Köln

»Eine Katastrophe für die Stadt«

Fundstück Tierknochen Foto: Alexander Stein

Es schien sicher: Köln bekommt ein jüdisches Museum. Unter dem Namen »Colonia Judaica« sollte es in der geplanten Ausstellung an der Archäologischen Zone beim Rathausplatz einen Schwerpunkt bilden – eingebunden in 2.000 Jahre Stadtgeschichte.

Dass Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) die Realisierung aber neuerdings abhängig macht von der Bereitschaft des Landschaftsverbandes Rheinland (LVR), den Großteil der Betriebskosten zu übernehmen, sorgt für Beunruhigung: »Es ist höchste Zeit, ein Museum zu etablieren«, sagt Abraham Lehrer vom Vorstand der Kölner Synagogengemeinde. »Das Projekt sterben zu lassen, wäre eine Katastrophe für die Stadt.«

Verhandlungen Der LVR bestätigte der Jüdischen Allgemeinen, dass er derzeit Verhandlungen mit der Stadt Köln führe. Eine denkbare Beteiligung liege zwischen etwa der Hälfte und drei Viertel der Kosten, einen Stichtag für eine Entscheidung gebe es aber nicht.

Kulturdezernent Georg Quander hofft auf ein Ergebnis spätestens im Herbst. Bis dahin liefen die Grabungen auf dem Rathausplatz uneingeschränkt weiter. Auch die Museumsplanung dauere an, schließlich gebe es einen positiven Ratsbeschluss.

Der sei aber nicht unumstößlich, heißt es aus der Pressestelle des Oberbürgermeisters: Roters sei zwar »hochgradig interessiert, dass das Projekt ins Laufen kommt«, käme die Kooperation mit dem LVR aber nicht zustande, »würde man das der Politik mitteilen müssen«. Offenbar scheut Köln die sechs Millionen Euro Betriebskosten pro Jahr. Dabei hat die nur eingeschränkt begehbare Archäologische Zone schon mehr als 500.000 Neugierige angezogen – nächtliche Zaungäste nicht mitgezählt.

Einzigartig Projektleiter Sven Schütte bekräftigt indes den Wert eines jüdischen Museums. Das physische Zeugnis des aschkenasischen Judentums in Köln sei einzigartig und das internationale Interesse groß – viele Stadtrundfahrten führten schon jetzt am Grabungsareal vorbei. Zusammen mit anderen für die Geschichte der Aschkenasim bedeutenden Orten strebe man deshalb den Eintrag als UNESCO-Weltkulturerbe an.

Mitunter sind es aber ganz einfache Dinge, die die Wissenschaftler motivieren: Vergnügt erzählt Schütte, dass er regelmäßig von israelischen Touristen auf die hebräische Inschrift an der Latrine unter dem Synagogenhof angesprochen werde – dort steht auf einem Sturz: »Das ist das Fenster, aus dem die Scheiße hinausgeworfen wird.« Im Museumsshop wäre eine entsprechende Postkarte ein Verkaufsschlager, so Schütte, viele wollten sie für ihr heimisches Badezimmer.

Arbeitstiere Sein Kollege Hubert Berke analysiert die Tierknochen des Quartiers, derzeit die aus dem »Haus des Juden Lyvermann«. Die dort entdeckten Rinderkiefer zäher Arbeitstiere stünden im Kontrast zu den Überresten exklusiver Wild- und Importtiere unter der mittelalterlichen Synagoge, so der Archäozoologe.

»Man muss dieses Wissen der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen«, sagt Berke. »Dass man solche Funde jüdischen Haushalten zuordnen kann, ist einmalig in Deutschland.« Kulturdezernent Quander gibt sich optimistisch: Mit Ausnahme der CDU sei der Beschluss ja von allen Parteien gefasst worden.

Also doch eine Colonia Judaica? Dem Tourismus vermutlich wenig förderlich wäre jedenfalls die Schlagzeile: »Das ist die Stadt, die ihr jüdisches Viertel schon wieder begraben hat.«

Rothenburg

Unter dem Pflaster

Als im vergangenen Sommer bei Grabungsarbeiten die Fundamente einer Synagoge entdeckt wurden, war das eine Sensation. Messungen zeigen nun: Sie war eine der großen

von Marc Peschke  23.03.2026

Kulturprogramm

Von Spezialitäten und Zumutungen

Der Schriftsteller Dmitrij Kapitelman las im Jüdischen Gemeindezentrum aus seinem jüngsten Buch

von Nora Niemann  23.03.2026

Neukölln

Rechts und links der Sonnenallee

Ein Stadtspaziergang führt auf jüdischen Spuren durch den ehemaligen Arbeiterbezirk

von Pascal Beck  23.03.2026

Schule

Vernetzt für die Zukunft jüdischer Bildung

Direktoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz treffen sich in München zum Austausch

von Esther Martel  22.03.2026

Porträt der Woche

Sprache als Zuhause

Michal Zamir betreibt eine hebräische Privatbibliothek und einen literarischen Salon

von Alicia Rust  22.03.2026

Flora

Sehnsucht nach Kirschblüten

Neben einigen Synagogen gibt es Gärten, um die sich Gemeindemitglieder kümmern. Sie ernten Äpfel, grillen oder feiern im Grünen. Ein Streifzug zum Frühlingsanfang

von Christine Schmitt  21.03.2026

Geburtstag

Holocaust-Überlebender Abba Naor wird 98

Der Zeitzeuge, dessen Mutter und Bruder in Auschwitz ermordet wurden, kämpfte in Israels Unabhängigkeitskrieg und war später Mossad-Agent

 20.03.2026

Eröffnung

Ausstellung in Osnabrück beleuchtet Antisemitismus

2026 jährt sich das Ende der ersten jüdischen Gemeinde in Osnabrück zum 600. Mal. Mit einer Ausstellung erinnert das Museumsquartier an diese frühe Phase jüdischer Geschichte. Auch die Wurzeln des Antisemitismus werden sichtbar

 19.03.2026

Musik

»Die Verbundenheit zwischen Juden und Iranern zeigen«

Alexey Kochetkov und Kioomars Musayyebi haben ein Konzert mit jüdischer-persischer Musik gegeben. Ein Gespräch über Santur-Klänge, Politik und eine besondere Freundschaft

von Katrin Richter  19.03.2026