Traumabewältigung

»Ein zentrales Thema«

»Der Holocaust ist Teil der Biografie vieler Familien und hat sie geprägt«: Vera Szackamer Foto: Christian Rudnik

Traumabewältigung

»Ein zentrales Thema«

Vera Szackamer über Workshops und Networking beim Gemeindetag

von Heide Sobotka  21.11.2016 17:21 Uhr

Frau Szackamer, Sie begleiten gemeinsam mit Barbara Traub, ihrer Kollegin im Zentralratspräsidium, den Gemeindetag und haben das Thema Traumabewältigung mit auf die Agenda gesetzt. Warum?
Ich selbst bin mit dem Satz aufgewachsen, dass man nach Auschwitz weder lachen noch weinen kann. Ich habe vor 30 Jahren meine Diplomarbeit darüber geschrieben, das Thema hat mich mein Leben lang beschäftigt. Und so glaube ich und habe es oft auch erlebt, dass es vielen Menschen und vor allem vielen Familien ähnlich geht. Der Holocaust ist Teil ihrer Biografie und hat sie geprägt.

Sie meinen auch das Schweigen in den Familien?
Ja, viele Schoa-Überlebende haben nicht gesprochen. Oder erst ganz zum Schluss und dann meist mit den Enkeln und nicht mit den Kindern. Das belastet beziehungsweise beeinflusst die Familien sehr. Die Referenten auf dem Podium, Phil C. Langer, Professor für psychoanalytische Sozialpsychologie und Sozialpsychiatrie aus Berlin, und Joram Ronel, Internist und Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie aus München, haben sich mit dem Phänomen wissenschaftlich auseinandergesetzt. Mich begleitet es seit meiner Geburt.

An wen richtet sich der Workshop: eher an Betroffene oder eher an Helfer?
Das ist das Interessante, da sind wir ganz offen und selbst gespannt darauf, wer zu uns kommt. Wir haben für den Gemeindetag das Thema »Familie« gewählt, und ich bin ganz sicher, dass die traumatisierenden Auswirkungen des Holocaust viele Familien betreffen. Verbal oder nonverbal wurde sicherlich vieles weitergegeben. Und damit ist es ein zentrales Thema, weil es eine Facette aus dem Gesamtkomplex Familie ist.

Den Gemeindetag werden hauptsächlich Angehörige der Zweiten und Dritten Generation besuchen. Wie gehen die Generationen mit dem Thema um?
Der Zweiten Generation gehören die über-60-Jährigen an, die Dritte Generation, das sind unsere Kinder, die jetzt auch schon um die 40 Jahre alt sind. Insofern gibt es jetzt auch schon eine vierte Generation. Wir wollen auch nicht zu wissenschaftlich werden, der Workshop soll ja interaktiv sein. Ich denke, es geht im Prinzip darum, zu sehen, dass es diese Auswirkungen auch in der Zweiten und Dritten Generation gibt und dass diese durch die Erfahrungen ihrer Eltern geprägt, misstrauisch oder ängstlich sind, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Folgen dieser transgenerationellen Wiedergabe der Traumata sollen besprochen werden.

Was heißt in diesem Zusammenhang interaktiver Workshop?

Das bedeutet, dass wir nicht nur oben auf dem Podium sitzen und referieren, sondern dass wir die Teilnehmer aktiv daran beteiligen wollen. Wir werden mit einem Fallbeispiel beginnen und hoffen, dass sich die Menschen öffnen werden. Ich glaube, dass es wichtig für die Teilnehmer ist, zu erleben: »Es ist nicht nur mein Problem, sondern auch eines der anderen.« Beim Gemeindetag sollen sie ein Gefühl von Gemeinschaft bekommen, das ist ganz wichtig.

Glauben Sie, dass der Workshop auch Türöffner sein kann, vielleicht doch zu sprechen?
Wir hoffen auf Vernetzung, gerade weil die Teilnehmer hier erfahren, dass es anderen ähnlich ergeht. Möglicherweise treffen sich Angehörige der Zweiten und Dritten Generation und sprechen miteinander. Ebenso erhoffe ich mir ein Networking von Experten, Ärzten, Psychiatern, Therapeuten und anderen, um damit auch Informationen weiterzugeben. Das würde ich mir wünschen.

Mit dem Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland sprach Heide Sobotka.

Brustkrebs

»Vorsorge ist entscheidend«

Hannah Arbitmann über Mammakarzinome, Gentests und die Menopause

von Katrin Richter  23.10.2026

Würdigung

Bayerischer Walk of Fame

Zwei Lebensgeschichten, ein gemeinsames Zeichen: Charlotte Knobloch und Herzog Franz von Bayern werden für ihr Engagement geehrt

von Luis Gruhler  23.10.2026

München

Auf eine Maß mit Lion Feuchtwanger

Ein neu gegründeter Stammtisch erinnert an ein Stück vergessener jüdisch-bayrischer Tradition. Ein Ortstermin

von Leon Stork  22.10.2026

Mode

Sieben Jahre Prada

Diane Bouccara erlebte als Managerin die Welt der Haute Couture bis zur Selbstaufgabe – ehe sie durch ihre Teschuwa zum orthodoxen Judentum fand

von Alicia Rust  22.10.2026

Fotografie

Nordisch by Nature

Der Fotograf Kay Michalak hat für sein neues Buch Jüdinnen und Juden aus norddeutschen Gemeinden porträtiert. Es sind Momente der Begegnung, die die Vielstimmigkeit des jüdischen Lebens zeigen

 21.10.2026

Frankfurt

Auf dem Schuk

Der neue Laden will mehr sein als ein koscherer Supermarkt: ein Ort zum Einkaufen, Plaudern und Ankommen – für die jüdische Gemeinde und das ganze Viertel

von Mascha Malburg  21.10.2026

Programm

BALAGAN, KUKURÍKU und Jazzy Diaspora: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 22. Oktober bis zum 28. Oktober

 21.10.2026

Engagement

Einsatz für jüdisches Leben und Verständigung: Grigory Rabinovich mit Verdienstorden der Bundesrepublik geehrt

 21.10.2026

Würzburg

Zentralratspräsident Josef Schuster kandidiert erneut

Der Würzburger Internist will auf der Ratsversammlung des Zentralrats der Juden am 29. November für weitere vier Jahre antreten

 22.10.2026 Aktualisiert