Neuss

Eine neue Synagoge nach 83 Jahren

Feierliche Einbringung der Torarolle Foto: Jan Popp-Sewing

Ein großer Tag für eine der ältesten Städte Deutschlands: Die Juden in Neuss konnten am Sonntag die Eröffnung ihrer Synagoge und die Wiedereröffnung des Alexander-Bederov-Gemeindezentrums feiern – 83 Jahre nach der Zerstörung der alten Synagoge durch die Nazis.

Deutschlands neueste Synagoge in der Neusser Nordstadt bietet Raum für etwa 80 Menschen. Daneben, durch eine Tür getrennt, befindet sich ein Gemeindesaal für rund 130 Personen. In eine der Fassaden ist ein Davidstern eingearbeitet.

Provisorien Feierlich trug Rabbiner Aharon Ran Vernikovsky die Torarolle unter Violinenklängen über die Schwelle. Projektkoordinator Bert Römgens legte die Rolle behutsam in den neuen Toraschrein. Am Sonntag endete auch eine Zeit der jahrelangen Provisorien für die circa 600 Gemeindemitglieder aus Neuss und dem Umland. Organisatorisch gehören sie als Filialgemeinde zur Gemeinde Düsseldorf.

Seit 2008 hatten die Neusser Juden am Standort des heutigen Gemeindezentrums einen ausgedienten Kindergarten als Synagoge genutzt.

Oded Horowitz, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, erinnerte an die vielen Jahrhunderte jüdischer Geschichte in Neuss. Eine Synagoge war 1867 eingeweiht worden. Der Neubeginn nach der Schoa verlief zaghaft. Erst der Zuzug russischsprachiger Juden in den 90er-Jahren änderte die Lage.

»Langsam schlug jüdisches Leben wieder Wurzeln«, sagte Horowitz. Dazu gehörte auch die Eröffnung von Kitas, Schulen und Gemeindezentren. Er wünsche sich, »dass dieses Zentrum ein Raum für jüdisches Leben, aber auch ein Raum der Begegnung, des Austauschs mit der Neusser Stadtgesellschaft, sein wird«.

Hagen NRW-Heimatministerin Ina Scharrenbach (CDU) kam auf den verhinderten Anschlag auf die Synagoge in Hagen zu sprechen. »Antisemitismus ist immer auch ein Seismograf dafür, wie es um unsere Demokratie steht«, mahnte die Ministerin. Die Lehre aus der Geschichte könne nur sein: »Wir als gesamte Gesellschaft dulden keinerlei Antisemitismus. Wir wehren den Anfängen, ehe aus Worten Taten werden.«

Harry Schnabel, Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden, unterstrich, dass Gemeindezentren als Orte des Zusammenhalts und der Identitätsbildung wichtig seien. Sie seien aber auch Orte der Kommunikation. Das beinhalte auch die Möglichkeit, der Mehrheitsgesellschaft zu vermitteln, dass jüdisches Leben mehr umfasse als nur die Themen Antisemitismus, Schoa oder den Nahostkonflikt.

2008 hatten die Neusser Juden am Standort des heutigem Gemeindezentrums einen ausgedienten Kindergarten einer katholischen Gemeinde  übernommen. Ein einfacher Flachbau, der bald »aus allen Nähten platzte«.

2018 schlossen die Stadt Neuss und die Düsseldorfer Gemeinde einen Vertrag über den Neubau von Synagoge und Gemeindezentrum. Neuss stellte 1,5 Millionen Euro bereit. Weitere Mittel kommen vom Land. Die Pandemie brachte den Bauplan letztlich nur wenig durcheinander.

Lesen Sie mehr in der kommenden Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen.

Würdigung

Renate Wagner-Redding wird Ehrenbürgerin von Braunschweig

Die ehrenamtliche Gemeindevorsitzende engagiert sich seit Jahrzehnten für die jüdische Gemeinschaft. Jetzt soll sie Ehrenbürgerin werden

von Lilly Wolter  29.09.2022

Eva Szepesi

»Ich suchte sie mit den Augen«

Die Zeitzeugin über den Verlust der Familie, Überleben und ihre jahrelange Sprachlosigkeit

von Christine Schmitt  29.09.2022

Ichenhausen

Neue Talkreihe in alter Synagoge

Hoher Besuch in der ehemaligen Synagoge Ichenhausen: Der CSU-Ehrenvorsitzende und frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel tritt dort am Freitag als Premierengast der »Ichenhausener Synagogengespräche für die Zukunft« auf

 28.09.2022

Vorwürfe gegen Abraham Geiger Kolleg

Zentralrat der Juden weitet Ermittlungen aus

Bislang wurden 75 Interviews mit Betroffenen, Hinweisgebern und Verantwortungsträgern geführt. Erste Ergebnisse Ende 2022 erwartet

 28.09.2022 Aktualisiert

Porträt der Woche

Buchstaben und Noten

Dimitri Dragilew ist Dichter und widmet sich als Pianist auch russischen Komponisten

von Christine Schmitt  27.09.2022

Amtseinführung

Musikalischer Fingerabdruck

Kantor Assaf Levitin hat in der Jüdischen Gemeinde Hamburg viel vor

von Heike Linde-Lembke  24.09.2022

Rosch Haschana

Über sich hinauswachsen

Drängende Aufgaben waren 5782 in großer Zahl zu bewältigen. Auch im kommenden Jahr werden uns alte und neue Herausforderungen begleiten

von Charlotte Knobloch  24.09.2022

Berlin

Challe: Es geht rund

Laurel Kratochvila backt in Friedrichshain

von Katrin Richter  24.09.2022

ZWST

»Die Willkommenskultur ist unvorstellbar«

Ilya Daboosh über Hilfen für Geflüchtete, die besondere Rolle von Schoa-Überlebenden und Rosch Haschana

von Leticia Witte  24.09.2022