Friedenau

»Du bist cool, aber Jude«

Seit mehr als 14 Jahren lebt die Britin Emma K. (Name geändert) mit ihrer Familie in Berlin. Ihr jüngster Sohn besuchte zunächst eine weiterführende Schule in Brandenburg. Ende November 2016 wechselte der damals 13-Jährige an die Friedenauer Gemeinschaftsschule in Berlin-Schöneberg: »Wir suchten eine Schule in Berlin mit einem nicht so altmodischen Lehrkonzept«, sagt die Mutter.

Emma K. setzte große Hoffnungen in eine multikulturelle Schule, »in der mein Sohn nicht der Einzige ist, der anders ist als die anderen«. Von der Gemeinschaftsschule, die bis zur 10. Klasse führt, hatte sie gehört, »dass sie experimentell arbeitet, mit weniger Frontalunterricht, mehr Kreativität und Diversität«.

angriffe Doch die Erwartungen der jüdischen Familie wurden enttäuscht: Schon in der ersten Woche, berichtet Emma K., begann das Mobbing. Als sich der inzwischen 14-Jährige Philipp (Name geändert) im Ethikunterricht als Jude outete – so die Mutter –, sagte ein Klassenkamerad: »Du bist ein cooler Typ, aber du bist Jude, und ich bin Muslim. Wir können nicht befreundet sein.« Als Begründung habe dieser Schüler sinngemäß angegeben, alle Juden seien Mörder.

»Und danach ging es immer so weiter«, sagt Emma K. Philipp sei mehrfach geschubst, getreten und mit der Faust in den Rücken geschlagen worden: »Es gab verbale und körperliche Angriffe.« Schließlich sei ihr Sohn Mitte März 2017 außerhalb der Schule an einer Bushaltestelle von zwei Schülern gewürgt und mit einer Spielzeugpistole bedroht worden. Andere Schüler hätten zugeschaut und gelacht.

Emma K. gab auf. Sie nahm ihren Sohn von der Schule. Vorwürfe macht sie nicht den Lehrerinnen, die sich sehr um ihren Sohn bemüht hätten, sondern Schulleiter Uwe Runkel: Ihr Fall habe für den Rektor keine Priorität gehabt, obwohl sie ihm immer wieder Vorschläge gemacht habe, Gäste in die Schule einzuladen – auch ihre Schwiegereltern, die die Schoa überlebten –, um Vorurteile abzubauen. Es sei aber nur zu einem Vortrag der Schwiegereltern in der Klasse ihres Sohnes gekommen. Runkel habe ihre E-Mails ignoriert: »Ich fühlte mich von der Schulleitung alleingelassen.«

gespräche Schulleiter Uwe Runkel, der wegen des Vorfalls an der Bushaltestelle inzwischen Anzeige erstattet hat und sich am Wochenende in einem öffentlichen Brief auf der Website der Schule äußerte, stellt die Geschichte etwas anders dar: »Bei der Anmeldung des Schülers habe ich die Mutter darauf hingewiesen, dass wir keine Erfahrung mit jüdischen Schülern haben, die wie der 14-Jährige offen mit ihrer Religion umgehen«, sagte der Rektor der Jüdischen Allgemeinen. Die Familie habe gewollt, »dass Gespräche mit den Großeltern in allen Klassen stattfinden. Wir wollten das aber etwas langsamer angehen und entwickeln.« Er sei »sehr für solche Programme und Projekte, aber sie müssen geeignet sein, um sie in den Schulalltag zu integrieren«.

Es stimme nicht, dass die Schule auf die Beschwerden der Eltern nicht reagiert hätte, so Runkel. Er unterrichte selbst in der Klasse, die Philipp besucht hat. Über den Vorfall während des Ethikunterrichts sei ausführlich in der Klasse diskutiert worden. Es habe Anfang 2017 mehrere Gespräche zwischen den Eltern und Mitarbeitern der Schule gegeben. Er habe den Eltern mehrmals ausrichten lassen, dass er involviert sei: »Persönlich habe ich ein Gespräch mit den Eltern am 15. März 2017 geführt. Kurz vor dem vereinbarten Termin passierte der Vorfall an der Bushaltestelle.«

Die Friedenauer Gemeinschaftsschule ist keine reguläre Einzugsgrundschule für Kinder aus dem Umkreis des S-Bahnhofs Friedenau. In der Sekundarstufe (Klasse 7 bis 10) liegt der Anteil an Schülern nichtdeutscher Herkunft bei 75 Prozent. Der Anteil türkischer und arabischer Schüler macht von den 75 Prozent etwas mehr als die Hälfte aus. 50 Prozent der Eltern beziehen soziale Transferleistungen. Von 850 Schülern hätten etwa 100 Kinder sonderpädagogischen Förderbedarf, sagt der Schulleiter. »Wir haben fünf Willkommensklassen mit Flüchtlingskindern. Eine dieser Klassen wird ab Ostern eine Alphabetisierungsklasse sein.«

Konsequenzen Doch wie geht es nun weiter im Fall Philipp? Geplant sind eine Klassenkonferenz, bei der die Angreifer befragt werden, und eine Schulkonferenz, bei der Schulverweise ausgesprochen werden können. Doch der Junge, der Philipp im Dezember antisemitisch beschimpft haben soll, ist weggezogen.

Einer der beiden Schüler, die ihn angeblich an der Bushaltestelle angegriffen haben, »sei erst wenige Tage zuvor nach einer Ordnungsmaßnahme an unsere Schule versetzt worden«, sagt der Rektor. An dem Fall zeige sich ein gesellschaftliches Problem: »Die Schüler werden vor allem von ihren Eltern erzogen. Wir können versuchen, sie zu beeinflussen, aber unsere Möglichkeiten sind begrenzt.«

Emma K. hält dagegen: »Es gibt staatliche Schulen, an denen man praktisch aufgegeben hat, die Kinder zu erziehen.« Sie sei entsetzt gewesen über das Ausmaß an Fremdenhass bei arabischen und muslimischen Schülern. Mit dieser Erfahrung steht Emma K. nicht alleine: An einer anderen Berliner Schule wurde unlängst ein Kind mit einem jüdischen und einem dunkelhäutigen Elternteil von arabischstämmigen Mitschülern zusammengeschlagen. Es folgte kein Schulverweis.

aufklärung Zentralratspräsident Josef Schuster sagte am Mittwoch, der Fall von Friedenau mache deutlich, »dass ein friedliches Miteinander jüdischer und muslimischer Jugendlicher nicht selbstverständlich ist. Jugendliche in diesem Alter leben unreflektiert Ressentiments aus, die sie von ihren Eltern kennen oder die in Medien und Moscheen vermittelt werden.«

Die Schulen stünden in einer hohen Verantwortung, dürfen aber nicht alleine gelassen werden: »Wir brauchen mehr pädagogische Programme und Fortbildungen, um Antisemitismus, Diskriminierung und Rassismus gezielt vorbeugen zu können. Ich hoffe, dass der Berliner Senat sich um eine restlose Aufklärung des Falls in Friedenau bemühen wird«, so Schuster.

Berlins Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat dies zugesagt. Und Uwe Runkel, dessen Einrichtung dem Netzwerk »Schule ohne Rassismus« angeschlossen ist, will aus dem Fall lernen: »Wir versuchen ständig, die Bedingungen an unserer Schule zu verbessern. Ich hätte niemals gedacht, dass eine solche Situation entsteht.«

Die Stimmung an der Friedenauer Schule ist nach Berichten von Eltern angespannt. Eine Polizeisprecherin sagte, im Sekretariat sei eine E-Mail eingegangen: »Morgen großer Amoklauf bei euch«. Die Drohung habe sich nicht als ernsthaft herausgestellt. Viele weitere E-Mails richteten sich offenbar auch gegen Flüchtlinge.

Bilanz Nach fast vier Monaten Schulbesuch ihres Sohnes Philipp in Friedenau fällt die Bilanz von Emma K. trotz Gewalt und Mobbing nicht nur negativ aus: »Er hatte Freunde, und er mochte seine Lehrerin.«

Die Mutter hofft weiterhin, »dass man 13- bis 15-Jährige noch von Hass und Fremdenfeindlichkeit wegbringen kann«. Die Frage aber bleibt: Wie?

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