellte im Gemeindezentrum sein neues Buch vor, das persönliche Erinnerungen mit europäischer Geschichte verknüpft

von Esther Martel  23.02.2026

Beni-Bloch-Preis

Jugend erinnert

Die Jüdische Gemeinde Frankfurt am Main vergibt die Auszeichnung an Gedenkprojekte von Schülerinnen und Schülern aus Hessen

von Katrin Richter  23.02.2026

Porträt der Woche

»Das wird mein Leben«

Mayan Goldenfeld verliebte sich in die Opernwelt und wurde Sängerin

von Gerhard Haase-Hindenberg  23.02.2026

Göttingen

Ehrendoktortitel für Holocaust-Überlebenden Leon Weintraub

Auch Ehrung mit Friedenspreis geplant

 23.02.2026

Berlin

Gedenken an Proteste von 1943 in der Rosenstraße

Der Protest von wahrscheinlich mehreren hundert Frauen in der Berliner Rosenstraße während der zwölfjährigen NS-Diktatur gilt als beispiellos. An den lange vergessenen Widerstand wird am Donnerstag erinnert

 23.02.2026

München

Religiöse Heimat

Die Stadtteilsynagoge Sha’arei Zion in der Georgenstraße ist seit Jahrzehnten ein Zentrum jüdischen Lebens in Schwabing

von Esther Martel  22.02.2026

Interview

»Alija machen ist wie vom Zehnmeterturm springen«

Sie haben Deutschland verlassen und sich für ein Leben in Israel entschieden. Was hat sie dazu bewogen? Ein Gespräch mit vier »Olim« über Zionismus, einen rastlosen Alltag und die Zukunft des Judentums in der Diaspora

von Joshua Schultheis  19.02.2026

Programm

Lesung, Erkundung, Abrechnung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 19. Februar bis zum 25. Februar

 19.02.2026