Standort

Eine gute Adresse

Junge Gemeindemitglieder: Sie tanzen lieber am Mendel-Platz als in der Hindenburgstraße. Foto: Holger Jacoby

»Es wäre natürlich schöner, wenn unsere Anschrift einen jüdischen Bezug hätte, aber es gibt wirklich Wichtigeres«, sagt Alexander Sperling, Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde in Dortmund, die in der Prinz-Friedrich-Karl-Straße zu finden ist. Jüdische Gemeinden können sich selten aussuchen, in welcher Straße sie logieren. Nicht immer sind sie glücklich über die Straßennamen, in denen ihre Synagogen liegen.

Die Adresse des jüdischen Kindergartens »Ernst-Moritz-Arndt-Straße« findet Sperling »natürlich schon problematischer«. Der 1796 geborene Schriftsteller und Abgeordnete der Frankfurter Nationalversammlung war ein glühender Antisemit, der von den Nazis als einer ihrer Vordenker angesehen wurde. Bisher hat man allerdings in Dortmund keine ernsthaften Versuche unternommen, den Straßennamen zu ändern. »Man möchte es sich ja nicht mit den Nachbarn verscherzen, für die Umbenennungen zunächst lästig sind«, sagt Sperling.

Vorschlag In jüngster Zeit rückt der ehemalige jüdische Oberbügermeister der Stadt, Paul Hirsch, in den Mittelpunkt des Interesses. Der wäre »durchaus ein geeigneter Namenspatron für eine Straße«, meint Alexander Sperling. Paul Hirsch, 1868 in Prenzlau geboren, hatte Medizin, Sozialwissenschaften und Nationalökonomie in Berlin studiert, war zunächst Journalist und später Politiker. 1908 als eines der ersten SPD-Mitglieder ins preußische Abgeordnetenhaus gewählt, amtierte er von 1918 bis 1920 als Ministerpräsident des Freistaates Preußen. Nach der Niederschlagung des Kapp-Putsches trat Hirsch von seinem Amt zurück, 1925 wurde er Oberbürgermeister in Dortmund.

Über Paul Hirschs Wirken in der Ruhrgebietsmetropole sind kaum noch Originaldokumente vorhanden. 1933 zwangen ihn die Nazis, sein Amt aufzugeben und versuchten anschließend, seine Spuren in den offiziellen Unterlagen der Stadt zu tilgen. Hirsch ging zurück nach Berlin, Ernest Hamburger vermerkte in seinem 1968 erschienenen Buch Juden im öffentlichen Leben Deutschlands, dass Hirsch umgehend »demonstrativ in die jüdische Gemeinde wieder ein(trat), aus der er einst ausgeschieden war«. Sieben Jahre später starb er, 71-jährig, in Berlin.

Im benachbarten Bochum war durch den Bau der Synagoge 2007 eine Sackgasse entstanden, die die Gemeinde nach ihrem ehemaligen Kantor Erich Mendel benannte. Ab 1922 war der gebürtige Westfale als Kantor und Lehrer in Bochum tätig. Mendel legte in dieser Zeit eine umfassende Sammlung jüdischer und vor allem synagogaler Musik an, die jedoch später auf seiner Flucht vor den Nazis in den Niederlanden verloren ging. 1941 wanderte Eric Mandell, wie er sich fortan nennen sollte, in die USA aus, um erneut eine Sammlung aufzubauen, die er 1970 dem Gratz-College, das dadurch zu einer der bedeutendsten Bibliotheken jüdischer Musik wurde, vermachte.

Bedeutung Wie schnell eine Straßenumbenennung gehen kann, hat Schwerin vorgemacht. Rabbiner William Wolff hatte dem SPD-Politiker Rudolf Conradis das Haus gezeigt, in dem Samuel Holdheim, von 1840 bis 1847 Landesrabbiner des damaligen Herzogtums Mecklenburg-Schwerin, gelebt hatte. Conradis hatte angeregt, dass man den Teil des Schlachtermarkts in Landesrabbiner-Holdheim-Straße, an dem das Gemeindezentrum liegt, umbenennen könne. »Es hat nur ein paar Monate gedauert«, berichtet Rabbiner Wolff. »Es war schon sehr bedeutend, an einen wichtigen Teil der deutsch-jüdischen Geschichte zu erinnern – und an einen wichtigen Gelehrten, der den Anfang des liberalen Judentums mit bewirkt hat.« Die Umbenennung stieß auf weltweites Echo, sagt Wolff, allerdings habe sich kein Nachfahre von Holdheim gemeldet, »das ist sehr schade«.

In Bamberg wurde die Straße, an der die dortige jüdische Gemeinde liegt, vom Stadtrat unter dem von der US-Armee eingesetzten Bürgermeister Luitpold Weegmann schon 1948 in Willy-Lessing-Straße umbenannt, erzählt Gemeindevorsitzender Heiner Olmer. Der Kommerzienrat Lessing war am 9. November 1938 beim Versuch, eine Torarolle aus der brennenden Bamberger Synagoge zu retten, als Gemeindevorsitzender erkannt worden und so schwer misshandelt worden, dass er zwei Monate später an seinen Verletzungen starb. Lessing hatte in der Sophienstraße gelebt, die heute seinen Namen trägt.

Als der Darmstädter Oberbürgermeister Walter Hoffmann in seiner Rede zum 9. November erklärte, man wolle gern eine Straße nach Julius Landsberger benennen, war er vermutlich nicht auf die Antwort gefasst, die er vom langjährigen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde Moritz Neumann erhielt. »Ich sagte, da haben sie uns an ihrer Seite, ich schlage vor, es konkret zu machen und die Hindenburgstraße in Julius-Landsberger-Straße umzubenennen«, berichtet Neumann. Landsberger wirkte von 1859 bis 1888 als Landesrabbiner der Provinz Starkenburg in Darmstadt.

Mittäter »Man hat nach dem Ende der Nazizeit überall die Adolf Hitler Straßen umbenannt, da hätte man eigentlich auch alle Hindenburgstraßen umbenennen müssen«, sagt Neumann. 2007 hatten die Anwohner der Hindenburgstraße mehrheitlich dagegen gestimmt, sie in Marion- Gräfin-Dönhoff-Straße zu ändern. »Ich habe ihnen damals gesagt, dass es im Falle eines solchen Verbechers ja nun wirklich kein Problem sein dürfte, die Briefbögen zu ändern«, erinnert sich Neumann. Und hofft, dass die Straße bald nach dem Landesrabbiner Julius Landsberger heißt.

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