Solidarität

Ein Lied für den Protest

Die Musiker des Ensembles Sistanagila träumen von einer Tournee durch Israel und den Iran – was erst mit einem neuen Regime möglich wäre. Foto: Nikolaj Lund

Ein Lied widmen sie bei ihren Konzerten nun immer den Protestierenden im Iran. »Zum ersten Mal bei einer Show im September in Köln. Wir möchten damit auf die dortige Situation aufmerksam machen«, sagt Babak Shafian von dem Ensemble Sistanagila, das sich aus in Berlin lebenden israelischen und iranischen Musikern zusammensetzt. »Wir hoffen und fiebern mit den Demonstranten mit«, sagt Shafian.

Seit dem 18. September und infolge des Todes der 22-jährigen Jina Mahsa Amini in Polizeigewahrsam wird im Iran demonstriert – für Demokratie und Freiheit. In diesen Tagen steige die Hoffnung der Musiker, dass ihre Mission zu Ende gehen könnte. Dann nämlich, wenn eine Tournee durch Israel und den Iran möglich wäre – das geht nur, wenn die Demonstranten sich durchsetzen und das Regime abgesetzt wird. »Dann wäre der Weg frei, und wir könnten unseren Traum realisieren.«

Heimat Babak Shafian ist in Teheran aufgewachsen und hat dort auch das Gymnasium besucht. In seiner Stufe waren drei jüdische Schüler, die nach dem Abitur ins Ausland gingen. »Eigentlich wusste ich nur, dass sie jüdisch sind, weil sie einen eigenen Religionsunterricht hatten.« 2019 war er das letzte Mal in seiner Heimat. »Das Leben ist dort unerträglich«, so seine Meinung.

Iran gilt als der Erzfeind Israels und ist zugleich Heimat der größten jüdischen Gemeinde in der muslimischen Welt. Laut einer Statistik von 2016 leben etwa 20.000 Juden im Iran. Vor 1979 waren es zehnmal so viele.

Für die Streikkasse
der Arbeiter sammelt Ella Geld.

»Die Demonstranten werden gewinnen, sagt mein Herz«, so Ella, die ebenfalls aus dem Iran stammt. Ihr Verstand hingegen holt sie auf den Boden der Tatsachen zurück. »Die Justiz, Polizei und das Militär sind in ihrer Hand.« Und meint damit das Regime. China und Russland würden dies unterstützen. Ihre Gedanken sind seit Wochen bei allen Menschen, die im Iran auf die Straße gehen und gegen das Regime aufbegehren.

Sie war in diesen Tagen schon bei Treffen mit Politikern und Studierenden dabei, wo auch diskutiert wurde, wie man die Situation von Deutschland aus verbessern könnte. »Ich möchte alles tun, um diesen Kampf um Freiheit zu unterstützen. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen.« Sie würde sich wünschen, dass Deutschland die Sanktionen gegen das Regime der Mullahs verschärft. Sie sei nun dabei, Geld für die Streikkasse der Arbeiter und ihrer Familien zu sammeln, auch damit sie Anwälte und Arztkosten bezahlen können.

Eine gute Freundin von ihr, die Kontakte mit Familien politischer Gefangener hat, fand Wege, die Hilfen an die Streikenden und ihre Familien zu bringen.

Terror Ella wurde in Teheran geboren und kam 1967 mit ihrer Mutter als Jugendliche aus dem Iran nach Süddeutschland, da die jüdische Familie die Terrorakte der Muslimbrüder miterlebt hatte. Damals hatten die Muslimbrüder ein Attentat an dem damaligen Ministerpräsidenten verübt.

Im Iran gibt es heute noch 24 Synagogen, deren Gottesdienste gut besucht werden. Der Ehemann einer Verwandten von ihr will seine Eltern im Iran nicht zurücklassen, weshalb er mit seiner Familie bleibt. Sie verließen kaum das Haus und seien als Juden besonders vorsichtig, besorgt und gefährdet, berichtet Ella. Schmerzlich seien die Alternativen zwischen Gefängnis, Tod und Freiheit. Ella findet, das sei ein hoher Preis. Der Iran brauche ihrer Meinung nach mehr Rückhalt des Westens, insbesondere der Europäischen Union mit Deutschland, dem größten Handelspartner Irans.

Noram ist gerade von einer Reise aus Israel wiedergekommen. Aufgewachsen ist er überwiegend in Teheran, bis er 1965 nach Deutschland emigrierte. Bis zur Revolution 1979 ging es den Juden sehr gut im Iran, sagt der Geschäftsmann, der früher viel dort gewesen ist. Etwa 180.000 bis 200.000 lebten damals in dem 85-Millionen-Einwohner-Land. Nach der Revolution war immerhin noch ein einfaches, freies Leben möglich. Der Staat hatte nach eigenen Angaben nichts gegen Juden, sondern gegen Zionisten. Allerdings mussten auch die jüdischen Schüler Parolen schreien wie »Tod den USA oder Israel«, so Noram.

Unruhen Unabhängig von der Religion müssen alle Frauen ein Kopftuch tragen. Die Gottesdienste waren immer gut besucht, aber es waren auch Spitzel darunter. Heute fürchtet Noram, dass es die jüdischen Gemeinden bei den Unruhen nicht einfach haben werden. Sein Tipp für die Juden im Iran: so schnell wie möglich das Land verlassen, solange es noch möglich ist. »Sie brauchen dort keine Hilfe, sie müssen sich entscheiden.« Die Kinder hätten dort keine Zukunft mehr.

»Mein Traum ist es, dass das Regime ein Ende hat«, sagt Noram. Sollte sein Wunsch in Erfüllung gehen, möchte er dieses »herrliche Land« endlich seinen Kindern und Enkeln zeigen. »Es ist aber nicht mein Land, denn ich habe immer vor Augen, dass ich als Fremder gesehen wurde.«

Unabhängig von ihrer Religion müssen Frauen ein Kopftuch tragen.

Es sei doch klar, was er denke, sagt Jona. Demokratie und Freiheit sollen siegen. Sein Vater emigrierte mit seiner Familie bereits 1951 aus dem Iran nach Israel, denn seinen Großeltern war das Judentum wichtig, und es bedeutete ihnen viel, einen eigenen Staat zu gründen. 70 Jahre später seien sie immer noch mit ihrem Heimatland verwurzelt.

»Sie verfolgen die Nachrichten und wünschen sich, dass das Regime gestürzt wird«, so Jona. Er befürchte, dass es nicht so viele Möglichkeiten gibt, die Protestierenden von Deutschland aus zu unterstützen. Er wünscht sich Solidarität mit denen, die sich gegen das Regime stellen. »Grundsätzlich begrüße ich Sanktionen gegen das Regime – leider treffen diese oftmals die Bevölkerung und verstärken das Leid.«

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