Porträt der Woche

Die Welt verbessern

Am besten klappt es mittags um zwölf. Dann ist es ruhig, und eine Bahn gehört mir. Ich schwimme fast eine Stunde lang am Stück und zwar auf Tempo. Wenn ich meinen Kopf unter Wasser tauche, trennt sich mein Körper von meinen Gedanken. Der Körper schwimmt wie ein Automat weiter, und die Gedanken entwickeln ein Eigenleben. Genau in dieser Phase bekomme ich meine besten Ideen. Und wie schön ist es erst im Winter! Da schwimme ich am Ende immer hinaus ins Freie. Alles um mich herum dampft, und die Sonne bringt Schnee und Eis zum Funkeln.

Schwimmen ist wunderbar. Ich versuche, es einmal in der Woche einzuplanen. Viel häufiger aber stehen wir um die Mittagszeit zusammen in unserer koscher milchigen Küche und machen uns eine Kleinigkeit. Seit Sommer letzten Jahres sind wir in diesen Räumen mitten in München. Die Europäische Janusz-Korczak-Akademie, deren Präsidentin ich bin, hat ein Zuhause bekommen. Und auch ich habe ein Zuhause bekommen. So oft war ich irgendwo auf der Welt unterwegs mit meinem Köfferchen. Die Suche nach Heimat zieht sich durch mein ganzes Leben. Ich glaube tatsächlich, ich wurde hierher geführt, wenn nicht sogar hierher gezwungen.

Die Korczak-Akademie ist eine jüdische Bildungseinrichtung, offen für alle Strömungen. Wir sind ein gemeinnütziger Verein, der das Angebot der Gemeinde ergänzt und erweitert. Ich habe die Akademie zusammen mit ein paar Leuten aus der Gemeinde vor etwa zwei Jahren gegründet. Am Anfang haben wir von zu Hause aus gearbeitet und uns in Cafés getroffen, um alles zu koordinieren. Jetzt haben wir eigene Räume. Der große lässt sich im Nu in einen Saal für 40 Leute umbauen, oder wir machen Platz zum Tangotanzen für Singles und Paare. Genauso schnell haben wir dann auch alles wieder zur Seite geräumt, wenn die Kleinsten kommen und loskrabbeln wollen – ein Anblick, an dem ich mich nicht sattsehen kann.

Herzklopfen Ich erinnere mich noch genau an unser allererstes Treffen, als wir die Räume hier eröffneten und uns voller Herzklopfen ansahen, während wir auf die Besucher warteten. Alles war geschmückt, ein Imbiss stand bereit, und wir dachten: Was wird aus dem, was wir vorhaben, was wird aus uns, wie wird sich alles entwickeln? Kommt jemand, kommt niemand? Doch dann strömten die Menschen herein. Plötzlich waren die Räume voll. In diesem magischen Moment wurde der Gedanke in uns stark: Wir werden uns sehr bemühen, unserer Gemeinschaft etwas zu geben. Das ist vielleicht das Wichtigste.

Zurzeit besteht unser Team aus acht Mitarbeitern. Da gibt es keine strenge Aufgabenverteilung. Manchmal leite ich auch selbst Projekte, besonders, wenn es um das Thema interkulturelle und interreligiöse Vermittlung geht. Dafür war ich schon zuständig, als ich früher für das Jugend- und Kulturzentrum der Gemeinde als freie Mitarbeiterin gearbeitet habe. Durch die Synagoge führe ich bis heute. Ich habe damals für die Gemeinde auch zum ersten Mal einen Jugendaustausch mit Israel organisiert. Dabei hat sich allmählich die Idee von einer eigenen Akademie in meinem Kopf festgesetzt.

Ja, man kann mich durchaus auch eine Managerin nennen. Wir organisieren in der Akademie internationale Austauschprogramme, machen vor allem Veranstaltungen für junge Familien, Studenten und Zuwanderer. Und wir bilden Leute aus, die in Zukunft die Gemeinden führen. Wir wenden uns aber auch an die nichtjüdische Öffentlichkeit. Dazu gehören zum Beispiel die Janusz-Korczak-Tage, bei denen es viel um Pädagogik geht. Das zu organisieren, braucht Zeit.

Yoga Morgens vor der ersten Tasse Kaffee und dem ersten Blick ins Internet hole ich mir Kraft und Entspannung – durch Yoga. Das ist mein Luxus. Bei offenem Fenster mache ich meine Übungen etwa 20 Minuten lang. Danach kann es losgehen mit neuen Projekten. Von einem muss ich unbedingt erzählen: Viermal im Jahr organisiert unsere Akademie ein Forum, das sich »Offenes jüdisches München« nennt. Wir laden dazu alle jüdischen Organisationen der Stadt ein, damit sie sich austauschen können. Bei so einem Treffen hat uns die Filmemacherin Paula Targownik – sie kommt aus Brasilien, lebt aber schon lange mit ihrer Familie in Deutschland – von einer Anatevka-Aufführung in São Paulo erzählt, die so erfolgreich gewesen sei, dass die Leute nach immer mehr verlangten. Bis auf die Hauptrollen wurde alles von Gemeindemitgliedern gespielt, getanzt und gesungen. Wir waren begeistert von der Idee und haben gesagt: Das wollen wir auch machen.

Gibt es etwas Besseres für die jüdische Gemeinschaft als ein Integrationsprojekt für alle Gruppierungen, das gleichzeitig jüdisches Leben präsentiert? Ich habe die Projektleitung übernommen, das Ganze wird von der Akademie gefördert, ist aber völlig selbstständig. Mein Herz klopft schneller, wenn ich nur daran denke, was daraus werden könnte, und wir sind auch schon ziemlich weit mit der Sache. Im Herbst zu den Jüdischen Kulturtagen soll Premiere sein. Die Mappe dazu ist gerade fertig geworden: »Anatevka. Wir sind angekommen«, steht da. Ja, wir sind angekommen mit unseren Koffern und können zurückblicken auf die Welt, aus der wir kamen.

Kloster Mein Leben begann 1948 in Temeschwar, in Rumänien. Aufgewachsen bin ich in Wien. Dort war ich die einzige Jüdin in einem Mädchenkloster der Karmeliterinnen. Eine gute Zeit. Aber irgendwann wurde es in Österreich für mich zu schwierig. Mal hat man uns Juden akzeptiert, dann wieder nicht, meine Eltern saßen ständig auf gepackten Koffern. Mich hat das sehr zornig und unruhig gemacht. »Trefft endlich eine Entscheidung«, habe ich von ihnen gefordert, »man muss doch irgendwo hingehören!«

Damals war ich 16. Wir sind dann tatsächlich nach New York gegangen, wo es Mutter und Vater allerdings nicht lange aushielten. Sie sind zurück nach Europa, nach Frankfurt. Aber ich, ich war natürlich begeistert von dieser riesigen Stadt. Ich blieb beim Bruder meiner Mutter und dessen Frau und absolvierte Highschool und College. Später studierte ich in Brüssel Journalistik, habe dort mit Freunden »Radio Judaica« gegründet und ging nach Israel.

Ich heiratete und bekam meine beiden Kinder Lydia und Daniel. Irgendwann lebte ich dann in Italien, bis ich nach kleineren und größeren Katastrophen wieder in Deutschland und schließlich in München gelandet bin. Hier ist auch meine Tochter mit ihrer Familie zu Hause. Mein Sohn lebt in Berlin und wird, so Gott will, dieses Jahr zum orthodoxen Rabbiner ordiniert.

Mittelpunkt unseres Familienlebens ist und bleibt der Schabbat, mit selbst gebackener Challa und Kerzenzünden – bis es Nacht wird, Ruhe einkehrt und ich meinen Gedanken freien Lauf lasse. Ich bin ein Nachtmensch, aber irgendwann schlafe ich ein, lasse Ideen erst einmal sacken, um dann vielleicht am nächsten Tag mit jemandem darüber zu reden. Ich mag es, im Team zu arbeiten, habe schrecklich gerne Leute um mich.

Die Räume unserer Akademie nennen wir das Janusz-Korczak-Haus, und davon sollen mehr entstehen, auch in anderen deutschen Städten. Bald wird es uns in Berlin geben. Ja, ich spüre Janusz Korczak an meiner Seite. Hinter diesem großartigen Menschen verbirgt sich die Idee, dass man durch Lehre, durch Bildung, durch Wissen die Welt reparieren kann. Das ist Tikkun Olam. Das ist unser Programm.

Aufgezeichnet von Katrin Diehl

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