Porträt der Woche

»Ein Kreis schließt sich«

Greta Zelener studiert Erwachsenenbildung und lebt heute dort, wo ihre Uroma herkam

von Jérôme Lombard  21.11.2017 17:32 Uhr

»Die Gemeinden müssten mehr auf junge Leute zugehen und ihnen zuhören«: Greta Zelener (27) lebt in Berlin. Foto: Stephan Pramme

Greta Zelener studiert Erwachsenenbildung und lebt heute dort, wo ihre Uroma herkam

von Jérôme Lombard  21.11.2017 17:32 Uhr

Ich bin niemand, der das macht, was andere von ihm verlangen. Als ich vor rund sechs Jahren mit dem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin angefangen habe, war das eine ganz bewusste Entscheidung. 2014 habe ich das Studium abgeschlossen und im Anschluss ein Praktikum im Kaufhaus Galeries Lafayette gemacht. Die Modebranche war damals ein Traum von mir. Allerdings war das Praktikum viel zu oberflächlich und hat mir letztlich nicht wirklich gefallen.

Generell habe ich festgestellt, dass die Arbeit in großen Unternehmen nichts für mich ist. Menschen – und nicht Produkte – voranzubringen, liegt mir am Herzen. Deswegen habe ich mich für ein zweites Studium entschieden und Wirtschaftspädagogik und Erziehungswissenschaften an der Humboldt‐Universität angefangen. Das war eine gute Entscheidung!

studium Nach dem Bachelor habe ich ein Masterstudium in Erwachsenbildung angeschlossen – et voilà: Zurzeit schreibe ich an meiner Masterarbeit zum Thema »Jüdische Erwachsenenbildung heute«. Dazu gibt es bisher nur eine einzige Arbeit aus dem Jahr 1998, die überholt ist.

Ich habe auch einen persönlichen Bezug zum Thema. Seit ich mit dem Studieren angefangen habe, bin ich Stipendiatin der Ernst Ludwig Ehrlich Studierendenförderung ELES. Ich gehöre zu den ersten Geförderten in Berlin überhaupt. Die Unterstützung von ELES ist mir sehr wichtig, nicht nur finanziell, sondern vor allem auch ideell.

Ich engagiere mich gerne bei ELES, weil ich immer wieder auf Menschen mit spannenden Biografien treffe und das Netzwerk weiter wächst. Einmal im Monat betreue ich den sogenannten ELES‐Stammtisch. Wir Stipendiaten haben dabei die Möglichkeit, uns näher kennenzulernen und Erfahrungen auszutauschen. Meine Erfahrungen gebe ich gerne weiter.

golda Ich bin jetzt 27 Jahre alt. Geboren wurde ich 1990 im ukrainischen Odessa am Schwarzen Meer. Mit sechs Jahren bin ich mit meinen Eltern nach Berlin gekommen. Als sogenannte Kontingentflüchtlinge erhielten wir ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht in der Bundesrepublik. Wir sind dann zunächst mit meiner Oma väterlicherseits zusammen nach Wilmersdorf gezogen.

Meine Uroma Golda, nach der ich benannt bin, kannte diese Gegend noch gut. Sie selbst kam aus Berlin‐Charlottenburg und wanderte von dort in die Ukraine aus. Wenn ich heute sage, dass ich mich in Berlin und insbesondere in Charlottenburg sehr wohl fühle, habe ich das Gefühl, dass sich ein Kreis in meiner Familiengeschichte schließt.

Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Schultag in der Heinz‐Galinski‐Schule. Ich konnte damals noch kein Wort Deutsch und hatte Angst, dass mich niemand verstehen würde. Alles war irgendwie fremd für mich. Ich wollte einfach nicht, dass meine Mutter weggeht und mich mit den anderen Kindern allein lässt.

Meine Angst vor der Sprachbarriere erwies sich dann allerdings als völlig unbegründet: Auf einer jüdischen Schule in Charlottenburg gibt es genügend Kinder, die Russisch sprechen. Mit meinen Eltern spreche ich es bis heute. Ukrainisch habe ich nie gelernt. Meine Eltern sprechen es auch nicht. Das war zu ihren Zeiten in der Sowjetunion nicht üblich.

bereicherung Später bin ich auf das Sophie‐Charlotte‐Gymnasium gegangen. Während ich in der Grundschule ausschließlich jüdische Freunde hatte, hat sich das auf der Oberschule geändert. Viele ganz unterschiedliche Freunde zu haben, betrachte ich als große Bereicherung.

Das Jüdische kam dann wieder während des Studiums durch ELES in mein Leben zurück. Dass Charlottenburg ein so jüdischer Bezirk ist, war mir lange Zeit gar nicht bewusst. Der jüdischste Ort im Bezirk war für mich immer die Synagoge in der Pestalozzistraße. Dort habe ich meine Batmizwa gefeiert, lustigerweise genau an Purim.

Ich sehe mich selbst als überzeugte Charlottenburgerin. Nach einem kurzen Intermezzo in Moabit wohne ich heute wieder hier in einer tollen WG mit einer Freundin. Ich hänge aber keineswegs immer nur in meinem Kiez ab. Dafür ist mir allein schon das Essen viel zu wichtig.

kochen Ich liebe es, zu kochen und neue Sachen auszuprobieren. Meine Lieblingsküche ist vietnamesisch, und da gibt es vor allem im Ostteil Berlins viele erstklassige Restaurants. Durch meine Affinität zum Kochen bin ich zur Europäischen Janusz Korczak Akademie (EJKA) gekommen.

Als vor einiger Zeit Fördergelder für kreative Projekte von der EJKA ausgeschrieben wurden, habe ich mich mit einem Kochprojekt beworben. Die Idee war, über die überaus vielfältige jüdische Küche das eigene Judentum besser kennenzulernen. Essen muss schließlich jeder. Jeder hat auch sein persönliches Lieblingsgericht und weiß, was seine Oma früher gekocht hat.

Kochen ist also insbesondere für Jugendliche eine gute Form, das eigene Jüdischsein zu entdecken. Mein Projekt konnte ich dann konkretisieren und unter dem eingängigen Titel »Bete‐I‐von« umsetzen. Der Titel setzte sich zusammen aus »Beteavon« – Hebräisch für »Guten Appetit« und symbolisch für die jüdische Küche – und »I«, Englisch für »Ich«.

Das von der EJKA geförderte Projekt war ein voller Erfolg und hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich könnte mir gut vorstellen, ein ähnliches Projekt wieder zu betreuen. Seit dieser Erfahrung engagiere ich mich bei EJKA. In München habe ich ein Praktikum bei dem dortigen Ableger der Akademie gemacht. Es ging dabei um Mode in den verschiedenen Religionen. Gemeinsam mit weiteren religiösen Vereinen haben wir eine interreligiöse Modenschau organisiert, bei der die modischen Sichtweisen von Christentum, Islam und Judentum im Mittelpunkt standen.

gemeinden Heute bin ich jüdisch sehr engagiert, allerdings nicht in der offiziellen Gemeinde. Dort nehme ich selten Angebote wahr. Die Strukturen sind mir zu starr, außerdem bin ich nicht religiös. Ich gehe selten in die Synagoge. Das war früher anders, da bin ich zu den Hohen Feiertagen dort gewesen. Heute feiere ich viel lieber zu Hause mit meiner Familie.

Die Traditionen sind mir viel wert. Ich würde mich eher als Kulturjüdin bezeichnen. Wenn man junge Leute für die Gemeindearbeit gewinnen will, muss man ihnen zuhören und mehr auf sie zugehen, davon bin ich überzeugt. Als Auszubildende und Studenten sind wir heutzutage so flexibel wie noch nie – die Gemeinden müssten sich mehr darauf einstellen. Diesen Ansatz möchte ich gerne durch mein Studium fördern und in die Bildungsarbeit einbringen.

Dass ich aus meiner Masterarbeit noch eine Dissertation mache, kann ich mir sehr gut vorstellen. Doch genau kann ich momentan nicht sagen, wohin es mich zieht, wenn ich im März 2018 mit meinem Master fertig bin. Vielleicht bleibe ich gar nicht in Berlin. Berlin ist eine fantastische und bereichernde Stadt. Es ist meine Heimat. Ich reise aber auch sehr gerne.

reisen Reisen ist eines dieser Dinge im Leben, für die man gut und gerne Geld ausgeben kann. Gerade durch mein Engagement bei ELES und EJKA komme ich auch viel herum. Israel habe ich schon mehrfach besucht, und es hat mir immer sehr gut gefallen. Man fühlt eine gewisse Zugehörigkeit und Verbindung zu dem Land. Israel ist ein Teil von einem, aber auch eine ganz andere eigene Welt. Die jungen Leute dort haben nicht die gleichen Erfahrungen wie ich gemacht, da ich in Deutschland aufgewachsen bin. Das merke ich immer wieder.

Neben der Arbeit noch genug Zeit für Familie, Freunde und Hobbys zu haben, wird mir auch in Zukunft wichtig sein. In meiner Freizeit schaue ich gerne Fußball und gehe ins Kino. Zudem interessiere ich mich für den Impressionismus in der Malerei und male auch selbst gern. Als Kind wollte ich Malerin werden. Meine Lieblingsbeschäftigung aber ist und bleibt das Lesen. Ich lese viel, am liebsten die großen Klassiker. Mein Lieblingsbuch ist Der Meister und Margarita des russischen Schriftstellers Michail Bulgakow.

Wenn ich in einem der lauschigen Cafés in der Leonhardtstraße in meinem Kiez sitze, einen schönen heißen Cappuccino trinke und ein spannendes Buch lese, fühle ich mich gut. Manchmal braucht man auch gar nicht mehr, um glücklich zu sein.

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