Nachruf

»Ein wesentlicher Impulsgeber«

Gerhard Baader sel. A. (1928–2020) Foto: Andreas Burmann

Stillstand oder gar Aufgeben waren in seinem Leben keine Option. Gerade nach dem »formalen« Ruhestand legte Gerhard Baader noch einmal los und betonte gerne, dass er immer vor neun Uhr am Schreibtisch sitzen müsse. Am 14. Juni ist der Zeitzeuge, Wissenschaftler, leidenschaftliche Bergsteiger und langjährige Gabbai der Synagoge Oranienburger Straße gestorben. Am vergangenen Freitag wurde er auf dem Jüdischen Friedhof Scholzplatz beerdigt. Er wurde 91 Jahre alt.

»Gerhard Baader war von der Gründung unserer Synagoge an eine Stütze, verlässlich da zu den Gottesdiensten. Auch noch im hohen Alter, als es ihm schon sehr schwerfiel, konnte man sich darauf verlassen, dass er, wann immer möglich, zum Minjan kam«, sagt Rabbinerin Gesa Ederberg. »Als Gabbai und später Synagogenältester war sein kluger Rat wichtig für uns als Team – viele unserer Sitzungen fanden an seinem Wohnzimmertisch statt.«

Auch das Ernst Ludwig Ehrlich Studienwerk (ELES) trauert um »unseren Freund, Begleiter, Berater« und ein wichtiges Mitglied des Beirats. »Mit seinem Wissen, seiner Lebenserfahrung und seinem verschmitzten Lächeln hat er die ELES-Familie bereichert«, sagt Rabbiner Walter Homolka.

BUNDESVERDIENSTKREUZ Unermüdlich war Gerhard Baader im Einsatz, um die Rolle der Medizin im Nationalsozialismus aufzuarbeiten. Auf diesem Gebiet galt der gebürtige Wiener als Pionier. Für dieses Engagement erhielt er 2018 das Bundesverdienstkreuz.

Zahlreiche Projekte zu diesem Thema wurden von ihm mit auf den Weg gebracht, zuletzt die Umwandlung der ehemaligen »Führerschule der Deutschen Ärzteschaft in Alt-Rehse« in eine Erinnerungs-, Bildungs- und Gedenkstätte, die den Wissenschaftler in einer Traueranzeige als »wesentlichen Impulsgeber« würdigt.

Der von ihm 1982 gegründete »Arbeitskreis für die Erforschung der Geschichte der NS-Euthanasie und Zwangssterilisation« sei bis heute ein Motor für die historische Auseinandersetzung mit dieser Seite der deutschen Vergangenheit, würdigte ihn Berlins Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) bei der Zeremonie.

Er berichtete als Zeitzeuge, unterrichtete als Wissenschaftler und betreute zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten.

Ebenso war Baader ein eifriger Netzwerker, der gerne Menschen zusammenbrachte. Als überzeugter Sozialdemokrat versuchte er, für eine gerechte Gesellschaft einzustehen.

Mit dem Ruhestand nahm seine Aktivität nicht ab. Weiter berichtete er als Zeitzeuge, unterrichtete als Wissenschaftler und betreute zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten. Ferner war er stellvertretender Vorsitzender von »Child Survivors Deutschland«. Dank seines katholischen Vaters musste er während der Nazizeit in Wien »nur« Zwangsarbeit leisten.

»JUDENBANK« Nach der Befreiung studierte er in Wien Klassische Philologie, Germanistik, Linguistik und Geschichtswissenschaft. Baader selbst hatte immer wieder Glück im Unglück: So wurde er rechtzeitig eingeschult und konnte noch vier Jahre das Gymnasium besuchen, war dort allerdings Schikanen ausgesetzt und musste etwa in der letzten Reihe, der »Judenbank«, sitzen.

Die Zwangsarbeit (1942–44) verrichtete er in einem Installationsbetrieb für Heizungen und sanitäre Anlagen. Damit entkam er der Isolation – und begann zu leben. »Ich bin ins Kino und in den Prater gegangen – alles Dinge, die uns verwehrt waren«, sagte er einmal. Ein hohes Risiko, immerhin hätte das die Deportation bedeuten können.

1993 wurde er pensioniert und ging für zehn Jahre nach Israel, um dort an der Hebräischen Universität Jerusalem zu unterrichten.

1967 zog der damals 39-Jährige nach Berlin, um als wissenschaftlicher Assistent am Institut der Medizingeschichte zu wirken. Später habilitierte er sich. 1993 wurde er pensioniert und ging für zehn Jahre nach Israel, um dort an der Hebräischen Universität Jerusalem zu unterrichten, kam dann aber wieder nach Berlin zurück und lebte die letzten Jahre als Witwer allein. Mit anderen Mitgliedern der Synagoge der Oranienburger Straße engagierte er sich für jugendliche Geflüchtete in Berlin-Spandau.

INTERVIEW In einem Interview mit dieser Zeitung antwortete er 2011 auf die Frage, ob er Angst vor dem Tod habe: »Als gläubiger Jude bin ich in einer glücklichen Lage: Der Tod bedeutet für mich keineswegs das Ende. Man kann nicht Jude sein und die Unsterblichkeit der Seele verneinen. Das ist die Spannung, die man auch als Wissenschaftler aushalten muss.«

Programm

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