Delmenhorst

Doppelt in die Pflicht genommen

Nicht einfach: (v.l.) Rabbinerin Alina Treiger und Benjamin beobachten, wie Vater Gilbert seinem Sohn David beim Tefillinlegen hilft.

Der Terminkalender von David und Benjamin ist ganz schön voll: Faustball und Freiwillige Feuerwehr, Trompete und Technisches Hilfswerk, Chinesisch – und natürlich der ganz normale Schulunterricht. Doch dann kam für die Zwillinge aus Delmenhorst im vergangenen Jahr noch etwas Besonderes hinzu: Althebräisch und die Vorbereitung auf die Barmizwa. Am vergangenen Wochenende beging die Gemeinde in Delmenhorst die erste Feier dieser Art seit der Schoa.

2007, beim zehnjährigen Jubiläum der Gemeinde-Wiedergründung, bezeichnete Vorsteher Pedro Becerra die Aktivierung der Kinder und Jugendlichen als eine der wichtigsten Aufgaben. So war nicht nur für David und Benjamin die Barmizwa ein großer Tag. »Solche gemeinsamen Erfahrungen stützen die Gemeinde«, sagt Becerra. »Dass wir in diesen Zyklus kommen, zu dem neben Geburten und Hochzeiten eben auch die Barmizwa gehört, zeigt, dass es hier jüdisches Leben gibt.«

Auch die Gäste aus Deutschland, der Schweiz und vor allem aus Frankreich unterstrichen die Bedeutung des Familienfestes. »Da treffen schon zwei Kulturen aufeinander«, erzählt Mutter Gila Trojman. »Die meisten der Gemeindemitglieder hier kommen aus der ehemaligen Sowjetunion. Für meinen Mann, der aus der sefardischen Tradition kommt, ist das etwas Neues.«

Pluralität So lernten David und Benjamin nicht zuletzt durch die Festgäste etwas von der Pluralität des Judentums kennen. »Wir haben viele Familienangehörige in Frankreich und leben eher in diesem Kontext von Religiosität«, erklärt Vater Gilbert. Und Pedro Becerra ergänzt, dass das für viele Delmenhorster Gemeindemitglieder lange ganz anders war. Als diese nämlich 13 Jahre alt waren, wurde nicht Barmizwa gefeiert, weil »der Mehrheit damals das Jüdischsein verwehrt worden ist«.

Vorbild Rabbinerin Alina Treiger, die für Oldenburg und Delmenhorst zuständig ist und David und Benjamin Trojman seit November auf ihr Fest vorbereitet hat, erzählt, wie nach der Feier einige ältere Gemeindemitglieder zu ihr gekommen sind und gefragt haben: »›Kannst Du uns nächstes Mal mit auf die Barmizwa vorbereiten?‹ Für sie ist das ja auch etwas Neues.«

Dass diese Feier schon zum Symbol werden könnte, unterstreicht der Besuch des Delmenhorster Oberbürgermeisters. Sein Vorgänger, Stadtdirektor Norbert Boese, hatte sich in den 90ern sehr um die Wiedergründung der Gemeinde und den Umzug in die größeren Räumlichkeiten der früheren Volkshochschule bemüht. Die Gemeinde selbst entwickle sich Schritt für Schritt, erzählt Becerra. »Wir lernen bei Gelegenheiten wie dieser eine Menge dazu.«

Gute Schule Und auch für Alina Treiger war die Begleitung der Jugendlichen etwas Neues. »Es war die zweite Barmizwa nach meiner Ordination«, sagt die 32-Jährige, »aber zum ersten Mal habe ich jemanden von Beginn an und ganz regelmäßig begleiten können.

Ich musste selbst lernen, wie man mit den beiden umgeht.« Die Zwillinge seien doch sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. »Außerdem sind die Jugendlichen in vielem sehr schnell. Sich diesem Tempo anzupassen, war für mich eine unglaubliche Schule. Und ein solches Ereignis, das es hier lange nicht gab, macht auch anderen Gemeinden Hoffnung.«

Was ist denn eine Barmizwa?, hätten ihre Mitschüler und Freunde gefragt, und die bekamen zur Antwort: »Das ist so etwas wie eine jüdische Konfirmation.« Ach so, sagen die anderen dann – und machen weiter mit der Übung, die bei der Freiwilligen Feuerwehr gerade ansteht.

In der Schule hätten viele gar nicht glauben wollen, dass es die erste Barmizwa nach 70 Jahren war. Die Trojmans freuen sich vor allem über die Selbstverständlichkeit, mit der das Ereignis auch von ihren nichtjüdischen Nachbarn und Freunden aufgenommen und mitgefeiert wurde. Ein Zeichen dafür, dass jüdisches Leben in einer norddeutschen Kleinstadt im Jahr 2011 Alltag bedeuten kann.

Zu diesem Alltag gehört auch das Leben in einer nichtorthodoxen Gemeinde und dass die Barmizwa-Feier von einer Frau vorbereitet und geleitet wurde. Ein bisschen aufgeregt seien sie wegen der Verwandten aus Frankreich schon gewesen, meint Gilbert Trojman. »Da waren einige neugierig, andere eher skeptisch. Aber am Ende waren alle begeistert von der Art, wie Frau Treiger ihr Rabbinat versteht und ausfüllt; alle saßen mit Gänsehaut da.«

Lebendigkeit Für Familie Trojman wenig überaschend, sie hatten sich bewusst für Treiger und für Delmenhorst entschieden. »Nicht nur, weil wir hier leben«, erklärt Gila Trojman, »sondern auch ihretwegen.« Ihr sei sehr wichtig gewesen, die Vorbereitung in das Leben von David und Benjamin zu integrieren.

»Ich habe Wert darauf gelegt, dass sie das Hebräische nicht nur akustisch lernen, sondern verstehen, was der Text bedeutet und wie die Tora funktioniert«, erklärt Treiger. Der Tag sei ja nur der Anfang. »In gewisser Hinsicht stellt er Werkzeuge bereit, damit die beiden in der und für die Gemeinde Verantwortung übernehmen können. Das setzt aber den Wunsch voraus, weiter lernen zu wollen.«

Passenderweise habe der Wochenabschnitt von der Rückkehr aus dem Exil und der Wiederaufnahme des Gottesdienstes gehandelt, sagt Treiger. Jezt gehört er zum Alltag der Zwillinge in Delmenhorst. Wie die Feuerwehr und der Chinesischkurs.

Die Gemeinde Delmenhorst
Um 1700 führen die Urkunden drei jüdische Familien in Delmenhorst auf. 1846 leben schon 32 Juden in dem Örtchen nahe Bremen. Mit der wirtschaftlichen Belebung von Delmenhorst nimmt auch die jüdische Einwohnerzahl zu. Juden arbeiten als Viehhändler und Schlachter sowie als Einzelhändler. 1838 eröffnen sie eine Synagoge. Um 1900 besteht die Gemeinde aus Angehörigen aus deutschen Familien und Einwanderern aus Galizien. 1928 eröffnen sie eine neue Synagoge in der Cramerstraße. Ihre Mitgliederzahl ist auf 190 gestiegen. Nach der Wirtschaftskrise Ende der 20er-Jahre und antisemitischen Hetzkampagnen wandern viele Juden aus. 1939 leben noch 21 hier. Nach 1945 kehren drei Jüdinnen nach Delmenhorst zurück. Erst 1997 konnte sich durch Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion eine neue Gemeinde gründen.

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