Hameln

Ein Zuhause

Mit dem Einzug der beiden Torarollen nimmt die Jüdische Gemeinde Hameln ihre neue Synagoge endgültig in Besitz. Künftig lautet ihre Adresse: Synagogenplatz 1. Eine der beiden Schriftrollen ist gerade aus den Vereinigten Staaten angekommen. Die New Yorker Rabbinerin Jo David hat sie mitgebracht. Vor 100 Jahren wurde sie in Deutschland gefertigt.

»Das ist ein historischer Tag für Niedersachsen«, betont der niedersächsische Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) in seinem Grußwort zur Einweihung des ersten Neubaus einer liberalen Synagoge seit 1945. Susanne Lippmann, Oberbürgermeisterin Hamelns, beglückwünscht »die Jüdische Gemeinde Hameln, den Mut und die Ausdauer« gehabt zu haben, »dieses Vorhaben zu planen und es schließlich auch zu realisieren«. Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, betont, dass heute alle Strömungen des Judentums aufblühen, mahnt allerdings, das Verbindende nicht zu vergessen.

Selbstbewusst Dieses rot verklinkerte, oval geformte zweistöckige Gebäude zeigt selbstbewusst in einem runden Fenster im Obergeschoss einen großen blauen Magen David. Das neue Gemeindezentrum tritt architektionisch zwischen den Villen und Wohnhäusern der Hamelner Bürenstraße hervor. Entfernt erinnert es an ein Nest, das Geborgenheit vermittelt, meint die Gemeindevorsitzende Rachel Dohme in ihren Begrüßungsworten. »Beitenu« – unser Haus – haben es die Mitglieder genannt, und so steht es in verschieden großen hebräischen Lettern an der Glastür im Eingang.

Für Polina Pelts hat dieser Name eine besondere Bedeutung. Vor knapp 20 Jahren kam die Zweite Vorsitzende mit ihrer Familie aus Odessa ins Weserbergland. Die studierte Ingenieurin erinnert sich an die Unsicherheit der ersten Jahre. »Hameln war zwar eine wunderschöne Stadt, aber das Land, in dem wir ein neues Leben starten wollten, war uns fremd.« Die jüdische Gruppe, in der sich die Neuankömmlinge aus der Ukraine und anderen Staaten der ehemaligen Sowjetunion versammelten, diente zuerst vor allem dem sozialen Zusammenhalt. Über das Judentum wusste kaum einer von den Neuankömmlingen etwas.

Rachel Dohme feierte Schabbat, vermittelte jüdisches Wissen in kleinen Häppchen. Seit gut acht Jahren wird die Gemeinde von der britisch-israelischen Rabbinerin Irit Shillor und Rabbinerstudenten des Abraham-Geiger-Kollegs betreut. Heute bedeutet »unser Haus« deshalb nicht nur für Polina Pelts, angekommen zu sein, auch bei den eigenen jüdischen Wurzeln – und ein Haus gebaut zu haben.

Mahnmale Auf dem Grundstück der neuen Synagoge stand von 1879 bis 1938 bereits die alte. Zeugen dieser Zeit sind noch zwei Pyramideneichen. Sie wurden vor mehr als 130 Jahren rechts und links vor das Bethaus gepflanzt. Sie haben die Zerstörungen der Pogromnacht vom 9. November 1938 überlebt. Jetzt sind sie groß und spenden Schatten. Man kann sie allerdings auch als Mahnmale verstehen, ähnlich den Gedenksteinen und Namenslisten der ermordeten Juden Hamelns, die links neben dem Eingang und vor dem Haus an die Schoa erinnern.

Am 1. Januar 2001 kaufte die vier Jahre zuvor gegründete Jüdische Gemeinde Hameln diese Fläche. Auf den noch vorhandenen Grundmauern der alten Synagoge wurde nun die neue vollendet. »Wir stehen buchstäblich auf den Schultern derer, die vor uns kamen«, beschreibt es Rachel Dohme vor den Festgästen aus Religion, Politik und Gesellschaft.

Es war zuerst ihr Traum, an dieser Stelle wieder eine Synagoge erstehen zu lassen, dann auch der Wunsch der Gemeinde. Die gebürtige Amerikanerin vermochte jedoch auch andere anzustecken, erinnert sich Hans-Georg Spangenberger, Pastoralreferent der Katholischen Kirche. Unter seiner Regie etablierte sich 2002 ein Aktionskreis »Eine Synagoge für Hameln«. Der stellte sich die Aufgabe, die Voraussetzungen für den Bau eines jüdischen Gotteshauses zu schaffen und die Projektidee zu vermitteln.

Zwei Jahre später wurde die »Stiftung liberale Synagoge Hameln« gegründet. Schirmherren wurden neben dem ehemaligen niedersächsischen Landesrabbiner Henry G. Brandt der frühere lutherische Landesbischof Horst Hirschler und Josef Homeyer, der kürzlich verstorbene frühere katholische Bischof von Hildesheim. Dieser Stiftung übertrug die Gemeinde das Grundstück, sie ist auch die offizielle Eigentümerin des neuen Gemeindezentrums.

So offen und der Gesellschaft zugewandt, wie sich die Gemeinde seit ihrer Gründung im Jahre 1997 präsentiert, will sie bleiben. »Beitenu« heiße zwar »unser Haus«, meint Rachel Dohme, ein geschlossenes solle es aber nicht werden.

Corona

Regeln für den Alltag

Die jüdischen Schulen wollen wieder regulär unterrichten, doch das wird schwierig

von Elke Wittich  13.08.2020

Hannover

»Alle Generationen sollen ihren festen Platz haben«

Rebecca Seidler über einen jungen Vorstand, Herausforderungen durch Corona und die Hohen Feiertage

von Heide Sobotka  13.08.2020

Tourismus

Von Normalität keine Spur

Tourguides berichten über ihre Erfahrungen seit Ausbruch der Corona-Pandemie

von Maria Ugoljew  13.08.2020

Düsseldorf

Endlich wieder live

Sharon Brauner und Karsten Troyke begeisterten ihr Publikum

von Roland Kaufhold  13.08.2020

Dortmund

»Nie vergessen!«

Stolpersteine erinnern an die Eheleute Hacker

von Stefan Laurin  13.08.2020

Juristin

Vorkämpferin für Gleichberechtigung

Eine Gedenkstele erinnert an Berlins erste jüdische Richterin Marie Munk

von Elke Wittich  13.08.2020

St. Ottilien

Gedenken am Ammersee

Das Kloster war erster Fluchtort für Schoa-Überlebende – ein Konzert erinnert nun an sie

von Blanka Weber  13.08.2020

Nachruf

Trauer in Chemnitz

Siegmund Rotstein, ehemaliger Gemeinde- und Landesvorsitzender, starb mit 94 Jahren

von Jürgen Nitsche  13.08.2020

München

Ein halbes Jahrtausend Geschichte

Eine Bibel aus dem Besitz von Rabbiner Cossmann Werner kehrt wieder in die Gemeinde zurück

von Helmut Reister  13.08.2020