Porträt der Woche

Ein Herz für die Gemeinschaft

Mein Alltag ist genau geplant: Morgens um acht starte ich meine erste Runde, um ältere Nachbarn daran zu erinnern, ihre Medikamente einzunehmen. Nachmittags bin ich wieder unterwegs in gleicher Mission. Verabredungen zu diesen Uhrzeiten gibt es nicht für mich, sondern erst nach meinen Touren.

Ich mache das gerne, denn ich finde es wichtig, für andere da zu sein. Wenn ich mal eine ruhige Minute habe, dann schau ich gerne meinen Ordner durch, in dem ich wichtige Dokumente meines nun 80‐jährigen Lebens abgeheftet habe. Eines meiner Lieblingspapiere ist mein Ausweis von der Armee in Israel. Ich war noch keine 16 Jahre alt, als ich Soldat wurde.

Damit ich zum Militär gehen konnte, fälschte ich die Unterschrift meines Vaters, denn ich wollte unbedingt mit meinen Kumpels aus dem Kibbuz Eyal, die zwei Jahre älter waren als ich, zusammen dorthin. Mein Vater war dagegen, aber meine Mutter hatte keine Probleme damit. Ihre Unterschrift musste ich nicht fälschen. Sie war meine Freundin.

unterschrift Das Foto im Ausweis zeigt mich als jungen Mann, mit ernstem Blick und einem kleinen Schnurrbart. Mein Militäreinsatz fiel meinem Vater auf, als ich zu Hause zu Besuch war, er früher als sonst von seiner Arbeit als Zimmermann heimkam und mich in meiner Uniform sah. Da wurde ich für 30 Tage ins Gefängnis gesteckt – wegen Urkundenfälschung.

Auch vorher hatte ich schon Unfug gemacht. Geboren bin ich in Israel, aufgewachsen in einer kleinen Stadt bei Tel Aviv. Mit zehn Jahren kam ich in den Kibbuz, was vor 70 Jahren normal war. Ich mochte und mag die Gemeinschaft im Kibbuz. Einer für alle und alle für einen – das traf auf uns zu.

Wir waren reicher als die Reichen, denn das Menschliche stimmte. Mit den anderen Jungs war ich die ganze Zeit zusammen, und wir waren eine super Truppe. Mit elf Jahren waren wir so eine Art Hilfssoldaten. Wir mussten Schüsse imitieren, indem wir auf Becher klopften, sodass während des Unabhängigkeitskrieges 1948 die Araber dachten, es werde dort wild geschossen. Oder wir hantierten mit Phosphor, damit Nebel aufstieg. Ab und an musste ich auch kochen. Aber ich fuhr auch schon mal unerlaubterweise einen Traktor oder stahl nachts vom Nachbarkibbuz Hühner.

Ich habe so eine tolle Jugend erleben können, die einen fürs Leben prägt und selbstbewusst macht. Ohne einen Tropfen Alkohol waren wir glücklich. Mit knapp 14 Jahren entdeckte ich auch die Liebe und hatte ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau, was so lange gut ging, bis ihr Mann plötzlich wieder da war und mir an den Kragen wollte. Er stand mit einer Waffe da und zielte auf mich, drückte aber nicht ab. Glück gehabt. Da wurde ich vorsichtshalber für ein halbes Jahr in einen anderen Kibbuz gesteckt.

heirat Nach der Militärzeit lernte ich Kindererzieher und traf dabei meine erste Frau. Alisa stammte aus Berlin und war während der Schoa im Jüdischen Krankenhaus sechs Jahre lang eingesperrt. Einen Tag vor ihrer angekündigten Deportation kamen die Soldaten der Roten Armee und befreiten sie. Ihre Mutter starb in Auschwitz, und ihr christlicher Vater hatte den Kontakt zu ihr abgebrochen.

1948 kam sie mit ihrem Bruder in Israel an, in einem Heim, in dem Kinder ohne Eltern aus der ganzen Welt unterkamen. Wir beschlossen zu heiraten und nach Deutschland zu gehen. In Berlin‐Neukölln kam unser Sohn auf die Welt, der heute in Kanada lebt – wie auch meine erste Frau.

Unsere Ehe ging nicht gut, denn wir hatten uns auseinandergelebt. Ich hatte den Eindruck, dass sie die Jahre, die sie im Jüdischen Krankenhaus verbringen musste, seelisch nicht verarbeiten konnte. Mal wollte sie nach Australien, mal nach Kanada – das war mir zu viel, denn ich wollte lieber in Berlin bleiben. Mein Sohn ist nun auch schon 60 Jahre alt. Wir besuchen uns oft.

tanz In Berlin merkte ich rasch, dass ich als Erzieher nicht so ohne Weiteres würde arbeiten können, denn so schnell konnte ich die deutsche Sprache nicht lernen. Statt im Kindergarten fand ich Arbeit beim Berliner Senat für Bauen und Wohnen. Mit zwei Autos fuhren meine Kollegen und ich zu den Außenterminen, wo wir die Grundstücke nachmessen mussten. Mit einem kleinen Wagen kamen wir an, und in dem großen hatten wir einen Tisch, an den wir uns oft mit unseren Kunden setzen mussten, um über die Quadratmeter zu diskutieren und Grenzverhandlungen zu führen. Nach 35 Jahren wurde ich pensioniert, und es kamen 500 Kollegen zu meiner Abschiedsfeier.

1962 schloss ich mich der Freiwilligen Polizeireserve an – einen Bericht aus einer Zeitung darüber habe ich auch abgeheftet. So kam es, dass ich während dieser Einsätze oft mit Pistole am Revers Heinz Galinski begleitete. Es gab ja so einige geplante Attentate auf ihn, und er musste mit der Angst leben, dass ihm etwas zustoßen könnte. Wir hatten uns immer viel zu erzählen. Heute gibt es diese Einheit allerdings nicht mehr.

Beim Tanzen lernte ich übrigens meine zweite Ehefrau kennen und etwas später meine dritte, Monika, mit der ich heute noch glücklich bin. Von Freitagabend bis Sonntagfrüh habe ich durchgetanzt, und zwar in der Chiquita‐Bar in Moabit. Unser gemeinsamer Sohn Rafael lebt mittlerweile in Israel. Er ist ein richtiger Patriot. Monika und ich teilen so viel, auch unser Engagement für andere. Bei den SOS‐Kinderdörfern engagiere ich mich auch, für sie sammle ich oder spende Geld. Das Dankschreiben habe ich natürlich auch abgeheftet.

nachwuchs Der wichtigste Mensch in meinem Leben war meine Mutter. Ich habe sie so geliebt, sie war wie ein Engel. Sie war mein Vorbild. »Was du machst, ist richtig«, hat sie mir mit auf den Weg gegeben. Mit ihrer Unterstützung konnte ich immer rechnen. Sie war freundlich und warmherzig und hat sich um andere Menschen gekümmert, was mich geprägt hat.

Sie bekam neun Kinder, konnte sieben Sprachen sprechen und wurde oft als Dolmetscherin gebraucht. Als sie mit 94 Jahren starb, trauerte die ganze Nachbarschaft. Wenn ich sie besuchen kam, hatte ich immer zwei Koffer elegante Kleidung für sie dabei. Einmal rief sie an und sagte, dass so viel Schnee in Israel liegt. Da kaufte ich ihr Pelze. Aber sie muss sie weitergegeben haben, denn ich habe sie nie wieder bei ihr gesehen. Meine acht Geschwister sind in Israel geblieben. Als wir geboren wurden, hieß es immer: »Sechs Millionen Juden sind im Holocaust umgebracht worden, bekommt viel Nachwuchs.«

Kinder sind unsere Zukunft. Meine Mutter hatte für sie in der Synagoge immer Bonbons in der Tasche. Das habe ich von ihr übernommen. Wenn ich ins Gotteshaus gehe – meistens in die Pestalozzistraße –, habe ich immer eine Tüte mit Bonbons dabei. Monika kauft die immer ein. Ich kenne alle Synagogen in Berlin, schließlich lebe ich hier seit 61 Jahren. Aber die in der Pestalozzistraße ist meine. Wenn jemand neu ist, spreche ich ihn an, denn ich möchte ihn herzlich begrüßen.

kibbuz Ich erinnere mich auch gerne noch an den ersten Besuch der heutigen sogenannten Joseph‐Gruppe, als die mit ihrem Religionslehrer in die Synagoge kamen. Rolf Joseph, der den Schülern seine Lebensgeschichte erzählte, habe ich oft zu den Interviewterminen gefahren. Wenn er meinte, dass es ihm zu viel wird, als Zeitzeuge zu berichten, habe ich ihm immer gesagt: »Du musst das machen. Das ist wichtig für die Jugend. Wer soll es sonst machen?« Nachher war er immer zufrieden, wenn er gemerkt hat, dass er sie erreicht hat.

Seit fast 20 Jahren leben wir in unserer Wohnung. Das Mehrfamilienhaus ist in meinen Augen ein Wunderhaus. Die Welt ist so klein: Als wir einzogen, sahen wir bei einer Nachbarin einen Chanukkaleuchter – ihr Mann war Jude.

Wir sind eine Gemeinschaft, und zu Geburtstagsfeiern oder Fußballübertragungen baue ich ein Zelt im Garten auf mit einem Papier vom Vermieter, der hat darauf geschrieben: »Engel macht das.« Unser Haus ist es ein bisschen wie ein Kibbuz, wir sind immer für alle da.

Alle in meiner Straße kennen mich und wissen, dass ich aus Israel bin. Wenn ich etwas zu erledigen habe, dann muss ich für den Weg immer noch zusätzliche Zeit für die Gespräche mit einplanen.

Geschichten Ich rede auch gerne und erzähle aus meinem Leben, denn ich habe viele verrückte Geschichten erlebt, die ich aber nicht in meiner Dokumentenmappe abgeheftet habe: 17 Selbstmordkandidaten bin ich begegnet, davon dreien in der Synagoge. Ich spürte, dass sie verzweifelt waren, habe sie angesprochen – manche auch auf der Straße – und sie zu einem Arzt gebracht, der sich damit auskennt und einem wirklich helfen kann. Aber ich sage auch gerne zu ihnen, dass sie beten sollen. Denn das ist die beste Heilung.

Einer von ihnen war der Geldfälscher Itzhak Plapler. Er hatte mit ansehen müssen, wie sein Vater während der Schoa umgebracht worden ist. Nach dem Krieg sah er nur noch wenig Sinn in seinem Leben. Er kam mit in die Synagoge, und als Journalisten ihn interviewen wollten, sagte er: »Erst nach Schabbat. Jetzt nicht.« Er wurde schließlich über 90 Jahre alt.

Seine Tochter lernte ich bei seiner Beerdigung kennen. Da erzählte sie mir, was ihr Vater ihr von mir erzählt hatte. »Sie heißen nicht nur Engel, Sie sind auch ein Engel«, sagte sie. Darüber habe ich mich gefreut.

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