Gedenken

Ein Waggon nach Israel

Ronny Dotan Foto: Stephan Pramme

Gedenken

Ein Waggon nach Israel

Ronny Dotan will einen historischen Eisenbahn-Wagen von Berlin nach Netanya bringen, um an die Schoa zu erinnern

von Christine Schmitt  17.06.2013 17:31 Uhr

Einen nachgebauten Eisenbahnwaggon in Spielzeuggröße hat Ronny Dotan immer dabei. Und wenn er seine Idee beschreiben will, dann holt er ihn aus seiner Tasche. Einen richtigen Güterwaggon, wie jene, die die Nazis verwendet haben, um Millionen Menschen in die Konzentrations- und Vernichtungslager in ganz Europa zu transportieren, möchten Dotan und seine Projektpartnerin Tatjana Ruge nach Israel bringen. Dort soll er als Gedenkstätte aufgebaut werden. Dieses Projekt ist kräftezehrend, und seit vielen Monaten kann Dotan praktisch nur an drei Sachen denken: einen Eisenbahnwagen, einen geeigneten Ort und an die Finanzierung des Projekts.

Ronny Dotans Leben änderte sich, als er im März 2012 zu einer Stolpersteinverlegung nach Berlin kam. Zwar war er vorher schon mehrmals in Deutschland gewesen, doch diesmal hatte sein Besuch Folgen. Denn vor einem guten Jahr wurden für die beiden Schwestern seiner Großmutter Gedenksteine in der Mommsenstraße verlegt – und seitdem zieht es Dotan immer wieder von seiner Heimat Tel Aviv nach Berlin, wo er mittlerweile Freunde gefunden hat. Darunter ist auch Tatjana Ruge, die sich im Stolperstein-Projekt ehrenamtlich engagiert. Als beide vor einigen Monaten nach einem Ausflug zufällig an der Warschauer Straße vorbeifuhren, sagte Ronny Dotan zu ihr: »Hast du die alten Waggons gesehen?« Er zückte sofort seinen Fotoapparat und machte Bilder.

Azubis Die abgestellten Eisenbahnwagen erinnerten ihn an die Waggons, mit denen die Nationalsozialisten während der Schoa Juden transportierten. »So einen Wagen möchte ich nach Israel bringen – als Denkmal«, sagt Dotan. Das war leichter gesagt als getan. Erst einmal begann Tatjana Ruge, die von der Idee ebenfalls sofort begeistert war, zu recherchieren. Tagelang telefonierte sie herum, um zu erfahren, was es mit den Wagen an der Warschauer Straße auf sich hatte, die Dotan auf die Idee brachten. Und Ruge fand heraus, dass Auszubildenden an diesen Waggons Gleisbauarbeiten erlernen.

Allerdings waren sie, wie sich herausstellte, nicht für das Projekt geeignet – sie waren zu neu. »Wir wollen authentische Wagen«, betont Dotan, daher suchte er im Internet weiter. Schließlich schaltete er eine Anzeige in einer Zeitschrift der Deutschen Museumsbahn. Während Ronny Dotan in Israel nach einem passenden Ort suchte, hielt Tatjana Ruge in Deutschland nach einem Wagen Ausschau. »Jeder Eisenbahner weiß sofort, um welches Modell es sich handelt«, sagt Ruge, nämlich um den »Gedeckten Güterwagen G 10«, so die fachmännische Bezeichnung. Und im Abstand von fünf Tagen meldeten sich überwiegend Eisenbahnvereine bei ihr. Noch 20 Güterwagen gebe es, die auch die Voraussetzungen erfüllen, erfuhr sie. Denn die Waggons mit dem braun gespritzten hölzernen Aufbau und der Schiebetür sollten vor Mai 1945 gebaut worden sein.

Schließlich fanden die beiden tatsächlich einen historischen Waggon. Nun blieb nur noch die Frage: Wohin damit? »Das Feedback, das ich in Israel auf mein Projekt bekam, war meistens positiv«, erinnert sich Dotan. Allerdings habe er sich darüber hinaus mehr Unterstützung erhofft. »Ich war enttäuscht, ließ mich aber nicht beirren.« Schließlich äußerte die nordisraelische Stadt Netanya Interesse. Und einen Stellplatz haben Dotan und der Bürgermeister der Stadt auch schon gefunden – einen Gedenkort für Soldaten und Schoa-Opfer. Dotan stellt allerdings klar: »Wir wollen kein neues Schoa-Denkmal in Israel«, betont er. Vielmehr solle mithilfe des Waggons Wissen über den Holocaust vermittelt werden.

Lager Er erfuhr, dass von den sechs Millionen ermordeten Juden etwa 1,5 Millionen in diesen Waggons in die Lager transportiert wurden. Sie waren eingepfercht, ohne Wasser, ohne Essen. »Und das Perfide ist, dass sie ihre ›Fahrkarte‹ selbst bezahlen mussten.« Um dieses Wissen allen weiterzugeben, scheuen Ruge und Dotan keine Anstrengungen.

Auch über den Transportweg, der den tonnenschweren Wagen mit einem Tieflader erst einmal nach Hamburg bringen soll, um ihn dann per Schiff nach Netanya zu schaffen, machen sich Dotan und Ruge weniger Gedanken. Dann beginnt allerdings die eigentliche Aufgabe. Der Waggon soll aufbereitet werden, sodass man ihn betreten kann. Ein Kritikpunkt, den Dotan an einem ähnlichen Waggon äußert, der in der Gedenkstätte Yad Vashem zu sehen ist: »Man kann ihn nicht von innen sehen.« Das soll bei seinem Projekt anders werden, kündigt er an.

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